Hör BÜCHER : Zwei bemooste alte Raucher

Jens Sparschuh

Melville? Herman Melville...? Da war doch was. Und selbst dem, der kaum kundig ist, fällt wahrscheinlich wenigstens der Titel seines bekanntesten Romans ein, der als einer der wichtigsten Romane der amerikanischen Literatur gilt: „Moby Dick“ – 1851 in London unter dem Titel „The Whale“ in drei Bänden erschienen.

Frühere Romane, die heute fast vergessen sind, hatten Herman Melville Ruhm gebracht. Vor allem aber hatten sie ihn mit ausreichend Geld versorgt, so dass er 1847 heiratete und mit seiner Frau aufs Land nach Massachusetts zog, auf die Farm Arrowhead, um dort ungestört arbeiten zu können. Komfortabler kann man sich die Existenz eines Schriftstellers, der gerade damit begonnen hat, freiberuflich zu arbeiten, kaum vorstellen. Eine Liebeserklärung an das einfache Leben im Landhaus ist denn auch seine kleine Erzählung „Ich und mein Kamin“ (Parlando, 2008), gelesen von Christian Brückner.

Was eigentlich macht Brückners Extraklasse aus? Vielleicht, dass durch seine Beschleunigungen und Pausierungen die verborgenen Spannungen, die in jedem Satz stecken, zum Klingen kommen. Jeder Satz ist ihm eine Herausforderung. Mit vor Intensität gepresster Stimme liest er nicht einfach vor – es ist ein szenisches Sprechen, das uns unmittelbar in die Szenerie der Geschichte versetzt.

Melvilles Erzählung ist eine Ode an den altertümlichen Kamin, der die Mitte des kleinen Holzhauses beansprucht und der allen andern Mitbewohnern immer nur im Wege ist. Bloß Herman Melville nicht! „Zwei bemooste alte Raucher“ – das sind Melville und sein Kamin; und die Pfeife des Autors – ein Kamin im Kleinformat. Wer der eigentliche Herr im Hause ist, ist längst geklärt: Melville, der seinem monströsen Heizgerät demütig gebückt mit Zange und Schaufel jederzeit zu Diensten ist, kann es jedenfalls nicht sein. Insofern müsste der Titel eigentlich richtiger lauten „Mein Kamin und ich“. Ein zu Rate gezogener Maurer sagt deshalb auch einmal: „Dieses Haus scheint zu dem einzigen Zweck erbaut, Ihren Kamin zu beherbergen.“

Ein Kabinettstück, wie Herman Melville in dieser kunstvoll mäandernden Erzählung seinen steinernen Bruder im Geiste zum Leben erweckt und wir auf diesem Wege nach und nach das ganze Leben auf der Farm kennenlernen. Am Ende vergisst man fast, dass es sich hier lediglich um eine profane Feuerstätte aus gemauertem Backstein handelt. Derart romantisch und liebevoll verschroben geht die Geschichte im wirklichen Leben leider nicht aus. Seinem Meisterwerk „Moby Dick“ war bei Publikum und Kritik ein derart gigantischer Misserfolg beschieden, dass Melville seine Farm schließlich verkaufen musste und er mit seiner Familie nach New York zog. Dort arbeitete er dann als Zollinspektor, im Hafen.

Das muss man sich vorstellen: Jemand, der als Matrose und Walfänger auf den Weltmeeren unterwegs war und seine Erfahrungen meisterlich in einem bis heute gelesenen Großroman zu Papier gebracht hat, sitzt nun in einem Hafengebäude am Rande des großen blauen Ozeans; er sitzt auf dem Trockenen und ist damit beschäftigt, irgendwelche Schiffsladungen zu kontrollieren und seinen Stempel unter Zolldeklarationen zu drücken. Jedes Schiff, das in den Hafen einlief, musste doch die Wunde in ihm neu aufgerissen haben.

Was für perfide Strafen denkt die Welt sich eigentlich immer wieder für Schriftsteller aus?! Da kann nur der Teufel seine schwarze Hand im Spiel gehabt haben.

Anderes Haus, anderer Ort, andere Zeit: Kerstin Hensels „Im Spinnhaus“ (Goldmund Hörbücher, 2008). Auch hier, in diesem Erzgebirgshaus, geht es einigermaßen spukhaft zu. Was an dieser Produktion so besonders ist und was man sich öfter fürs Hörbuch wünschte: Statt einen ganzen Roman mehr oder weniger lieblos herunterzulesen und dann irgendwie mit Musik zu versehen, sind für diese Edition lediglich Ausschnitte aus Kerstin Hensels feingesponnenem Buch ausgewählt worden. Diese treten nun, gut abgestimmt, in einen Dialog mit Frank Fröhlichs eigens dazu komponierter Musik. Auf diese Weise entsteht etwas, was es im großen Recycling-Hof der Hörbücher leider viel zu selten gibt: ein Original.

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