Literatur : Ich war Sparta, mein Vater Athen

„Fun Home“: Alison Bechdel erzählt ihre Familiengeschichte als Comicroman

Nadine Lange

Bruce Bechdel ist ein Deko-Diktator. In dem 1867 erbauten Haus, das er mit seiner Frau und den drei Kindern bewohnt, muss alles exakt so aussehen, wie er es sich vorstellt: Samtvorhänge, Velourstapeten, Mahagonimöbel, Blattgoldverzierungen – und wenn seiner Frau ein neuer Lüster nicht gefällt, montiert er ihn trotzdem. Er renoviert und arrangiert mit dem Perfektionismus eines Museumsdirektors.

Die Bewohner des Hauses interessieren ihn weniger: „Mit der Zeit ärgerte es mich, dass mein Vater seine Möbel wie Kinder und seine Kinder wie Möbel behandelte“, schreibt seine Tochter Alison in ihrer gezeichneten Autobiografie „Fun Home“. Der Titel bezieht sich allerdings nicht auf das Wohnhaus der Familie Bechdel, sondern auf das vom Vater nebenberuflich geführte Funeral Home, also Beerdigungsinstitut, das die Kinder zu Fun Home abkürzen. Alison und ihre jüngeren Brüder machen sich dort einen Spaß daraus, mit der Sargkarre herumzurasen oder an den Riechsalzkapseln zu schnüffeln. Einige Jahre später – Alison hat gerade ihr Coming-out als Lesbe hinter sich – sehen die Geschwister in eben diesen Räumen ihren 44-jährigen Vater im offenen Sarg liegen. Alison glaubt, sein Tod hat etwas mit seinem lange gehüteten Geheimnis zu tun: Bruce Bechdel war heimlich homosexuell.

Alison Bechdel rekonstruiert ihre Kindheit und Jugend mit klarem Strich und trockenem Humor, wobei sie mit einer ähnlichen Akribie vorgeht wie ihr Vater beim Ausstatten des Hauses: Bevor sie zu zeichnen begann, spielte sie jede einzelne Szene mit sich selbst in allen Rollen durch und machte Digitalfotos davon. Sie durchforstete alte Briefe, Familienfotos und ihre Tagebücher. Einige dieser Dokumente hat sie abgezeichnet und in ihre Erzählung eingebunden. Außerdem fügt sie immer wieder detailliert gezeichnete Karten von Beech Creek bei, ihrem 800-Seelen-Dorf in Pennsylvania. Insgesamt sieben Jahre arbeitete die heute 47-Jährige an ihrer Comic-Autobiografie. Zu viel für ihre damalige Freundin – die verließ sie.

Bei aller vorgeblichen Faktentreue ist „Fun Home“ ein in hohem Maße künstliches Buch, dessen Erzähltechnik mehr mit einem Roman als mit einem Comic gemein hat – eine graphic novel im besten Sinne. So erzählt Alison Bechdel nicht chronologisch, sondern baut immer wieder Rück- und Vorausblenden ein. Wichtige Szenen wie ihr Coming-out werden wiederholt.

Am beeindruckendsten sind jedoch die zahlreichen literarischen Verweise, die Alison Bechdel elegant einwebt. Sie vergleicht ihre Eltern – beide Englischlehrer – immer wieder mit Romanfiguren oder Autoren. Erhellend ist dies vor allem bei ihrem Vater, einem leidenschaftlichen Leser, der die Fiktion der Realität vorzieht. Er identifiziert sich beispielsweise stark mit F. Scott Fitzgerald und dessen „Gatsby“. Seine Familie sieht er als Verwandte von William Faulkners Bundrens. Brechdel interpretiert ihren Vater mit Hilfe von Proust. Joyce und Camus – fast so, als wäre er selbst ein Buch.

Ihr gelingt das ebenso plausibel wie liebevoll, vielleicht, weil sie selbst sich von klein auf die Welt mit Büchern erklärte. Im emotionalen Kühlhaus der Bechdels wog das geschriebene Wort mehr als das gesprochene. Bei Problemen schaute man im Lexikon oder in Dr. Spocks Erziehungsbuch nach. Kein Wunder, dass Alison in einer Bibliothek ihr Lesbischsein entdeckte – und dann erstmal ein privates Homo-Lektüreseminar durchzog.

Seit 25 Jahren zeichnet Alison Bechdel den Strip „Dykes to watch out for“, der in verschiedenen Magazinen erscheint. Mit „Fun Home“ gelang ihr vor zwei Jahren der Mainstream-Durchbruch. Der Comic bekam in den USA euphorische Rezensionen, wurde mit Art Spiegelmans „Maus“ und Marjane Satrapis „Persepolis“ verglichen. Das „Time Magazine“ wählte ihn sogar zum besten Buch des Jahres 2006 – vor Romanen von Cormac McCarthy und Richard Ford.

„Fun Home“ ist der erste Comic im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Zugleich ist es ein geradezu klassischer amerikanischer Familienroman, entfernt verwandt mit John Irvings „Hotel New Hampshire“ und David Sedaris’ „Nackt“. Sicher wird Hollywood bald an die Tür von Alison Bechdels Holzhaus in den Wäldern von Vermont klopfen.

Alison Bechdel: Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten. Aus dem Englischen von Sabine Küchler und Denis Scheck. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 238 Seiten, 19,95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben