Hörbücher : Bis zum Ende des Alphabets

Jens Sparschuh unternimmt einen Wettlauf mit der Zeit. Eine Abschiedstournee durch die Welt, bei der noch einmal die Bilder vergangener Zeiten aufleuchten.

Jens Sparschuh

Neulich: A.E. zu Besuch, guter alter Schach-Freund. Wir verstehen uns blendend. Das einzige, was manchmal zwischen uns steht (und auch das wird schnell aus der Welt geschafft): ein guter alter Merlot. „Na, was macht die Kunst?“ – Seine klassische Eröffnung! – Ich winkte ab. „Du solltest lieber Tierbücher schreiben“, riet er mir. „Man darf die Hoffnung nie aufgeben.“ Dann folgte eine Belehrung darüber, dass jeder neue Roman ein utopischer ist, weil es völlig utopisch sei, noch irgendwo in den Weiten des Weltalls auf vernunft- und/oder gefühlsbegabte Wesen zu hoffen. „Nur noch geistige Falschparker unterwegs“, höhnte er. „Und Bildung? Ach, du liebes bisschen: Ist ja als Quiz jetzt auch schon ’ne Domäne des Fernsehens.“

„Mensch, Alter, dein Ego möchte ich haben“, stöhnte ich auf. Spiegelverkehrt verzog er den Mund. „Reden wir mal Klartext: So geht’s ja wohl mit der Literatur nicht weiter. Nebbich, wohin mein Auge blickt. – Wird doch nicht an meiner neuen Gleitsichtbrille liegen, oder? – Das gleitet alles so…“, er sah mich streng über den blinkenden Brillenblechrand an. „…konturlos an mir vorüber, unglaublich. Seelenlandschaften, platt wie die norddeutsche Tiefebene! Selbsterkundungs-Klettertouren im tristesten Flachland. Plattdeutsch, mein Lieber – im Wortsinn Nr.2! Höhepunkte? Nö. Nur noch vorgetäuschte. Ist ja schwindelerregend. Offen und herzig wird Kleinstkram vorgeholt, das grenzt schon scharf an Exhibitionismus. Ist übrigens“, fügte er leise hinzu, „’n Straftatbestand, §183 StGB. Wird, leider!, nur auf Antrag hin verfolgt.“ A. E. sah finster ins Fenster. „Kurzum: Ich sehe schwarz.“ (Kunststück, war ja auch schon kurz nach acht.) „Nee-nee, du: Was sich heute so alles als ‚Roman‘ raustraut, tsss – da hätte sich früher jedes anständige Tagebuch geweigert, das überhaupt zur Notiz zu nehmen. Hast du mal ’n Erfrischungstuch? Danke.“

Ein Hauch 4711 hing über seinem Schweigen. „Und --- sonst noch was Erfrischendes?“ Manchmal, ich gebe es zu, nervt er mich. Betont lässig schlurfte ich zum CD-Ständer. „Da, habe ich neulich bekommen. Der Autor ist übrigens so alt wie du, Jahrgang ’55. Aus Saskatchewan, Kanada.“ – „Na, das ist doch mal was“, knarzte A.E. und lehnte sich bequem zurück. „Bin ich ja mächtig gespannt.“ Er warf einen gelangweilten Blick auf C.S. Richardsons „Das Ende des Alphabets“ (Hörbuch Hamburg, 2008).

Was soll ich sagen! Tief in Sessel und Schweigen versunken, lauschten wir dieser Geschichte. Es beginnt mit einer Konjunktiv-Passage, in der die Normalität des Alltags plötzlich als Reich unbegrenzter Möglichkeiten erscheint. Warum? Der Arzt hat bei Ambrose Zephyr, dem Helden der Geschichte, eine tödliche Krankheit diagnostiziert. Es geht bei ihm nicht mehr um Jahre oder Monate, Zephyrs Tage sind gezählt: Es sind nur noch so viele (so wenige!), wie es Buchstaben im Alphabet gibt. Mit seiner Frau Zipper geht er auf Reisen. Ambrose und Zipper – auch in ihren Namen geht es von A bis Zett – buchstabieren das Alphabet ihrer gemeinsamen Erinnerungen durch. Subtil meistert Ulrich Pleitgen die Dialoge zwischen den beiden. Zephyrs Leidenschaft für das Alphabet und für fremde Städte führt sie von A nach B, von Amsterdam nach Berlin. Und so immer weiter, bis es nicht mehr geht. Eine Abschiedstournee durch die Welt, bei der noch einmal – kurz vor dem Tode – die Bilder vergangener Zeiten aufleuchten. Sie erinnern sich daran, wie sie sich kennenlernten und wie Zephyr am nächsten Tag im Büro erscheint: in einer „zerknautschten Version der Kleider vom Vortag“. A.E. schnaufte bewundernd aus: „So, mein Lieber, muss man Liebe beschreiben – deutlich und diskret!“ Trichterförmig verengt sich die Geschichte auf ihr unausweichliches Ende zu. „Dies ist eine unwahrscheinliche Geschichte“, lautet der Schlusssatz.

A.E. sagte nichts, er nickte nur. Und wer ihn kennt wie ich, weiß: An diesem Abend war höheres Lob von ihm nicht zu erbeuten.

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