Literatur : Hin und weg

„Fast letzte Erzählungen“ von Peter O. Chotjewitz

Daniel Völzke

Gedichte lesen sich anders, wenn sie wie von Günter Grass unter dem Titel „Letzte Tänze“ veröffentlicht werden, und ein Roman erhält zusätzlich Gewicht, wenn er wie bei Walter Kempowski „Letzte Grüße“ heißt. Nun legt Peter O. Chotjewitz, 1934 geboren, „Fast letzte Erzählungen“ vor. Schlicht und endgültig wie ein Kondolenzbrief ist das Cover gestaltet, in Tiefblau mit weißer Schrift. Chotjewitz – nicht versöhnt, aber seit je irgendwie altersmilde – nimmt in diesen zwischen 1985 und 2006 entstandenen Erzählungen, Essays, Skizzen, Pamphleten und Statements tatsächlich Abschied: Es geht ums Sterben und Vermissen, um unerfüllte politische Hoffnungen und offene Rechnungen. Der engagierte Schriftsteller, Dario-Fo-Übersetzer und einstige Anwalt von Andreas Baader lässt noch einmal die schwankenden Gestalten antreten, die Desperados, Gammler und Hippies, die vergessenen Underground- Dichter und Fluxus-Avantgardisten, die sowjetische Nomenklatura oder auch einfach nur alte Saufkumpanen.

Doch Chotjewitz schwelgt nie in seinen Erinnerungen. Kurz bevor er sentimental wird, beauftragt er seinen Trotz und seinen Witz, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Oder er bricht unvermittelt ab mit einer lockeren Parole wie „Man müsste allen Pfaffen das Maul verbieten“ oder in demütiger, vielleicht auch verstockter Anwaltslakonik: „Das ist alles, was ich dazu sagen kann.“ Bitter wird der Ton in seinen Texten über die RAF. Ein Porträt Baaders beginnt wie ein Groschenroman für Homosexuelle, wartet mit Partisanenromantik und Heldenkitsch auf, bevor sich der Text schließlich, als er die letzten Monate in Stammheim beschreibt, durch Entschuldigungen, Unterstellungen, Andeutungen und Verzweiflung abschottet. Peter O. Chotjewitz wollte stets „die Gegenstände, so wie sie sind, dem Leser überreichen“, und das heißt auch, betont unliterarisch zu schreiben. Anekdoten statt Geschichten, keine peinlichen Konstruktionen und Effekte. Manches wird dadurch schlicht langweilig. Einige Erzählungen hingegen versichern sich ihrer Mittel. Sie spielen mit Genres und Konventionen wie etwa zwei Entwürfe von Kriminalgeschichten.

Manchmal setzt Chotjewitz zu einer Handlung an, die dann wie im „Was tun, wenn der Tod ...?“ nur dürftig die Aphorismen umklammert, um die es eigentlich geht. Der Tod tritt hier als lästiger Sensenmann auf, den man mit ein paar klugen Gedanken verscheuchen kann. Chotjewitz mit seinem oft witzigen, bisweilen selbstgenügsamen Faible für Fragmente arbeitet nach dem Scheherazade-Prinzip: Die Erzählerin aus Tausendundeiner Nacht konnte sich bekanntlich vor der drohenden Hinrichtung stets bis zum nächsten Tag retten, weil sie mit ihren fast letzten Geschichten ihrem Herrn und Zuhörer die Pointe versagte.

Peter O. Chotjewitz: Fast letzte Erzählungen. Verbrecher Verlag, Berlin 2007. 200 Seiten, 13 €

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