Hörbücher : Enten im Löwenfell

„Lieblose Legenden“: Jens Sparschuh macht sich Gedanken über komische Texte und Noten.

Jens Sparschuh

Zum Brüllen komisch“ lautet ein etwas irritierendes Etikett, das hierzulande gern satirischen Texten, will man ihnen bescheinigen, dass sie gelungen sind, angepappt wird: Bisschen hirnloser Jux eben, lautes Allotria – um sich dann doch wieder tiefsinnig dem Ernst des (vorzugsweise eigenen!) Lebens zu widmen.

Dass es auch in der deutschen Literatur filigrane Komik gibt, bewies Wolfgang Hildesheimer (1916 – 1991). Einige seiner „Lieblosen Legenden“ sind, gelesen von Mechthild Großmann, jetzt als Hörbuch erschienen (Patmos, 2008). Das Einzige, was daran nicht stimmt, ist der Titel: Lieblos sind diese Legenden ganz und gar nicht. Ob es das aus dem Ruder laufende „Atelierfest“ ist, ein Stück absurden Lebenstheaters, oder „Ich schreibe kein Buch über Kafka“ und „1956 – ein Pilzjahr“, die wie Fingerübungen zum großen Spätwerk „Marbot“ klingen – Hildesheimer verschiebt sanft die Linien zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Statt über Kafka zu schreiben, schreibt der Erzähler ein Buch über Ekkehard Golch. Der, ein Studienrat, hat ein Buch über James Boswell geschrieben, der wiederum war Biograf Dr. Johnsons, des unsterblichen Lexikografen, der seinerseits … die Spirale schraubt sich ins Unendliche.

Lächelnd schickt uns der Autor in seine Labyrinthe. Manchmal erinnert das an Borges, ist aber entschieden weniger bildungswütig. Tiefschürfenden Wahrheitssuchern sei „Aus meinem Tagebuch“ ans Herz gelegt. Hildesheimers Ich-Erzähler hat im Antiquitätenladen ein niederländisches Gemüse-Stillleben „von frischer, unbefangener Zweitklassigkeit“ gekauft. Beim Aufhellen der Farben entdeckt er darunter die Ölskizze eines Frauenkopfes: Rubensschule!, wie ihm eine Expertise zweifelsfrei bescheinigt. Als auch dieses kostbare Bild gereinigt werden soll, erscheint noch darunter eine oberbayerische Gebirgslandschaft – und zwar viel jüngeren Datums!

Im Unterschied zu manch monströsem Roman-Vorlesemarathon eignen sich diese Kurzgeschichten besonders gut fürs Hörbuch; sie können ihren Klangraum voll entfalten. Goldrichtig die Entscheidung, eine Frauenstimme mit den Kabinettstücken dieses fein- und eigensinnigen Künstlers zu betrauen.

Schade nur, dass „Das Gastspiel des Versicherungsagenten“ in dieser Hörbuch-Auswahl fehlt: Frantisek Maria Hrdla, Spross einer weltberühmten Musikerfamilie (der schon mit Rubinstein verglichen wurde), ein Lieblingskind der Musen, reist gefeiert um die Welt, und doch hat er im Stillen eine geheime Obsession: Er träumt davon, Versicherungsvertreter zu sein. Er muss sich in den Konzertsälen für seine Interpretation der „Eroika“ bejubeln lassen – dabei hatte es so vielversprechend mit ihm begonnen, bereits in zartester Jugend war ihm, unter der Bettdecke, eine subtile Interpretation des klassischen Themas – „Kapitalreserve und Umlagesystem“ – geglückt.

Da es sicher auch potenzielle BWLer und Versicherungsvertreter in spe gibt, die davon träumen, einmal berühmte Musiker zu werden, sei hier noch auf zwei Editionen hingewiesen, die an Prokofjews Klassiker „Peter und der Wolf“ anknüpfen. Beim „Konzert der Tiere“ (Jumbo, 2008) werden verschiedene Instrumente verschiedenen Tieren zugeordnet. Das funktioniert, auch wenn manche Zuschreibung (Pauke – Elefant, Triangel – Maus, Tuba – … armes Schwein!) für meinen Geschmack – aber ich bin ja nicht der Tierschutzbeauftragte des Tagesspiegels! – ein bisschen zu direkt ist.

Geradezu verwirrend wird es hingegen beim „Karneval der Tiere“ (Der Hörverlag, 2008). Michael Quast hat neue Verse dazu geschrieben. Das ist lustig, oft aber des Guten zu viel: Wenn vor einer Jury aus Wellensittich, Frosch und Maus (ein Hummer ist auch noch mit im Spiel) Enten in Löwenfellen auftreten, ist das textlich einfach heillos überinstrumentiert, die schöne, klare Struktur geht verloren. Dieses Zuviel blockiert die Fantasie, statt sie zu beflügeln.

Außerdem stimmt an einigen Stellen die Aussteuerung nicht: Ist die Musik normal, ist der Sprecher zu leise. Vielleicht auch ganz gut so: Beim „Karneval der Tiere“ sollte ohnehin die Musik die erste Geige spielen.

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