Hör BÜCHER : Mehr als nur ein Leben

Jens Sparschuh über Musiker und Schriftsteller als Alleinunterhalter

Jens Sparschuh

In einem babylonisch anmutenden Romanturmbauwerk wurde neulich die verwirrende, politisch überaus korrekte Milchmädchenrechnung aufgemacht: In der DDR hätten „halbe Menschen mit halben Leben“ gelebt. Schön und gut, aber wo ist das Problem? Wenn ganze Menschen ein ganzes Leben haben, müssen halbe selbstverständlich ein halbes Leben haben. Im Ergebnis bleibt sich das sowieso gleich: Eins durch eins ist, ebenso wie einhalb geteilt durch einhalb, gleich eins; hier liegt also eine völlig korrekte Kürzung vor. Ist das jetzt zynisch? Nein, es ist nur arithmetisch.

Hans-Eckardt Wenzel hat zwar auch in der DDR gelebt, aber wer „Wenzel! Solo! Live!“ (Matrosenblau, 2008) hört, wird feststellen: von einem halben Leben – keine Spur. Dieser Mann mit dem Schifferklavier ist weder Halb- noch Leichtmatrose: Er ist Vollmatrose! Wie soll man beschreiben, was Wenzel auf der Bühne treibt? Ist er Poet? Clown? Alleinunterhalter? Von allem etwas, aber das in einer wirklich unverwechselbaren Mischung: Ein furioses Ein-Mann-Orchester, ein Gesamtkunstwerk im verschwitzten Matrosenhemd. Neben Gitarre, Klavier und Akkordeon, die auf dem Cover verzeichnet sind, sollte die Posaune, die Wenzel in der „Heringsdorfer Promenade“ gewissermaßen a cappella (das heißt: nur mit dick aufgeblasenen Backen) „spielt“, keinesfalls unterschlagen werden.

Wenzels Texte haben oft einen beinahe volksliedhaften Ton. Von ihrer Güte wird man restlos überzeugt sein, wenn man im Booklet entdeckt, dass Wenzel, ohne dass das groß zu merken wäre, auch Texte von Paul Gerhardt, Erich Mühsam und Theodor Kramer mit eingeschmuggelt hat. Und sogar einen von Johannes R. Becher!

Tom Cruise, der verhinderte Hitler-Attentäter, bekam letztes Jahre einen „Bambi für persönlichen Mut“. Nun weiß ich zwar nicht, wie gefährlich es am Filmset wirklich zuging, aber wer sich heutzutage traut, einen Becher-Text, einfach, weil der gut ist, in sein Programm aufzunehmen, der hat, auch ohne ein scheußliches Reh dafür in Empfang zu nehmen, seinen persönlichen Mut unter Beweis gestellt. Hut ab, lieber Wenzel!

Schon oft ging es in dieser Kolumne um die Frage, ob Hörbücher bei Kindern denn das Musikverständnis fördern können. Meist ist das viel zu paukig und trompetig. Ein Orchesterhörspiel mit Musik, „Der Krieg der Knöpfe“, (headroom sound production) hat nun den Deutschen Hörbuchpreis 2009 für das „Beste Kinderhörbuch“ erhalten. Sehr zu Recht! In dieser Produktion stimmt einfach alles: Unter der Regie von Judith Lorentz ist es ein hinreißendes, punktgenaues Zusammenspiel von Sprache und Musik. Textgrundlage ist der Roman von Louis Pergaud, in dem es um die Bandenkriege zwischen den Jungs aus den südostfranzösischen Dörfern Longeverne und Velrans geht. Henrik Albrechts Musik illustriert nicht – sie kommentiert, persifliert, ironisiert und baut so eine Spannung auf, die für 55 erstklassige Hörbuchminuten sorgt.

Ebenfalls von Henrik Albrecht stammt die Musik zu Jens Wawrczeck: „Die schlafende Schöne und andere Melodramen“, (Lauscherlounge Records). Albrecht und Wawrczeck sind ein perfektes Team. An dieser Stelle sei nachdrücklich auf das instruktive Booklet hingewiesen. Während die gute Gelegenheit, in einem Begleitheft brauchbare Informationen statt sinnloser Werbung zu liefern, viel zu oft leichtfertig vertan wird, erfährt man hier Spannendes über das Making-of dieser Koproduktion. So empfand, zum Beispiel, Wawrczeck Oscar Wildes Märchen vom selbstsüchtigen Riesen zunächst als ziemlich pathetisch, Albrechts Musik ließ ihn schließlich die geheimnisvollen Tiefen dieses Textes erkennen. Und Albrecht wiederum musste erst davon überzeugt werden, dass Perraults’ „Schlafende Schöne“ noch ganz andere Qualitäten aufweist als die handelsübliche Grimmsche Volksausgabe von „Dornröschen“.

In einem Interview mit der Zeitschrift „Hörbücher“ bekannte Jens Wawrczeck, dass es sein Kindheitstraum gewesen sei, Opernsänger zu werden. Den hat er sich hier erfüllt: Am Ende des Hörbuchs singt er ein Lied aus „Peter Pan“. Offenbar gibt es Menschen, die sogar über noch mehr als nur über ein Leben verfügen.

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