Historie : Die vergessene Verschwörung gegen Hitler

Das missglückte Stauffenberg-Attentat auf Hitler war nicht die erste Verschwörung von Militärs. Terry Parssinen über den militärischen Widerstand in Nazi-Deutschland.

Hannes Schwenger

Eine der schillerndsten Figuren des deutschen Widerstands gegen Hitler war Friedrich Wilhelm Heinz – einer der wenigen Überlebenden des militärischen Widerstands und nach dem Krieg Chef eines bundesdeutschen Geheimdienstes. Wie sein noch im April 1945 hingerichteter Freund Hans Oster war er in der Auslandsabwehr bei Wilhelm Canaris tätig, wo die Fäden der ersten Verschwörung der Militärs vor Stauffenbergs Attentat zusammenliefen. Der amerikanische Historiker Terry Parssinen nennt sie in seinem neuen Buch die vergessene Verschwörung, weil sie letztlich zu keiner sichtbaren Aktion führte und deshalb von Historikern als „unentschlossen, ineffektiv oder ganz einfach als feige“ eingeschätzt wurde.

Ganz anders liest es sich in den unveröffentlichten Erinnerungen von Friedrich Wilhelm Heinz, der Hans Oster mit dem tapferen Bekenntnis im Gestapo-Verhör zitiert: „Jawohl, ich habe von Anfang an kein anderes Ziel im Auge gehabt, als Hitler und seine Verbrecherherrschaft zu stürzen.“ Nun ist Heinz, der laut Parssinen „aus einer recht düsteren Tradition der jüngsten deutschen Geschichte kam“ – den Freikorps – kein unproblematischer Zeuge. Aber Parssinen ist es gelungen, Zugang zu weiteren Quellen des „vergessenen Widerstands“ zu finden, darunter dem Nachlass des amerikanischen Historikers Harold Deutsch, der selbst ein Buch über Hans Oster und seinen Kreis geplant hatte, aber 1995 verstarb. Deutsch war nach dem Krieg als Vernehmer für den US-Geheimdienst OSS, den Vorläufer der CIA, tätig und stand bis in die 70er Jahre mit Angehörigen der Verschwörer in Verbindung. Die Dokumente aus seinem Nachlass eröffnen für Parssinen „neue Perspektiven auf die Verschwörung und dürften dazu beitragen, mehr Verständnis für deren Entstehung im Frühsommer und Frühherbst 1938 zu entwickeln.“

Tatsächlich kann Parssinen belegen, dass der Kreis um Oster mit Wissen der Wehrmachtsführung während der Sudetenkrise 1938 konkrete Vorbereitungen getroffen hatte, um Hitler festzusetzen oder zu töten, falls er Befehl zu einem Krieg gegen die Alliierten geben würde. General Erwin von Witzleben, Kommandeur des Wehrkreises III (Berlin) sollte Hitler verhaften, Friedrich Wilhelm Heinz die Aktion mit einem bewaffneten Stoßtrupp absichern; Kopf und Organisator der Verschwörung war Hans Oster, in dessen Berliner Wohnung Bayerische Straße 9 das Vorhaben geplant wurde. Die Verschwörer standen – unter anderem über den deutschen Botschaftsrat in London Theo Kordt – in Verbindung mit der britischen Regierung und dem späteren Premierminister Winston Churchill, um die Alliierten zur Unnachgiebigkeit gegenüber Hitler zu bewegen. Für die Zeit nach Hitler dachten die Verschwörer an eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild unter Prinz Wilhelm, Sohn des Kronprinzen, den sie „als sehr saubere, sehr klare und sehr tapfere Soldatengestalt“ ansahen.

Es war dann ausgerechnet die britische Regierung, die in den Verhandlungen mit Hitler einknickte und dem deutschen Führer im Münchner Abkommen die Annexion des Sudetenlands zugestand. Dass damit Hitlers Kriegspläne nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben waren, erwies sich zwar schon ein Jahr später, doch den deutschen Verschwörern war es zunächst unmöglich gemacht, den triumphierenden Diktator zu stürzen. Als Hitler dann im Herbst 1939 losschlug, hatte er die entschiedensten Gegner seiner Expansionspläne in der Wehrmachtsführung – Generaloberst Beck und Generaloberst Fritsch – aus ihren Ämtern entfernt. „Das Scheitern der Oster-Verschwörung im September 1938“, schreibt Parssinen im Epilog, „bedeutete nicht das Ende des Widerstands für diesen überzeugten Nazi-Gegner.“ Aber wie das Münchner Abkommen verhinderte auch der Hitler-Stalin-Pakt 1939 eine erneute Aktion, denn „deutsche Offiziere sahen einem möglichen Krieg nun mit viel weniger Unbehagen entgegen als im September 1938, und die Begeisterung der Generale für einen Staatsstreich schwand dahin“.

Als Oster im November 1939 dennoch ein Attentat auf Hitler vorbereitete, kam der missglückte Bombenanschlag des Einzelgängers Georg Elser dazwischen und löste verschärfte Sicherheitsmaßnahmen aus. Ein drittes Mal versagte der Zünder einer in Hitlers Flugzeug geschmuggelten Bombe; ein weiterer Anschlag scheiterte, weil Hitler den vorgesehenen Ort, das Berliner Zeughaus, vorzeitig verließ. Es war die letzte Aktion Osters, der im September 1943 unter Hausarrest gestellt und nach dem 20. Juli, an dem er nicht beteiligt war, verhaftet wurde; Friedrich Wilhelm Heinz gelang es, bis Kriegsende unterzutauchen. Als die Gestapo im Frühjahr 1945 neue belastende Dokumente des militärischen Widerstands entdeckte, ließ Hitler in letzter Stunde – am 9. April 1945 – Hans Oster und seine Mitverschworenen Wilhelm Canaris, Hans von Dohnanyi und Dietrich Bonhoeffer hinrichten. Die „vergessene Verschwörung“ hatte er nicht vergessen.

– Terry Parssinen:

Die vergessene Verschwörung. Hans

Oster und der militärische Widerstand

gegen Hitler. Siedler Verlag, München 2008. 286 Seiten,

22,95 Euro.

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