Literatur : Ich unter null

Stefanie Geigers Debütroman „Der Eisfürst“

Eva Kalwa

Die unwirtliche Welt aus fahlem Neonlicht und Kunststoff wirkt wie von einer dünnen Eisschicht überzogen. Ein vager Geruch von Chemikalien, von Misstrauen und Isolation hängt in der Luft. Durch ein Labyrinth unerzählter Geschichten, ungestillter Sehnsüchte und verzweifelter Selbstverankerungsversuche sucht die Ich-Erzählerin in Stefanie Geigers Debütroman „Der Eisfürst“ mühsam ihren Weg. Doch die Sonne hat nicht genug Kraft, das Frösteln bleibt, denn „Der Eisfürst“, der hier herrscht, ist vor allem eins: eine schlechte Wärmequelle.

Geiger porträtiert eine junge Frau Anfang dreißig, die versucht, in der Vergangenheit der anderen ihre eigene Wahrheit und so sich selbst zu finden. Die Suche nach dem eigenen Leben trotz dünner, versehrter Seelenhäute, das unbedingte Bedürfnis der Verortung des Ich im unerwarteten Angesicht elterlicher Vergänglichkeit, ist nicht neu – Peter Weiss grüßt aus der Ferne, auch Zoë Jennys mit ihrem „Blütenstaubzimmer“ schimmert durch. Geiger aber erzählt das alles mit viel Sinn für sprachliche und emotionale Aggregatzustände.

Die Mutter Marianne, die Erzählerin nennt sie kurz „m. M.“ für „meine Mutter“ – zum N. N., dem nomen nescio, ist es nur ein vorgetäuscht kleiner Schritt –, liebte einst einen Sanften, Schönen, der sich aber als „zu leicht“ erwies. Es folgt Karl M., der „Eisfürst“. Dessen Kühle „betäubte wunde Stellen, fror das Bewegte ein“. Er schwängert Marianne und verlässt sie kurz darauf. Der Rest ist langes Schweigen, dessen gefrorene Hülle die erwachsene Tochter mit drängenden Fragen durchstoßen will.

Nach „zweiunddreißig Wintern“ ruft der Vater sie nach Sylt, wo er eine – nomen est omen – Eisfabrik betreibt. Karl M. zögert die Begegnung tagelang hinaus, quartiert die Tochter in einem Hotel der Einsamen ein, will sie von seiner Version der Geschichte überzeugen. Was diese, recht vorhersehbar, zu dem Schluss kommen lässt: Wo es so viele Wirklichkeiten wie Menschen gibt, existiert die eine Wahrheit nicht. Bald darauf stirbt „m. M.“, das Haus wird verkauft, und das nagende Bedürfnis nach einem stimmigen Selbstentwurf verwandelt sich in einen fragilen Frieden: vier Zentimeter Dicke, und das Eis trägt. Eva Kalwa

Stefanie Geiger:

Der Eisfürst. Roman.

Verlag C. H. Beck. München 2008.

120 Seiten, 14,90 €.

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