Literatur : Hühner und andere Vögel

Mark McNay erzählt von einem grauen Schottland

Kerstin Roose

Träume sind gratis. Also träumt er. Von „Würstchen mit Kartoffelbrei“ oder einer „schönen fetten Gedrehten während der Arbeitszeit“. Die Tagträume von Sean, dem Protagonisten in Mark McNays Romandebüt „Frisch“, sind bescheiden. Aber sie sind groß genug für das schottische Royston, von dem der 1965 in Glasgow geborene Autor erzählt. „Das Leben in Royston ist Scheiße“, sagt Archie, Seans Bruder. Die beiden teilen sich nach dem frühen Tod beider Eltern eine verlorene Kindheit. Sonst haben sie nicht viel gemein. Während Sean Tag für Tag in einer Hühnerfabrik um den Lebensunterhalt seiner Familie kämpft, findet Archie, dass Arbeit nur was für Idioten sei.

Seit seiner Jugend hat er mit krummen Geschäften immer wieder auch Sean in Schwierigkeiten gebracht. Als Archie wieder mal eine Haftstrafe absitzt, deponiert er bei seinem Bruder tausend Pfund. Dieser wiederum leiht sich hier und da heimlich etwas davon: für Weihnachtsgeschenke, eine Klassenfahrt der Tochter, Wetten beim Pferderennen – in der Annahme, er könne das Geld ersetzen, bevor Archie wieder auftaucht. Archie jedoch wird vorzeitig entlassen und fällt brutal und skrupellos in Seans Leben ein.

Die bedrückende Handlung ist manchmal schwer zu ertragen. Genauso wie der derb-ordinäre Ton, in den sie gekleidet ist: „Ein Huhn landete auf dem Band, die Beine gespreizt wie bei einer Frau, die gerade ein Baby rausgedrückt hat, die klaffende Möse sagt ihm, er ist ein Mann, Fick sei Dank.“ Ohne Unterlass wird hier gerotzt, gefickt, geprügelt, gekokst, gekifft oder auf tote Hühner gewichst. Einzig die Regressionsphantasien und Erinnerungen Seans sind manchmal von einer leisen Poesie geprägt: „Am Himmel waren n paar Wolken, und er war wie abgerissene Streifen rotes und blaues Papier. So was Spektakuläres hab ich noch nie gesehen gehabt. ... also haben Maggie und ich bloß so dagesessen und zur Sonne Tschüss gesagt. Da hab ich gewusst, dass ich sie liebe, also hab ichs ihr gesagt.“ McNay macht die Entbehrungen seiner Protagonisten sprachlich sinnfällig, doch die stilistische Verknappung führt auch zu flachen Figuren. Auch das macht diesen Roman zwiespältig. Kerstin Roose

Mark McNay: Frisch. Roman.

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. dtv, München 2008. 260 Seiten, 14 €.

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