Hör BÜCHER : Wenn was ist, ich bin nicht da!

Jens Sparschuh schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Hörbücher - heute fährt er im Bürolift ganz nach oben.

Jens Sparschuh

Auf der Suche nach dem ultimativen Hörbuch – einem Hörbuch, das es so noch nie gegeben hat und das einmalig ist – bin ich neulich auf Abwege geraten, genauer: auf die Reihe „Mitschnitt“ des Lübbe-Audioverlags. Laut Verlagsannonce auf dem blutigen Cover handelt es sich um „Tondokumente aus den Archiven der Polizei“ – unzensierte Wirklichkeit also. Ich gestehe, lange habe ich gezögert. Ich hatte Skrupel: Genügt es nicht, dass Lidl, Telekom oder Deutsche Bahn als Schild und Schwert ihres maximalen Profits in bester tschekistischer Manier Mitarbeiter abhören, ausspähen und fast bis aufs Klo verfolgen?

„Nichts ist verstörender als die Realität“, lautet also treffend das Motto dieser gruseligen Hörbuchreihe. In „Der Aufzug“ (Lübbe Audio, 2009) stecken eine Gina vom Marketing und ein Jürgen aus der Lohnbuchhaltung im Fahrstuhl fest. Es ist Freitag nach Büroschluss, da hat auch die Notrufanlage ihren verdienten Feierabend angetreten und auf Endlosbandschleife umgeschaltet.

Wird der Zuhörer nun unerlaubt zum akustischen Voyeur? Schon nach wenigen Sekunden weiß man: Die vermeintliche „Realität“ ist in diesem Fall nichts anderes als eine werbetechnische Räuberpistole. Das tut der Spannung aber keinen Abbruch, zumal die Version eines True Crime (so die Genrebezeichnung) konsequent durchgehalten wird. Nicht nur, dass hinter den Namen der Sprecher ein „unbekannt“ steht, auch ihr Sprachduktus ist völlig ungekünstelt, manchmal sogar betont undeutlich; man vergisst beinahe, dass das Schauspieler sind, die ihren Text vom Blatt lesen – all das untermauert die Fiktion des Realen.

So dramaturgisch sauber jedoch, wie dieser Krimi dann abgewickelt wird – mit retardierenden Momenten, scheinbarer Rettung, bis hin zum (ich sage mal diskret: unappetitlichen) Ende, geht es im wirklichen Leben wohl kaum zu. Aber (siehe oben) was ist schon das wirkliche Leben? Noch immer gilt Stanislaw Lecs Formel: „Es gehört viel Fantasie dazu, sich die Wirklichkeit vorzustellen“ – und Fantasie war hier reichlich im Spiel. Unterm Strich: für Klaustrophobiker ungeeignet; für solche aber, die es werden wollen, unbedingt zu empfehlen!

Da wir nun schon im Bürogebäude festsitzen: „Chefsache. Berichte aus der absonderlichen Welt der Vorgesetzten“ (Der Hörverlag, 2009). In diesem Soziogramm nimmt Peter Zudeick eine besondere Spezies unter die Lupe. Sie bevölkert genau abgegrenzte Areale in den gläsernen Bürotürmen, hat oft eigene Fahrstühle und ist für den normalen Mitarbeiter nur selten zu erspähen, da sie sich in ihrer Evolution ausgeprägte Fluchtreflexe antrainiert hat: „Wenn irgendwas sein sollte, ich bin nicht da!“ Dieses scheue Artverhalten erklärt sich aus dem sogenannten Peter-Prinzip: In einer Hierarchie steigt jeder Beschäftigte bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit auf, das heißt: Wer eine Aufgabe gut meistert, wird so lange befördert, bis er einer Aufgabe nicht mehr gewachsen ist und er somit die Stufe seiner Inkompetenz erreicht hat – dort setzt er sich dann fest.

Ergänzt wird dies durch jene sinnreiche Regelung, nach der die unfähigsten Leute stets dorthin abgeschoben werden, wo sie am wenigsten Schaden anrichten können – also direkten Wegs ins Management. Dort kümmern sie sich dann, um als aktuelles Beispiel die Banken zu nehmen, im ganz großen Stil um unsere Finanzen. Das alles wird witzig und einleuchtend präsentiert. Ich fürchte nur, Chef und Belegschaft könnten sich das bei einer Betriebsfeier gemeinsam anhören – und am nächsten Tag geht alles weiter wie bisher.

Wer beides in einem will – Krimi und Chefsatire –, dem empfehle ich Jürgen Roths und Hans Wells „Der Untergang des Bayernlandes“ (Hörkunst Kunstmann, 2008). Hier wird der Abgang einer ganzen Chefetage, der alten CSU-Führung, zelebriert. Unter anderem kommt in diesem Schauerstück Edmund Stoiber mit dem O-Ton zu Wort: „Es sind keine Scherben zerbrochen worden.“ Das kann man wohl sagen, ja.

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