Hörbücher : Der Klang des Schweigens

Jens Sparschuh lernt die Kunst des Gedankenlesens

Jens Sparschuh

Zwischen seinen beschwörend vorgestreckten Händen verkündet Thorsten Havener von der CD-Hülle: „Ich weiß, was du denkst“ (Der Hörverlag, 2009). Tja, denkste, Thorsten (da wir uns nun schon duzen): Pech gehabt, dann weißt du also nichts. Denn in diesem Moment dachte ich wirklich nichts, hielt nur gedankenlos dieses Hörbuch in Händen und fragte mich: Spinnen die jetzt auch schon, dass die solchen spirituellen Quatsch veröffentlichen?

Eher was fürs Auto. Ich warf die Hülle auf den Beifahrersitz, von wo aus Haveners Augen weiterhin unvermindert suggestiv und grün auf mich gerichtet waren, und schob die CD ein; die hilfsbereite Frau im Navigationsgerät, die sonst immer weiß, wo es langgeht, kann ja ruhig mal Pause machen. Wenn die sagt: „Nach 100 Metern rechts abbiegen!“, spricht sie meist genau das aus, was ich gerade eben gedacht hatte. Wahrscheinlich kann die nicht nur Gedanken, sondern sogar Straßenkarten lesen!

Ich gebe zu, ich war überrascht. Haveners Exkurs übers Gedankenlesen beginnt überzeugend damit, dass er von seiner Ausbildung zum Dolmetscher erzählt, und wie er dabei gelernt hat, nicht nur darauf zu achten, was gesagt, sondern ebenso darauf, wie es gesagt wird, und dass man, zum Beispiel, an äußeren Signalen erkennen kann, ob und wann der Sprecher das Thema wechseln wird.

Pausenlos senden wir unbewusste Signale aus, die anderen viel über uns verraten. Laut Havener sind nur 7 Prozent der Wirkung einer Aussage vom Inhalt selbst bestimmt, 38 Prozent steuert die Stimme bei (laut/leise, langsam/schnell, fest/zitterig), die übrige Körpersprache ist mit 55 Prozent beteiligt.

Diese 7 Prozent scheinen mir allerdings etwas hochgegriffen! Mit dem gehörigen Nachdruck lässt sich heutzutage doch so ziemlich jeder Blödsinn überzeugend rüberbringen; aber egal: Augen, Mund, Hände, Kopf und Hals werden nun auf ihre stummen Mitteilungen hin untersucht. Körpersprache, das wird schnell klar, ist weit mehr als nur der bekannte Fußtritt unterm Tisch gegen das Schienbein.

Ob man auf diese Weise wirklich Gedankenleser werden kann? Vielleicht ist das gar nicht erstrebenswert, zumal diese Berufsgruppe sicher überproportional von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen ist. Der Verlag wirbt damit, dass Havener schon so „bekannte TV-Größen wie J.B. Kerner und Stefan Raab“ sprachlos gemacht hat. Allein dafür – hier mal für Ruhe gesorgt zu haben – gebührt ihm Anerkennung! Gern hört man da auch über manchen Ton hinweg, der nach unerlaubt tiefem Griff in die manipulative Trickkiste klingt.

Womit wir thematisch schon bei Jürgen Roths „Mit Verlaub, Herr Präsident… – Große Männer, grobe Worte, geniale Reden“ (Hörkunst Kunstmann, 2009) wären. Dieser Streifzug durch 60 Jahre bundesrepublikanischer Parlamentsgeschichte lässt Politiker im O-Ton zu Wort kommen. Für den Sozialkundeunterricht bestens geeignet. Die lieben Kleinen können hier lernen, dass es in der Politik durchaus zum guten Ton gehört, sich gegenseitig anzupöbeln. Gespickt ist das Ganze mit Sentenzen wirklich großer Denker wie Plato, Schopenhauer und Lichtenberg über die Kunst der öffentlichen Rede und umspielt von pfiffiger Musik, die Timmi Timmermann & Evergreen Juniors beisteuern; auf jede erdenkliche Weise variieren sie das Deutschlandlied. Am schönsten: die völlig verjazzte Version am Ende von CD 1.

Gleich am Anfang übrigens singt ein sehr gemischter Männerchor (Brandt, Kohl, Momper und Jürgen Wohlrabe) ebenfalls das Deutschlandlied, 1989, vor dem Rathaus Schöneberg. Das hört sich aber eher nach Abgesang eines überlangen Herrentagsausfluges an. Da kann man auch verstehen, weshalb manche unserer Fußballprofis zu Beginn eines Länderspiels, wenn sie o-beinig in einer Reihe aufgestellt sind, lieber fest die Lippen zusammenbeißen. Wahrscheinlich memorieren sie in diesem Moment, jeder still für sich, Boethius’ goldene Maxime: „Si tacuisses, philosophus mansisses!“

Aber dank Havener wissen wir ja nun, dass uns auch zusammengepresste Lippen etwas verraten. Was genau noch mal? Vgl. Track 7!

0 Kommentare

Neuester Kommentar