Hör BÜCHER : Russische Zahnplomben

Jens Sparschuh

Vom 9. Mai bis 22. August 1900 unternahm die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé als verheiratete Frau von 39 Jahren mit einem 14 Jahre jüngeren Mann eine Reise nach Russland. Ihre Impressionen hielt sie in dem Tagebuch „Russland mit Rainer“ fest. Der junge Mann hieß übrigens Rilke und war ein angehender Dichter.

Während es für sie, die gebürtige Petersburgerin, eine Reise in ihre Vergangenheit war, entdeckte Rilke an ihrer Seite eine neue Sprache, eine neue Welt. Lou Andreas-Salomés Tagebuch bildet, flankiert von einem Gedicht und drei Briefen Rilkes, das Kernstück des Hörbuchs „Russische Impressionen. Eine Russlandreise im Jahr 1900“ (Audiobuch, 2009).

Klischees haben ja auch alle mal klein angefangen und ihre kometenhafte Karriere in Form schlichter Wahrheiten begonnen: Wer weiß, vor hundert Jahren war die „russische Seele“ vielleicht wirklich ein weißer Fleck auf der Landkarte und das Land selbst noch nicht derart folkloristisch ausgebeutet wie heute. So ziehen diese Impressionen als Bilder einer Ausstellung mit dem Titel „Russisches Leben“ an uns vorbei. Auf den ersten Blick fehlt nichts: Kirchen, Ikonen, Bauern, Popen.

Auf den zweiten, genaueren Blick bemerkt die Tagebuchschreiberin, dass die vergoldeten Kirchenkuppeln ja eigentlich wie Zahnplomben aussehen. Immer wieder gelingen ihr Beobachtungen von erstaunlicher Daueraktualität: Die erworbene Bildung mache die Russen ihrer eigenen Innerlichkeit fremd, wenn sie, zum Beispiel, ihre Wohnungen „dem von ihnen anempfundenen Westen gemäß“ auskleideten. Ein Höhepunkt der Reise ist eine Dampfschifffahrt auf der Wolga: „In der Bahn durchrennt man die Landschaft, im Schiff empfängt man sie.“ Was sie da empfängt, sind Bilder von einer Größe und Weite, die das Gegenteil zur pittoresken Rheinlandschaft darstellen. Und die Menschen? „In Deutschland ist man vielleicht durchschnittlich gebildeter, aber das Interesse streift nie das Tiefe und Ewige.“

(Wiederholen wird man heutzutage so eine Reise – und das macht nicht zuletzt den Reiz dieses Hörbuchs aus – wohl kaum können. Ich habe glaubhaft von einem Zeitgenossen gehört, der während einer Wolgaschiffsreise drauf und dran war, mitten in der Nacht – als ausgewiesener Nichtschwimmer! – ohne Schwimmweste, also ohne jegliche Hoffnung, über Bord zu gehen.)

Gleich aus zwei Perspektiven ist ein Besuch beim Grafen Leo Tolstoi festgehalten. Lou Andreas-Salomé zeichnet das äußere Bild des großen Alten im frühlingsduftenden Park von Jasnaja Poljana: Er ist wie einer, der nicht mehr der Erde angehört, sie sieht seine klaren Augen im „elend beseelten Gesicht“, und er kommt ihr vor „wie ein verzaubertes Bäuerlein“.

Rilke hingegen, froh, des Russischen soweit mächtig zu sein, achtet genau darauf, wie Tolstoi spricht: „Das Gespräch geht über viele Dinge. Aber alle Worte gehen nicht vorn an ihnen vorüber, an den Äußerlichkeiten, sie drängen sich hinter den Dingen, im Dunkeln, durch.“ Mit dieser dunklen Andeutung müssen wir uns hier begnügen, im Unterschied zu heute wurden die Stimmen der Dichter damals nicht aufgezeichnet. Wenige Monate vor seinem Tod sprach Walter Kempowski am 28. März 2007 mit schwacher, fast schon jenseitiger Geisterstimme sein letztes Manuskript in ein Mikrofon von Radio Bremen: „Langmut“ (Random House, 2009). Es sind Gedichte über seine Haftzeit in Bautzen. Kempowski wollte nie Lyrik schreiben, aber dann, wie er Rilke zitiert, „stieß ihm die Stimme den Mund auf“.

Thematisch ist die enge Zelle hinter den Gitterstäben das Zentrum. Und wie so oft in der Gefängnislyrik, bildet die Welt draußen, die nur noch in der Erinnerung existiert, den Gegenpol. Aber ob er sich nun an einen Ostseeurlaub erinnert oder an einen Sommerabend, immer schwingt auch die Frage mit: Gab es das wirklich einmal? Es sind Klopfzeichen aus dem Innern, sehr leise – und deshalb so eindringlich. Für viele, die Kempowski lediglich als Chronisten des Monumentalwerks „Echolot“ kennen und nicht auch als grandiosen Romancier, dürfte dieser ganz persönliche Ton eine Entdeckung sein.

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