Hör BÜCHER : Das Nichts nichtet immer noch

Jens Sparschuh lässt sich von einer Großmutter über Heidegger erzählen.

Jens Sparschuh

Christoph D. Brummes erster Roman erschien 1994. Er trug den für ein Debüt ziemlich naheliegenden, zugleich sehr selbstbewussten Titel „Nichts als das“. Der Autor hatte völlig recht: Mit diesem Buch war ihm eine einzigartige Erzählung über einen Heranwachsenden gelungen. Es ist nur folgerichtig, dass diese nun wiederaufgelegt worden ist. Parallel zur Neuausgabe gibt es ein Hörbuch, bei dem der überaus sprechende Name des Protagonisten inzwischen zum Haupttitel avanciert ist: „No“ gelesen von Corinna Harfouch (Dittrich Verlag 2008).

Brumme schildert darin das Leben des Jungen No in einem Dorf irgendwo im Schatten des Harzes, wo die Dörfer Elend und Sorge heißen, im Osten also. Ihre archaische Kraft entfaltet diese Erzählung aber auch ganz ohne DDR-Zutun. Dieses kleine, oft maßlos überschätzte Land mag äußeren Anlass und Ambiente für diesen Roman geliefert haben, da Brumme sich jedoch nicht mit einem weitschweifenden, weitschweifigen Panoramablick begnügt sondernd aufs Detail sieht, reicht sein Blick tiefer: Grundmuster von Gewalt werden sichtbar, solch pädagogisch gemeinte Zurichterei wie in diesem Buch gibt es schließlich auch anderswo – um ganz konkret zu sein: immer wieder und überall.

Da es eine reine Lesung ist, habe ich mich zunächst gefragt, was der Hinweis im Booklet soll – Regie: Christoph D. Brumme? Aber es kommt schon darauf an, wer da liest. Diese wirklich vorzügliche Besetzung – und zwar mit einer Frauenstimme! – verhindert jeden pseudorealistischen Anflug. Ansonsten ist Brumme in dieser Personalunion absolut werktreu und überlässt die eigentliche Regie ganz seinem Text, macht also auch als Regisseur alles richtig.

Die Probe aufs Exempel

Eine Schlüsselszene gibt es gleich zu Beginn: No sitzt am Küchentisch und soll lesen lernen. Quälend genau wird beschrieben, wie No sich unter den Schlägen des Vaters den Lesebuch-Namen L-i-l-o zusammenbuchstabiert. Damit ist der Grundton des ganzen Buches angeschlagen: So setzt sich alles, was No in dieser engen Szenerie von Küche, Kinderzimmer und Keller erlebt, zusammen.

Ums Lesenlernen geht es auch in Joachim Zelters „Die Würde des Lügens“ (Hörbuch Hamburg, 2008). Wie Brumme ist Zelter Jahrgang 1962, geboren wurde er in Freiburg. Wenn der Enkel lesen soll, schaut er auf die Seiten des Buches – und erzählt dabei Geschichten. Nur als er dabei einmal zufällig für längere Zeit in die Luft schaut, wird seine Großmutter misstrauisch. Also: den Blick wieder zurück ins Buch und weitererzählen. – Geht doch, meint die Großmutter und ist zufrieden.

Von diesem Zuschnitt sind Enkel (Dietmar Mues) und Großmutter (Monica Bleibtreu) in Zelters feinem Roman, der uns weitaus entspanntere Generationenverhältnisse vorführt, vor allem aber eine hohe Schule der Lüge ist.

"Der Lügner leidet unter der Wirklichkeit"

Eine superbe Idee – und gleichsam die Probe aufs Exempel –, diesen Text als Live-Mitschnitt einer öffentlichen szenischen Lesung zu präsentieren. Vergleicht man die Reaktionen des Publikums mit den eigenen, merkt man, wie viele unterschiedliche Wirklichkeiten und Wahrnehmungsweisen es gibt. Wo wäre denn da die eine Wahrheit? Hier geht es nicht darum, sich als Wahrheitssuchender mit der Wirklichkeit zu arrangieren, sondern um die kreative Kraft der Lüge: „Der Lügner leidet unter der Wirklichkeit und versucht, sie zu verändern.“

In einem Buchgespinst wie diesem nimmt es nicht wunder, dass der Nachbar der beiden, dieser lodelige „Wurzelsepp“, kein anderer als der bekannte Philosophieprofessor Martin Heidegger ist. Großmutter überlegt schon, ob der nicht in seiner reich bemessenen Freizeit ihrem hochbegabten und lesefreudigen Enkel Privatstunden geben könnte.

Grund genug für sie, vorher erst einmal Heideggers Hauptwerk, „Sein und Zeit“, zu studieren. Auf die Frage „Was ist das Sein?“ findet sie da: „Es ist es selbst.“ Nichts sonst? fragt sich die Großmutter. Und wie ist es mit dem Nichts? „Das Nichts nichtet.“ Das ist ja furchtbar! ruft die Großmutter. Auch wenn sie bis dahin viel Haarsträubendes von sich gegeben hat: In puncto Heidegger wollen wir ihr hier uneingeschränkt zustimmen.

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