Hörbücher : Die Treue der Bandscheibe

Christian Zaschkes Buch "Tanz den Fango mit mir. Die Geschichte meines Rückens". Manchmal braucht dieser Autor nur einen einzigen Satz, um zu zeigen, wie uns der tägliche Wahnsinn streift.

Jens Sparschuh

Zu den wirklich unangenehmen Vorfällen im Leben gehören Bandscheibenvorfälle. Die Zahlen schwanken, aber es steht fest, dass ein Großteil der Bevölkerung regelmäßig „Rücken hat“. Insofern handelt es sich bei Christian Zaschkes Buch „Tanz den Fango mit mir. Die Geschichte meines Rückens“ (Random House, 2009) um Betroffenenliteratur im weitesten Sinne.

Zum ersten Mal wird der Autor als Zivi mit diesem Problem konfrontiert. Er muss mit Katzmeier vom DRK einen Mann aus dem zweiten Stock hinuntertragen. Auf halber Strecke, mitten auf der Treppe, flüstert Katzmeier: „Ichkannnichtweiter.“ Die Trage wird abgesetzt. Der Kranke wendet sich fragend um und erblickt schräg oben einen zur Buckelkatze verkrümmten Katzmeier. Schließlich erhebt der Mann sich mühsam von der Trage, und gemeinsam geleitet man Katzmeier zum Rettungswagen.

Es vergehen noch Jahre, bis auch Christian Zaschke selbst erlebt, was für ein Kreuz es mit dem Rücken sein kann: merkwürdige Aussetzer beim Fußballspiel, ein kleiner Nieser, der ihm alle Wirbel durcheinanderwirbelt und ihn wie einen „Cowboy ohne Pferd“ herumschleichen lässt, schließlich – ein Klassiker unter Kennern! – Taubheitsgefühl im Bein.

Atemlos hört man dieser Fallbeschreibung zu; hier erfährt man, wo die Reise enden kann: in einer Rehaklinik. Spätestens, als dort sein Tischnachbar sich mit „Ernst – ernst wie das Leben“ vorstellt, ahnt man, jetzt wird es wirklich ernst. Ein Bandscheibenvorfall, so heißt es an einer Stelle, ist wie ein Hund – sofort ist man in Gespräche verwickelt. Was Zaschke nicht sagt, aber das weiß man auch so: Er ist auch so treu wie ein Hund.

Der Neueinsteiger hat viel zu lernen. L4/L5 oder L3/L4? Und als er von der moribunden Runde gefragt wird, wie viele OPs er schon hinter sich hat, und bekennen muss: keine, senken sich Augenlider und diskretes Schweigen über diesen unblutigen Anfänger. Zaschke taucht ein in die Welt der Bewegungsbäder und Fangopackungen, im Kellerverlies gerät er in die Hände eines Masseurs. Für die Beschreibung, wie er sich zur Gymnastik auf den Rücken legt, habe ich auf der CD eine halbe Minute gestoppt; in Echtzeit, man ahnt es, dauert das unendlich viel länger.

Nichts Peinliches lässt er aus: auch nicht jenen stummen Wettlauf auf dem Klinikflur, den er sich mit einer Gehwagen-Frau liefert. Bei „Irena“ handelt es sich übrigens nicht um einen Kurschatten, sondern um „Intensive Reha-Nachsorge“. Dieser witzige, nie larmoyante Bericht dient indes der Vorsorge. Potenzielle Kandidaten sollten lieber einmal mehr Gymnastik machen, sonst heißt es bald: Reha.

Dass der auch als Lautpoet bekannte Dichter Michael Lentz ein vorzüglicher Interpret seiner Texte ist, weiß man. Neben der Hörspielfassung des Textes „Muttersterben“, für den Lentz 2001 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, liefert die Edition Michael Lentz: „Klinik. Muttersterben“ (Intermedium Records, 2009) mit „Klinik“ eine Übertragung des guten alten Hörspielsujets „Telefon“ in die Mobilfunkzeit. Man hängt nicht mehr an der Strippe, man zappelt in unbegreiflichen Verbindungen. Das okkulte Stimmenhören manifestiert sich nun als elektrischer Bewusstseinsstrom. Eine Drogenfrau auf Entzug ruft den Erzähler aus einer Anstalt an – und bald ist er süchtig danach. Sein Vorsatz „Ich bin und bleibe der Zuhörer“ wird fortlaufend dadurch konterkariert, dass er, auch wenn sie aufgelegt hat, widersprechen und zurechtrücken muss. Folgerichtig diktiert sie ihm irgendwann die Nummer ihres Psychiaters.

Als Packungsbeilage gibt es einen äußerst klugen Essay von Jochen Meißner. Ich würde die Lektüre trotzdem erst hinterher empfehlen, sonst sieht man vor lauter Risiken und Nebenwirkungen – sprich: „Foucault“ und „Ich-Dissoziation“ – nicht, wie vielschichtig Lentz’ Text ist und dass er ebenso wie als Sprachkunstwerk auch als absurdes Theater à la: „Eine Irre ruft so lange an, bis man selber irre wird“ funktioniert.

Manchmal braucht dieser Autor nur einen einzigen Satz, um zu zeigen, wie uns der tägliche Wahnsinn streift: „Das Treppenhaus ist unter meiner Würde!“ Das ist einfach irre gut!

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