Literatur : Hunger nach Zerstörung

„Grauenhaft kohärent“: Der britische Historiker Adam Tooze schreibt über den ökonomischen Kern der NS-Herrschaft

Hartmut Berghoff

Hitler war ein Ideologe, der von einem menschenverachtenden Rassenwahn und irrwitzigen Allmachtsfantasien getrieben wurde. Gleichwohl zeichnete sein Verhalten nicht nur Irrationalität aus. Vielmehr besaßen wirtschaftliche und zweckrationale Überlegungen im Rahmen der eigenen Weltanschauung einen hohen Stellenwert. Das voluminöse Buch des Wirtschaftshistorikers Adam Tooze aus Cambridge belegt, dass die ideologische Formel vom „Volk ohne Raum“ auch einen ökonomischen Kern besaß, nämlich die simple Tatsache, dass Deutschland ohne hinreichende Nahrungs- und Rohstoffbasis keine Weltmacht sein konnte. Diese Erfahrung hatte man schon im Ersten Weltkrieg gemacht. Den militärisch-wirtschaftlichen Strategien Hitlers lag eine „grauenhaft kohärente“ Logik zugrunde. Er wollte eine Ressourcenbasis erobern, die sich mit dem britischen Kolonialreich und den USA messen konnte. Der „Lebensraum“ im Osten war nicht das Endziel, sondern nur eine Etappe auf dem Weg zur Weltherrschaft.

Tooze arbeitet sehr klar heraus, dass der Aufstieg der USA zur ökonomischen Supermacht aus Sicht Hitlers die größte Herausforderung Deutschlands darstellte, der nur durch einen eigenen wirtschaftlichen Großraum im Osten zu begegnen war. Zugleich wird deutlich, wie sehr Deutschlands Ressourcen hinter denen der Alliierten zurückblieben, selbst nachdem sich die deutsche Machtsphäre im Krieg erheblich vergrößert hatte. Hitler wollte daher das kleine Zeitfenster ausnutzen, das der eigene Rüstungsvorsprung bot. Bei einer vollen Mobilisierung der gegnerischen Großmächte war Deutschland militärisch absolut chancenlos. Das Ziel Hitlers bestand darin, wirtschaftsstrategisch zentrale Ziele wie die Kornkammern der Ukraine und die kaukasischen Ölfelder früh einzunehmen und mit brutalster Konsequenz in den Dienst der Rüstung zu stellen. Die ökonomischen Imperative verknüpften sich so nahtlos mit der mörderischen Ideologie. Der Hungertod von Millionen Menschen in Osteuropa wurde aktiv herbeigeführt, um die Versorgung der Wehrmacht und des Reiches sicherzustellen.

Auch der Holocaust stellte nicht allein einen rassistisch motivierten Genozid dar, sondern war auch direkt mit ökonomischen Kalkülen verkoppelt. Nichts besaß für das NS-Regime ab 1933 eine höhere Priorität als die schnelle Aufrüstung. Nach Tooze gab es keine Phase der Arbeitsbeschaffung zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise und der Festigung des Regimes. Vielmehr sei allein die Rüstung vorangetrieben worden, deren volkswirtschaftliches Gewicht ständig wuchs. Daher seien auch keine Spielräume für sozial- und konsumpolitische Zugeständnisse geblieben, für „soziale Bestechung“ (Tim Mason) oder gar eine „Gefälligkeitsdiktatur“ (Götz Aly). Vielmehr habe, so Tooze, das NS-Regime ausschließlich eine heißlaufende Rüstungsmaschine betrieben, die mangels Ressourcen von einer Krise in die nächste taumelte. Nur die frühe Entfesselung großflächiger Eroberungskriege ließ hoffen, den unersättlichen Hunger dieser Maschine befriedigen zu können. Die Aussichtslosigkeit dieses Kalküls arbeitet Tooze mit erschreckender Konkretion heraus. Piloten wurden mangels Treibstoff für Übungsflüge fast untrainiert in Einsätze geschickt. Soldaten mussten von der Front in die Fabriken eilen, um ihre eigenen Waffen herzustellen. Im eklatanten Gegensatz zur motorisierten US-Army zogen Pferde die Geschütze der Wehrmacht.

Tooze demontiert nicht nur den Mythos der Blitzkriege, sondern auch denjenigen des „Rüstungswunders“ seit 1941/42. Weder Fritz Todt noch Albert Speer schafften es, die Effizienz der Rüstungsproduktion durchschlagend zu erhöhen. Die mit manipulierten Statistiken untermauerte Legende diente nach 1945 vor allem der Selbststilisierung zu unpolitischen Experten. Tatsächlich waren Speer und seine Kollegen rücksichtslose, dem Regime gegen jede Rationalität ergebene Karrieristen.

Das Buch wird trotz seines Umfanges von 926 Seiten nie langweilig. Es ist spannend und ohne jeden Fachjargon geschrieben sowie glänzend übersetzt. Tooze gelingt ein frischer Blick auf alte Kontroversen, und er verbindet gekonnt Militär- und Wirtschaftsgeschichte. Vereinzelt kommen jedoch längst vorliegende Ergebnisse der Spezialforschung wie sensationelle Neuentdeckungen daher, und die Sprache gleitet ins Umgangssprachliche ab. Zudem bleibt Tooze ganz den Höhen der Statistik und der Militärstrategie verhaftet. Mikrohistorische Befunde bleiben konsequent ausgeklammert. Es geht fast immer um die Rüstungswirtschaft und deren Implikationen für die globalen Kräfteverhältnisse, während alle anderen Aspekte ausgeblendet bleiben. Wir verstehen am Ende sehr gut, warum Hitler den Krieg verlor, nicht aber, warum er so lange an der Macht blieb. Das Bild eines Regimes, das stringent auf die Aufrüstung setzte, vermag nicht zu überzeugen. Zum einen war der Staat Hitlers vom polykratischen Gegeneinander unterschiedlicher Fraktionen geschwächt und lähmte sich somit ständig selbst. In dem Maße, in dem er die regulären administrativen Strukturen zerstörte, büßte der NS-Staat die Fähigkeit zu zweckrationalem Handeln ein.

Zum anderen ist es einfach falsch, dass viele Deutsche „den kollektiven Massenverbrauch von Waffen als einen mehr als ausreichenden Ersatz für privaten Wohlstand“ betrachteten. Konsumbeschränkungen provozierten regelmäßig Unmut, oft sogar Proteste, und das Regime reagierte häufig mit Zugeständnissen. Für ein Land, das Kontinentaleuropa erobern und die USA niederringen wollte, war der Lebensstandard noch viel zu hoch. Tooze erklärt auch nicht, warum das NS-Regime Urlaubsansprüche und Sozialleistungen erhöhte sowie den Verbrauch von Genusswaren ansteigen ließ. Es passt ferner nicht in sein Bild, dass die meisten Rüstungsfirmen bis 1941 nur in Einschichtsystemen arbeiteten und Betriebe ohne Rüstungsrelevanz bis 1943 mehrheitlich weiter bestehen durften. Schließlich zog Hitler bis 1939 Ressourcen von der Rüstung ab, um Ferienanlagen und eine gigantische Fabrik für zivile Volkswagen zu bauen. Schließlich kommt zu kurz, dass Hitlers Amerikabild erheblich schwankte, nämlich zwischen größter Ehrfurcht vor der technisch-zivilisatorischen Modernität der USA und einer grotesken Unterschätzung des „degenerierten Rassenbabylon“. Es bleiben also Zweifel an der These von der „grauenhaften Kohärenz“. Der Nationalsozialismus war am Ende doch viel grauenhafter, als er kohärent sein konnte.

Das Kapitel zu den Unternehmern, die pauschal als „willfährige Partner“ erscheinen, bleibt unscharf. Die meisten neueren Studien haben dagegen gezeigt, wie unterschiedlich Verhalten und Motive der Unternehmer ausfallen konnten. So wichtige Branchen wie die Banken, Versicherungen, der Handel, die gesamte Konsumgüterindustrie und Exportwirtschaft werden praktisch nicht behandelt. Tooze konzentriert sich fast ausschließlich auf die Schwer- und Rüstungsindustrie. Insofern hat er eine brillante Geschichte der Rüstungswirtschaft und der Ressourcenmobilisierung vorgelegt, während eine moderne, breit angelegte Wirtschaftsgeschichte des NS-Regimes leider noch immer fehlt.





– Adam Tooze:
Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Siedler Verlag, München 2007. 926 Seiten, 44 Euro.

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