Hör BÜCHER : Glückwunsch, Sie sind durchgefallen!

Jens Sparschuh macht sich vertraut mit der Schönheit des Scheiterns

Jens Sparschuh

Was eigentlich ist mit Karl-Ludwig, dem erfolgsorientierten Sparkassenfilialleiter, los? Wieso erwartet eine Oma, die schon stolze Besitzerin von zwölf Staubsaugern ist, so sehnsüchtig die Nr. 13? Und was, um Himmels willen, bringt einen Pfarrer dazu, mit gebrauchten Schulrucksäcken in die Badewanne zu steigen?

Wer schon immer Antworten auf Fragen wie diese suchte, ist bei Herbert Hoven (Überlebenskünstler, Deutsche Lebensläufe, Hoffmann und Campe, 2007) gut aufgehoben. Hier findet sich ein ganzes, aus O-Tönen zusammengesetztes Mosaik unserer Gesellschaft. Es sind Berichte von Menschen, die im Hamsterrad des täglichen Lebens unterwegs sind, Nachrichten von Überlebenden also. Beim Hören gewinnt man bisweilen den Eindruck, dass wir in einer Gesellschaft mit nur noch „begrenzter Haftung“ für den Einzelnen leben.

Spärlich gesetzte Musikakzente und ein extrem reduzierter Inszenierungsstil drücken vor allem eines aus: Respekt vor diesen Lebensgeschichten. Gelesen werden die O-Ton-Protokolle übrigens von professionellen Schauspielern. Eine kluge Entscheidung! Paradoxerweise wird dadurch die Authentizität noch gesteigert, weil so, über den Einzelfall hinaus, auch das Exemplarische ins Blickfeld gerät.

Der Pfarrer in seiner Wanne schrubbt an den schmuddeligen Rucksäcken herum, damit sie wie neu aussehen; am nächsten Tag will er sie an Kinder von Sozialhilfeempfängern weiterverteilen. Und die Oma freut sich, wenn sie mal wieder mit einem lebendigen Menschen reden kann, auch wenn es bloß ein Staubsaugervertreter dieser Gattung ist.

Ein besonderer Fall ist Karl-Ludwig. Wie schnell die Fassade bröckelt, wenn er von seinem Sparkassenalltag berichtet, wie rasant seine markigen Sprüche sich in heiße Luft auflösen – das ist nicht ohne persönliche Tragik. Es spiegelt den Grundwiderspruch unserer Gesellschaft: Rationalisierung wird mit Stellenabbau gleichgesetzt. Was aber abgeschafft wird, sind Menschen: rationale, vernunftbegabte Wesen. Ratio bedeutet also nichts anderes als die Abschaffung von Ratio. Damit ist der Teufelskreis unseres sich um sich selbst drehenden Gesellschaftsspiels umrissen. Schon der Aphoristiker Lec wusste, was am Ende dabei herauskommt: „Konsequente Sparsamkeit müsste zur Abschaffung der Welt führen.“

Die Frage, wie man da ausbrechen soll, stellt sich allerdings für manche Mitspieler schon gar nicht mehr: Sie werden ungefragt in die Wüste, sprich: nach Hause, geschickt. Doch auch Karl-Ludwig, der seinen Posten sicher hat, ist zu Hause nicht richtig glücklich. „Zu Hause spielen sich dann auch teilweise die noch nicht verarbeiteten Erlebnisse aus der Sparkasse ab.“ (Das muss man sich mal bildhaft vorstellen, was da bei Filialleiters abends zu Hause so abgeht!) „Sie spielen sich dann in der Gestalt ab, dass es zu Hause manchmal sprachlos zugeht, dass…“ – Und hier schweigt er für einen sehr bedeutungsvollen Moment.

Wie etwas hochprofessionell schiefgehen kann, zeigt das Autorenduo serotonin (Marie-Luise Goerke und Matthias Pusch) im Hörspiel „Scheitern für Fortgeschrittene“ (Der Audio Verlag, 2007). Diese schnelle, überdrehte Sozialkomödie erzählt die Geschichte von Aufstieg und Fall des geborenen Losers Christian Fennbauer. Anke, seine Frau, hat instinktsicher Christians große Stärke erkannt: Er kann nur eines richtig, aber das auf ganzer Linie: scheitern. Was liegt da näher, als aus dieser Begabung Profit zu ziehen und eine „Akademie des Scheiterns“ zu gründen? Auf dem Weg dorthin hören wir O-Töne von Psychologen und Unternehmensberatern. Einmal kommt ein Pfarrer zu Wort. Für den gehört das Scheitern allerdings bereits zur unbestrittenen „Kernkompetenz“ der Kirche. Das alles mischt sich so, dass man Wirklichkeit und Fiktion kaum unterscheiden kann. Es kommt, wie es kommen muss: Eines Tages scheitert Fennbauer, der inzwischen sogar „Unternehmer des Jahres“ geworden ist, wieder: Er fliegt aus seiner eigenen Akademie raus. Ein Problem? Nein, in der Logik dieser Schule des Scheiterns heißt es nun: „Herzlichen Glückwunsch: durchgefallen!“

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