Humor : Die Quarkstullen und der nasse Frosch

"Meine wichtigsten Körperfunktionen": Jochen Schmidt witzelt sich durch den Alltag.

Jochen Jung
Körperfunktionen
"Meine wichtigsten Körperfunktionen". -Foto: Promo

Ganz unschuldig sind wir Rezensenten ja nicht daran, vor allem nicht in unseren Nebenbeschäftigungen als Glossisten, Kommentatoren und Überschriftenerfinder, dass die Manie ständigen Textgewitzels bisweilen überhandnimmt. Gewiss, man will dem Leser letztlich durch den Glanz der Argumente und des Stoffs davon überzeugen, dass das Weiterlesen jetzt aber unbedingt lohnt. Man glaubt bloß nicht daran, dass das auch funktioniert, wenn man den depperten Leser nicht durch jeder Satz ein Witz bei der Stange hält.

Besonders beliebt ist da seit längerem schon jene Sorte, bei der bestimmte Macken und Gewohnheiten, die wir alle teilen, genüsslich ausgepinselt werden, beispielsweise – ich nenne jetzt mal etwas besonders Blödes – unsere Unlust, morgens Zähne zu putzen. Wir müssen es machen und machen es auch, aber deswegen haben wir noch lange keine Lust dazu und tun es daher mit einer Miene und mit einer Haltung und mit dieser ewig herumkleckernden Zahnpasta – also, wenn das jemand mit ein paar zugespitzten Sätzen hinschreibt, dann wird gelacht. Der Erkenntnisgewinn ist gleich null, aber die Bestätigung, dass das Leben so ist, wie es ist, gell, vom Zähneputzen ganz zu schweigen, genügt: Es wird gelacht.

Da das aber nur solange halbwegs funktioniert, wie eine Glosse dauert, muss man, wenn man ein ganzes Buch damit vollstopfen will, ständig an der Schraube drehen. Und eben das macht Jochen Schmidt in seinem Buch „Meine wichtigsten Körperfunktionen“ ohne Rücksicht auf Verluste, vor allem Verluste der Sinnhaftigkeit, der Geduld und der Zurechnungsfähigkeit. Dabei kommt es dann zu Sätzen wie diesem (der Erzähler, ein gewisser Jochen Schmidt, fühlt sich einsam, und dann geht er auf den Flughafen zum Ankunftsschalter, was das auch immer ist, beobachtet, wie die wieder zueinander findenden Paare sich umarmen): „Manchmal kann ich mich nicht beherrschen, dann stelle ich mich zu ihnen und umarme sie von hinten. Sie schrecken dann immer zurück, als hätte sie ein nasser Frosch angesprungen, das ist sehr verletzend.“

Dazu stellt sich der nüchterne Leser folgende Fragen: 1. Wo ist bei einem sich umarmenden Paar hinten? 2. Sind trockene Frösche wirklich angenehmer? 3. Wie trottelhaft soll man sich jenes „ich“ vorstellen? Leider müssen wir noch kurz auf dieser völlig nebensächlichen, aber symptomatischen Stelle beharren: Was zeigt der Autor uns mit einer solchen Szene, außer dass er glaubt, Schrauben zu haben, die durchdrehen und trotzdem nicht locker sind? Ich behaupte: nichts. Und nach der Lektüre der nächsten Seite, die eine extrem geistlose und restlos unwitzige Jesusnummer bringt (bringen will): gar nichts.

Schon jetzt – ich bin da immerhin auf Seite 16 – kann man mir natürlich völlige Humorlosigkeit vorwerfen, wie man mir vieles vorwerfen kann, ich frage aber trotzig weiter: Wer im Verlag hat über Seite 16 gelacht? Oder hätte ich weinen sollen?

Ich bin jetzt auf Seite 18 und lese folgenden Satz: „Weil er die Geräusche gehört hatte, mit denen ich den Molch aufzumuntern versuchte, klingelte Bastis alkoholabhängiger Nachbar, der ihm manchmal Quarkstullen brachte, wenn er einsam war.“ Ein solcher Satz kommt für mich in seiner Anhäufung von vollkommen sinn- und folgenlosen Idiotenklischees knapp vor dem Untergang des Abendlandes und ist dermaßen deprimierend, dass ich mich nur mit Mühe weiterschleppe bis zur Seite 142.

Auf dem Weg dorthin, doch doch, das soll ja nicht bestritten werden, war ich ein paarmal kurz davor, mich ein, zwei Sätze lang zu amüsieren und zu denken, „nicht schlecht, Herr Schmidt“. Leider war ich inzwischen auf Seite 58 auf folgende Stelle gestoßen, der ich mich auf dem Vergleichswege sofort anschloss: „Ich kann aber nicht auf Befehl lachen. Wenn ich im Fernsehen eine Sendung verfolge, die darauf angelegt ist, zum Lachen zu verführen, erstarren meine Gesichtszüge und die Nase droht mir abzufallen.“

Von da an versuchte ich herauszufinden, warum ich selbst bei Hape Kerkeling zum Beispiel, von den Simpsons ganz zu schweigen, sehr wohl, bei diesem Buch hingegen zur Lachbefreiung einfach nicht vorstoße. Vielleicht wegen der immer gleichen Methode des Porträts des Autors als junges Würstchen?

Natürlich habe ich weitergelesen, gnadenlos bis zum letzten Kapitel, das sollte ja eine Rezension werden und keine Glosse. Auf diesen Schluss hatte ich mich schon vorher gefreut (das Inhaltsverzeichnis steht nämlich im tatsächlich sehr komischen Buchdoppeldeckel). Das Kapitel heißt: „Jochen allein zu Haus.“ Da ich auch nicht Kevin heiße, war ich doch neugierig. Dieser Jochen hört nun aus drei Radios Radio, hat Geburtstag und geht am Ende, das ist auf der letzten Seite, doch auf die Straße, und da stehen, wie man liest, alle Menschen, die er kennt, jedenfalls ganz Berlin, und gratulieren ihm, inklusive seiner Panik und seinem Selbstmitleid. Keine Angst: nur zum Geburtstag. Auch ich heiße Jochen. Auch ich bin im Moment allein zu Haus. Am liebsten würde ich jetzt auch nach draußen gehen, ich fürchte allerdings, dass auf der anderen Straßenseite der andere Jochen steht und mit dem nackten Finger auf mich zeigt. Dabei hat ihm seine Mutter doch immer gesagt, dass man so was nicht tut.

Jochen Schmidt: Meine wichtigsten Körperfunktionen. Verlag C.H. Beck, München 2007.

144 Seiten, 16 €.

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