Hörbücher : Mehr Meer!

Der Schriftsteller und Tagesspiegel-Kolumnist Jens Sparschuh lässt sich von Seemannsgarn einspinnen - mit Hörbüchern auf dem Weg nach Hiddensee.

Jens Sparschuh

In meinem Kulturbeutel – vier Wochen Hiddensee! – diesmal nur Maritimes. „Orkanfahrt – Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten“ (Random House Audio, 2008). Sie tun das übrigens mit Otto Sanders Stimme. Sehr zu empfehlen: Man stapft windzerzaust am Strand entlang, schaut auf die schäumende See und lässt sich dabei von diesem Seemannsgarn einspinnen. Unglaublich, was da hinter dem Horizont so alles los ist! Schade nur, dass das musikalische Zwischenstück nie variiert wird. Außerdem ist es viel zu kurz. Ein bisschen mehr davon brauchte man schon, um die eine Geschichte richtig ausklingen zu lassen, bevor man in die nächste eintaucht.

Dass es auch an Land ziemlich stürmisch zugehen kann, lernt man bei Magnus Vattrodts und Jobst Oetzmanns „Der Novembermann“ (Hoffmann und Campe, 2008). Jedes Jahr im November nimmt Maria, eine Pastorenfrau aus dem Ruhrgebiet, eine kleine Auszeit in der Toskana. Doch dann verunglückt sie tödlich bei einem Busunfall – in der Nähe von Bremen. Wie kommt man aus dem Ruhrgebiet über Bremen in die Toskana? Wenig später trifft, wie jedes Jahr, eine Ansichtskarte von Maria aus Italien ein – mit einem Poststempeldatum lange nach ihrem Tod. Nun kennt man zwar die eigentümlichen Zeitvorstellungen der italienischen Post, doch das ist derart mysteriös, dass der frischverwitwete Pfarrer eigene Ermittlungen anstellt: Statt in den Süden war Maria jeden November auf die Insel Sylt gefahren, zu Henry, einem blinden Fotografen – ihrem Liebhaber! (Die alljährlichen Alibipostkarten hatte eine Bekannte für sie eingeworfen.) Es kommt zum Zusammentreffen der beiden Hinterbliebenen dieses Dreieckskonflikts auf der Insel ...

Ich gebe zu, das klingt wie auf dem dramaturgischen Reißbrett entworfen oder nach Film. „Großes Sehnsuchtskino für die Ohren“ steht auch im Klappentext, trotzdem kann ich es empfehlen: Es ist spannend (gut für Hörbucheinsteiger geeignet) und atmosphärisch dicht (vielleicht weil Henry Klavier spielt und die Musik sich auf diese Weise aus der Szene entwickelt). Dass der Pfarrer etwas farblos bleibt, hat dramaturgische Gründe, es motiviert Marias alljährliche Fluchten. Und wenn dann zum Finale die beiden Ex-Rivalen mit dem Boot hinausfahren, um die Urne mit Marias Asche im Meer zu versenken – na schön, dann senkt das Hörbuch eben diskretes Dunkel über die Szene, was von großem ästhetischen Vorteil ist.

Gerade hatte Matthias Politycki, dieser Grandseigneur unserer Literatur, seine Leserschaft mit dem „Herrn der Hörner“ in die karibische Magie verfrachtet, schon war er wieder unterwegs: diesmal inkognito, und zwar als Dr. Johann Gottlieb Fichtl auf der „MS Europa“; so heißt dieser behäbige Luxusdampfer, und er treibt ziemlich verloren über die blauen Weltmeere: Manchmal träumt man ja davon, den ganzen Zaster vom Konto abzuräumen und sinnlos auf einer Kreuzfahrt zu verjubeln.

Zu den Reiseunterlagen, die man, bevor es an Bord geht, unbedingt studiert haben sollte, gehört „In 180 Tagen um die Welt“ (Marebuchverlag, 2008). Nach dieser Reise und nach diesem Buch gibt es jetzt ein Hörbuch – Matthias Politycki: „Das Schiff“ (Hörkunst Kunstmann 2008). Dass dieses Hörbuch anders heißt als das Buch, ist kein Etikettenschwindel: Hier ist tatsächlich etwas ganz Neues entstanden – und nicht einfach nur eine Buchvorlage in die akustische Mikrowelle geschoben worden. Dem Leser des still und ingrimmig in der Kabine verfassten Logbuchs vermitteln die O-Töne von Bord nun, wie irrsinnig laut es eigentlich auf so einem Kreuzfahrtschiff zugeht. Schon die Passagierliste in der Buchausgabe „Wer alles an Bord ist“ las sich wie das komplette Inhaltsverzeichnis eines Irrenhauses; nicht von ungefähr dachte man hier an den ZDF-Seelenverkäufer „Traumschiff“.

Wie die „MS Europa“, dieses Schiff voller Narren, auch unter Volldampf nicht von der Stelle kommt, das war bereits in Buchform von erlesener Komik – und nun kann man das auch noch hören! Dass ich diesen Horrortrip vom sicheren Land aus genießen konnte, dafür danke ich dem mutigen Hamburger Seefahrer ganz ausdrücklich.

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