Literatur : Ich bin ein Schmarotzer

Georges-Arthur Goldschmidt beschließt seine autobiografische Trilogie

Nicole Henneberg

Kaum ein Autor hat so schonungslos wie Georges-Arthur Goldschmidt die ambivalenten Gefühle nachgezeichnet, die Heimatverlust und Todesangst in einem jüdischen Kind während der Nazizeit ausgelöst haben. Die Trilogie, die er soeben abgeschlossen hat, erzählt die Jugendgeschichte seines zweiten Ichs Arthur Kellerlicht: die traumatische Flucht aus der Geburtsstadt Hamburg, das qualvolle Leben in einem französischen Kinderheim in den Pyrenäen und die unverhoffte Befreiung 1944. Arthur ist zehn, als 1938 von einem Tag auf den anderen seine behütete Kindheit endet und er allein mit dem älteren Bruder nach Frankreich fliehen muss; seine Eltern werden ermordet.

„Die Absonderung“, 1991 erschienen, erzählt von den Qualen, die das einsame und sprachlose Kind von seinen Kameraden zu erdulden hat: Es wird solange verprügelt, gequält und gedemütigt, bis ihm sein Leiden als einzig angemessene Antwort auf den ungeheuerlichen Verlust erscheint, den es erlitten hat. Im 1996 erschienenen zweiten Band, „Die Aussetzung“, muss der Junge nochmals fliehen. Die Gestapo hat von seinem Aufenthalt erfahren und will ihn, wie alle Juden der Gegend, in ein KZ deportieren, „vergasen, wegräumen, ihn, das unwerte Leben“, wie er sich ständig vorsagt.

Durch einen Zufall gelingt ihm die Flucht zu Bergbauern, die ihn verstecken. Anrührend sind die schmerzenden Details von zu Hause, an die er sich während dieser bleiernen Monate erinnert: wie in der Weihnachtszeit die Schritte seiner Mutter auf den Küchenfliesen klangen, wie die Plätzchen rochen, die er ausstechen durfte, und wie die Wagen seiner Spielzeugeisenbahn aneinanderklickten. Im soeben erschienen dritten Band, „Die Befreiung“, kann der inzwischen Sechzehnjährige ins Internat zurückkehren, ein ängstlicher Moment.

Er weiß, dass man sich nicht auf ihn freut, doch liegt so viel Hoffnung in der Luft, dass er Schritt für Schritt tut. „Er war noch am Leben, und so viele andere waren umgekommen, die Scham stieg in ihm auf und hob ihn unter den Achseln in die Höhe wie ein Kran, der einen riesigen, bauchigen Ballon hievte, auf dem man lesen könnte: ICH BIN EIN LEBENSSCHMAROTZER. Er hätte sich am liebsten mit der Selbsthaubitze in den Morast geschossen“.

Wie in Zeitlupe wandert er den Weg zum Heim hinauf und tastet dabei mit den Augen die weiten Kreise der Landschaft ringsum ab. Er liebt die genaue Beobachtung, kennt jeden Stein und jeden Hügelkamm hier; jahrelang haben sie ihn getröstet. Doch sofort, als er die Windfangtür aufstößt, ist er wieder im Gefängnis. Unzählige Male hatte er gehört, er müsse bestraft werden, und er glaubte es. War er doch schuldig, weil er Jude war, und wegen der rätselhaften Lust, die er oft empfand.

Paradox, dass ein Roman unter dem Titel „Die Befreiung“ hauptsächlich von Strafen erzählt, doch jetzt, ohne die Todesangst, erlebt der Erzähler diese immer stärker als lustvolle Inszenierungen. Die blauroten Striemen auf seinem Körper scheinen ihm die gleiche selbstverständliche Schönheit zu besitzen wie die sanften Hügelkämme draußen, und brennend vor Gier provoziert er täglich neue Schläge, unter denen er sich schreiend und halbnackt vor aller Augen am Boden wälzt.

Während in den beiden ersten Romanen der Erzähler sich immer tiefer in seinen Schmerz hineinbohrt, schwellen Scham und Sehnsucht jetzt in ihm zu einer Blase an, die während seiner Rousseau-Lektüre platzt. Durch die „Confessions“ erkennt Arthur die Facetten seines Leidens plötzlich als Metaphern, über die er verfügen kann und beginnt, mit ihnen zu spielen. Das ist die Besonderheit des dritten Bandes, der somit vom glücklichen Ende einer qualvollen Selbsterschaffung erzählt. Im Licht der neuen Freiheit beginnen die Bilder zu glühen, als wären sie Teile der kuriosen Selbsthaubitze, mit der Arthur sich ständig durch die Gegend schießen will – Akt der Selbstbestrafung und Münchhausen-Aktion in einem.

Nur diese Trilogie, die alle zentralen Motive seines Werkes versammelt, hat Goldschmidt in seiner Muttersprache Deutsch und damit in der Sprache der Mörder seiner Eltern geschrieben; sonst schreibt er, seiner neuen Heimat entsprechend, französisch. Aber so dichte und melancholisch insistierende Romane – Peter Handke nannte sie Traumwandelbücher – konnten wohl nur in der eigenen, der Kindheitssprache gelingen.

Georges-Arthur Goldschmidt:

Die Befreiung.

Ammann Verlag,

Zürich 2007.

205 Seiten, 19,90 €.

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