Hör BÜCHER : Rico, Guido und die anderen

Jens Sparschuh macht sich Sorgen um den Kapitalismus.

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Alles beginnt mit einer Nudel, die auf dem Gehsteig liegt. „Sie war dick und geriffelt, mit einem Loch drin von vorn bis hinten.“ So sieht Rico die Sache. Kein Wunder, er ist nämlich tiefbegabt, und manche Dinge sieht er sich da etwas gründlicher an als wir. Nudel ist eben nicht gleich Nudel. Grund genug für ihn, in seinem Haus, der Dieffe 93, mal überall nachzufragen, wem denn die Nudel gehören könnte.

So elegant, mit Hilfe einer Fundnudel, die Einwohner eines Hauses vorzustellen, beginnt Andreas Steinhöfels „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ (Hörbuch Hamburg, 2008). Dieser Einstieg ist nicht nur raffiniert, er ist auch auf Augenhöhe mit dem Publikum dieses hinreißenden Hörbuchs: Manchmal schleichen Kinder ja wirklich gesenkten Kopfes durch die Straßen. Wer weiß, was die da zu suchen haben. Ricos Mama arbeitet in einem Nachtclub. Und obwohl manche Rico für einen Schwachkopf halten, zu den „bildungsfernen Schichten“ gehört er deshalb noch lange nicht. Einmal steht seine flotte Mama mit hochgezogenem T-shirt vor dem Spiegel und taxiert kritisch ihr Betriebskapital: „Irgendwann werden das Hängemöpse, ich geb ihnen noch zwei, drei Jahre, dann werden sie Opfer der Schwerkraft.“ Das animiert Rico, schnell mal im Lexikon nachzuschauen, was Schwerkraft eigentlich bedeutet, und er merkt es sich so: „Schwerkraft: Wenn was schwerer ist als man selbst, zieht es einen an. Zum Beispiel ist die Erde schwerer als so ziemlich alles, deshalb fällt keiner von ihr runter. Sie ist gefährlich für Busen und Äpfel.“

Ganz große Literatur für die Kleinen! Und da die hier angesprochene Klientel eher zur CD als zu einem Buch greift, sei der inzwischen reichlich gepriesene und bepreiste Rico ausdrücklich auch in unserer Kolumne empfohlen. Andreas Steinhöfel liest dieses urkomische Ferientagebuch so unprätentiös, so lässig, daß man irgendwann glaubt, Rico selbst würde uns seine Geschichte erzählen.

Brecht versuchte einmal, „in der Art des lukrezischen Lehrgedichts“ das Kommunistische Manifest in Hexameter zu pressen. Das ging zum Glück schief. Thomas Kuczinsky wählt für „Karl Marx: Das Kapital“ (Osterwold, 2009) einen geschickteren Weg. Seine Auswahl folgt einem Briefhinweis von Marx an Kugelmann, welche Abschnitte der seiner „Frau Gemahlin“ abends im Bett vorlesen sollte. Frau Kugelmann wird da also staunend unter ihrer Nachtmütze kapiert haben, wie aus dem Kapitalismus gesetzmäßig und unausweichlich die sozialistische Gesellschaftsordnung hervorwächst.

Unausweichlich? Ich bin von da gekommen und hielt das Ganze eher für eine Unordnung. Ich will nie wieder dorthin zurück. Wenn ich aber sehe, wie das geschlossene quietschgelbe Guidomobil unterdessen volle Fahrt aufgenommen hat und die Maßstäbe bürgerlichen Anstands an die Wand fährt, kann ich mit unserem tiefbegabten Rico nur leise aufstöhnen: „Mann, Mann, Mann!“ Analysiert man diese heftig diskutierte Causa streng wissenschaftlich, ergibt sich für uns beinharte Freudianer folgendes Bild: Während eine Neurose die Welt zwar nicht verleugnet, aber nichts von ihr wissen will und zum Beispiel, ohne Rücksicht auf Verluste und lamentable Kassenlage Steuersenkungen fordert, geht die Psychose einen Schritt weiter: Sie verleugnet die Welt und sucht sie durch eigene Wahnvorstellungen zu ersetzen. Also sieht man entweder überall weiße Mäuse, was noch zu verschmerzen wäre – oder man verwechselt die 3,10 € Verpflegungstagessatz für ein Hartz-IV-Kind mit „spätrömischer Dekadenz“. Wo soll diese Reise bloß hinführen?

Antwort darauf gibt uns Katharina Münk in „Die Insassen“ (Goyalit, 2009). Drei ehemalige Topmanager, nun Insassen der Nervenklinik St. Ägidius, wollen ihre Klapsmühle endlich in Ordnung, auf Trab und an die Börse bringen. Natürlich, Leistung muss sich auch dort wieder lohnen. Über Fehlleistungen aber, ob verbaler oder anderer Art, wird zumindest in dieser Anstalt gnädig hinweggesehen.

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