Hitler besiegen : Seele statt Muskeln

Der jüdische Staat müsse sich endlich vom Holocaust lösen, fordert Israels Ex-Parlamentspräsident Avraham Burg.

Andrea Nüsse

Der Leser reibt sich ungläubig die Augen. Immer wieder stockt einem bei der Lektüre der Atem. Dieses Buch ist eine Bombe. Eine geistige Bombe, die das Selbstverständnis des jüdischen Staates und der israelischen Identität in der Luft zerfetzt. Radikal, gnadenlos und polemisch. Anders als die Sprengstoffanschläge palästinensischer Attentäter erschüttert dieses Buch das Fundament des zionistischen Establishments, das für Staatsgründung und Staatsführung verantwortlich ist, bis ins Mark. Denn der Vorwurf, Israel habe eine Holocaust-„Industrie“ entwickelt, die das Land wie in einem „Ghetto“ gefangen hält und zum Verlust von Moral und Werten des traditionellen Judentums geführt hat, kommt nicht aus dem Lager des politischen Feindes oder gar antisemitischen Kreisen: Der in Israel geborene Avraham Burg war bis vor kurzem ein Pfeiler des Zionismus und der politischen Führung des Landes. Zwar hat der israelische Historiker Tom Segev in seinem kontrovers diskutierten Werk „Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung“ schon 1991 erstmals Einfluss und politische Instrumentalisierung des Holocaust in Israel anhand neuer Quellen und Dokumente nachgezeichnet. Der Politiker Burg zieht daraus nun sehr politische Schlüsse und Forderungen.

Der ehemalige Parlamentspräsident wurde geradezu in die Machtzirkel hineingeboren. Sein Vater, Josef Burg, ein aus Dresden stammender Doktor der Philosophie und Rabbiner, der 1939 nach Palästina auswanderte, gehörte zu der Generation der Staatsgründer und hatte jahrzehntelang Ministerämter inne. Der 1955 in Israel geborene Avraham diente in der Eliteeinheit der Fallschirmspringer, noch immer Sprungbrett für politische Karrieren in Israel. Anders als sein Vater, der damals Innenminister war, lehnte er den Libanonkrieg ab, engagierte sich bei Peace Now. Dann nahm die Karriere ihren Lauf: Berater von Shimon Peres, Parlamentsabgeordneter und Knesset-Präsident – außerdem leitete der gläubige Jude die Jewish Agency und führte als Vorsitzender der zionistischen Weltorganisation die Entschädigungsverhandlungen mit Schweizer Banken.

Das 2007 in Israel erschienene Buch ist eine Mischung aus Memoiren, Tribut an die Eltern, Meditation über das Wesen des Judaismus und politischer Analyse. Die Hauptthese ist, dass Israel sich auf einem gefährlichen Irrweg befinde, weil es den Holocaust zu einem „theologischen Pfeiler der jüdischen Identität“ gemacht habe und in der Opferrolle verharre – obwohl die Juden über einen starken Staat und mehr Macht als je zuvor in der Geschichte verfügen. Man kultiviere die Einzigartigkeit des Holocaust, der im Alltag jedes Israelis allgegenwärtig ist, durch Gedenkrituale und Klassenreisen nach Polen sowie tägliche Zeitungsartikel. Eine Folge laut Burg: Israel habe „Muskeln entwickelt, keine Seele“. Man setze auf Gewalt und militärische Macht, was angesichts der feindlichen Gesinnung vieler gegenüber Israel in der Region vielleicht verständlich sei. Doch man verkenne, dass die Welt sich seit 1945 grundlegend verändert habe: Die internationale Staatengemeinschaft habe sich die Lehre des „Nie Wieder“ zu eigen gemacht, so dass Israel beispielsweise nicht allein einem bedrohlichen Iran gegenüberstände. Stattdessen sei die Shoah zur Entschuldigung und „Triebkraft jeglichen Handelns“ stilisiert worden. „Alles ist erlaubt, weil wir die Shoah durchgemacht haben und niemand uns sagen darf, was wir zu tun haben“. Das bekämen vor allem die Palästinenser zu spüren, die durch Nazi-Attribute als überlebensgroßer Feind überhöht würden.

In seiner historischen Analyse der israelischen „Fehlentwicklung“ folgt Burg eng den Ergebnissen des Historikers Segev. Als Wendepunkt sehen beide den Eichmann-Prozess an, den Präsident Ben Gurion 1961 als „Schauprozess“ inszenierte, um die Shoah zum Teil der Identität aller Israelis zu machen, auch der arabischen Juden, die nach Vernichtung der europäischen Juden ins Land geholt wurden, um den zionistischen Traum zu verwirklichen. Statt mit der Hinrichtung Eichmanns ein neues Kapitel aufzuschlagen, habe damit der Shoah-Diskurs erst begonnen. Bis dahin hatte der Mord an sechs Millionen Juden im öffentlichen Diskurs keine Rolle gespielt. Im Krieg von 1967, in dem Israel die palästinensischen Gebiete eroberte, deren Besatzung bis heute anhält und nach Ansicht Burgs zum „heutigen Albtraum“ führte, „holten die israelische Armee und unser Nationalgeist in einem Blitzkrieg zurück, was Hitler und Eichmann vernichtet hatten“.

Natürlich stimmt der Einwand, dass Traumata erst mit gewissem zeitlichem Abstand aufgearbeitet werden können. Deutschland hat erst in den 60er Jahren ernsthaft mit der Aufarbeitung seiner Nazi-Vergangenheit begonnen. Und der Massenmord an den Juden, der indirekt zur Gründung Israels geführt hat, ist unbestreitbar Teil der Geschichte Israels. Doch Burg geht es um die politische Instrumentalisierung des Holocaust. Anschaulich illustriert er seine These, dass das Beharren auf dem Alleinvertretungsanspruch Israels für Opfer und Gedenken – die Mehrheit der Juden lebt außerhalb des jüdischen Staates – und die gezielte Kultivierung der Umzingelungsmentalität verhindere, dass Israel sich aus der politischen Sackgasse befreit, in der es steckt. Und eine öffentliche Debatte über die Zukunft Israels ermöglicht, die nach Ansicht Burgs so dringend nötig ist. Der Prophet Burg sieht diese im Anknüpfen an die humanistischen und universellen Werte, wie sie das europäische Judentum entwickelt hat. Erst damit wäre Hitler „endgültig besiegt“.

Das größte Entsetzen in Israel haben jedoch die Vergleiche Burgs zwischen den politischen, sozialen und nationalen Strukturen in Israel heute und denen im Deutschland zwischen Reichsgründung und dem Ende der Weimarer Republik ausgelöst. Staatsgründung durch Waffengewalt, Niederlage und Demütigung, die zu Militarismus und Rachegedanken führen, Ausgrenzung von Minderheiten – „gewisse Momente der israelischen Erfahrung weisen große Ähnlichkeit auf“ mit der „langen Inkubationszeit, die dem Nationalsozialismus voranging“, schreibt Burg provozierend. Diese Vergleiche sind grob und leicht zu widerlegen – wie die meisten historischen Analogien, was Burg selbst einräumt. Doch hier spricht der radikale Therapeut, der seine Gesellschaft durch Schmerzzufügung aufrütteln will: Israel sei aufgrund seiner Geschichte nicht automatisch gefeit gegen Irrwege.

Die Debatte in Israel war heftig, viele Weggefährten haben sich von Burg losgesagt und werfen ihm vor, ein „Deserteur“ zu sein. Für den deutschen Leser ist das Buch nicht nur interessant wegen des Einblicks in eine hierzulande kaum bekannte innerisraelische Debatte. Burg selbst betont, wie relevant diese Diskussion auch für Deutschland ist: „An dem Tag, an dem wir Auschwitz verlassen und einen neuen Staat Israel errichten, müssen wir auch Deutschland freigeben.“

– Avraham Burg: Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009. 280 Seiten, 22,90 Euro.

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