Hugo Müller-Vogg : Die Volksrepublik

2009 nicht mit der Linkspartei? Hugo Müller-Vogg beschreibt, wie die SPD trotzdem die Wende schafft - im Jahr 2010 mit rot-rot-grün.

Fabian Leber

Die Hochrechnungen sind stabil, als die „Elefantenrunde“ im Fernsehen zusammenkommt: 35,8 Prozent für CDU und CSU, 30,1 Prozent für die SPD, 11,5 Prozent für die Linke, 11,4 Prozent für die FDP und 7,1 Prozent für die Grünen. Genau genommen gibt es nur einen Sieger: Oskar Lafontaine.

Damit beginnt die prophetische Geschichte, die der frühere FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg Anfang des Jahres aufgeschrieben hat, die aus der Zeit gefallen schien und die jetzt – nach den Wahlen an der Saar und in Thüringen – mitten ins Geschehen führt. Mit diebischer Lust hat der konservative Publizist ein „Drehbuch für die rot-rot-grüne Wende“ in die „Volksrepublik Deutschland“ arrangiert.

Am Ende wird es dabei eine „Bundesministerin für Integration und bürgergesellschaftliches Engagement: Claudia Roth“ geben, eine Abgeordnete Wagenknecht, die im „Neuen Deutschland“ sagt: „Ich bin kein Stimmvieh dieser Regierung“ und einen Ex-Abgeordneten Merz, der, so heißt es in der Unionsfraktion, keine Lust habe, „den Knochenjob“ des CDU-Vorsitzenden zu übernehmen.

Am Anfang aber steht die Elefantenrunde vom 27. September 2009. Darin empfiehlt der siegestrunkene Lafontaine dem „Kollegen Steinmeier“, doch einmal mit seinen Parteigenossen im Saarland und in Thüringen zu sprechen. Die seien doch „gerade dabei“, die „neuen Mehrheiten für Bündnisse zu nutzen“. Neben ihm sitzt Guido Westerwelle, der stets auf das „beste Abschneiden der Liberalen seit 47 Jahren“ hinweist.

Zunächst kommt es zur ungeliebten Neuauflage der Koalition aus Union und SPD. Daran können auch Großkommentatoren wie Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ nichts ändern. Der rät der SPD ohne Umwege zu Rot-Rot-Grün: „Bildlich gesprochen, muss die SPD die rote Kirsche schlucken – um den kommunistischen Kern auszuspucken“ (Jörges hat das auch tatsächlich so publiziert, in der „Stern“-Ausgabe vom 21. August 2008, gemeint waren die Tolerierungsversuche der Hessen-SPD).

Doch die zweite große Koalition ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Bei der NRW-Wahl verliert die SPD kräftig, der saarländische Arbeits- und Sozialminister Otmar Schreiner (SPD) nennt das Ergebnis einen „Weckruf für die SPD“. Am 30. Oktober 2010, einem Samstag, treffen sich dann morgens um sieben im WillyBrandt-Haus Andrea Nahles, Steinmeier, Müntefering und Kajo Wasserhövel. Die Koalition zerbricht am Thema Auslandseinsätze. Schröder ist eingeweiht.

Wie Spielfiguren auf einem Schachbrett schiebt Müller-Vogg die Protagonisten herum. Er lässt sie eine technische Sprache sprechen, deren Chuzpe schauderhaft klingt, die aber sattsam bekannt ist. Den entscheidenden Satz schreibt Müller-Vogg Müntefering zu: „Was heißt hier Wortbruch? Wir haben gesagt, mit den Linken geht 2009 nichts. Aber selbst als Absolvent einer sauerländischen Volksschule weiß ich, dass wir inzwischen das Jahr 2010 schreiben.“ Müller-Vogg inszeniert die rote Wende als innere Befreiung der SPD. Er entwirft einen Koalitionsvertrag und weist nach, dass es in den Programmen der drei Parteien kaum etwas Trennendes gibt – und dass die Linkswende damit zwangsläufig ist. Wenn er sogar Helmut Schmidt mit echten Zitaten das Linksbündnis loben lässt, dann wird deutlich, dass sein „Drehbuch“ gar nicht so absurd ist, wie es zunächst scheint.

Steinmeier wird Kanzler, Trittin Außenminister, Gysi Innenminister. „Bild“ titelt: „Bye-bye Bundesrepublik. Guten Morgen Linksrepublik.“ Und Merkel? Sie deutet ihren vollständigen Rückzug aus der Politik an, sucht sich eine neue berufliche Herausforderung. „An der Schnittstelle von Wirtschaft und Politik.“


– Hugo Müller-Vogg: Volksrepublik Deutschland. „Drehbuch“ für die rot-rot- grüne Wende. Olzog Verlag, München 2009. 144 Seiten, 12,90 Euro.

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