Ilija Trojanow : Das Ende der Einäugigkeit

Heute wird im Haus der Kulturen der Welt erstmals der Internationale Literaturpreis verliehen. Eine Festrede von Ilija Trojanow.

1.

In einem einfachen Mietshaus, unweit der Bordelle der Stadt, lebte ein übergewichtiger Herr, inmitten von Büchern, die alle Wände bedeckten und jede Nische der Welt ausleuchteten. Er las und las und bekämpfte gelegentlich mit Zigarren sein Asthma. Am Tag lachten die Stimmen der Soldaten und Spieler von der Calle Trocadero herein; im Traum erschienen ihm Doppelgöttinnen, halb verholzt, halb jungfräulich, und irre rennende Gnome, die allen Nippes zerdepperten. Dieser Herr lebte mutterheimisch im Centro Habana und schrieb an gegen die „krokodilschläfrigen Breitengraden“ seiner Heimat, er nahm imaginären Zugriff auf jede Tradition, die ihm zusagte, sei sie chinesisch oder indisch, auf jedes Land, das ihn faszinierte, ob Georgien oder Japan, auf das Protokoll am französischen Hof genauso wie auf die Mythen der Azteken. Der Weltläufigkeit seiner Vergleiche waren keine Grenzen gesetzt: eine Figur trägt das Gesicht eines peruanischen Seidenäffchens, eine andere beschwört Gott mit den Gesten eines Popen aus der Zeit Iwans des Schrecklichen.

Bei José Lezama Lima, dem Herrn aus der Calle Trocadero, stand das Universelle in keinem Widerspruch zum eigenen Innenhof, wo er in den Eingeweiden kleinbürgerlicher Existenzen lesen konnte. Vor lauter Büchern sah er die ganze Welt und wollte sich mit weniger literarisch nicht zufrieden geben. Er gönnte sich eine weitreichende kulturelle Bewegungsfreiheit. Als Autor des wohl ersten wahren Weltkulturromans (Paradiso) könnte der Kubaner Lezama Lima als Gründungsvater einer zeitgemäßen kosmopolitischen Literatur gelten, einer Literatur, die ihre neuen Spielräume nutzt und eine grenzüberschreitende Formensprache vorantreibt. Als aktuelles Paradebeispiel kann der kürzlich auf Deutsch erschienene Roman „2666“ von Roberto Bolaño gelten, der sich völlig selbstverständlich ohne Fremdeln durch Raum und Zeit bewegt.


2. Auf den Fresken und Altären der kubanischen Palo-Monte-Religion tummeln sich gelegentlich Figuren, die sich in die falsche sakrale Komposition verirrt zu haben scheinen: Lehrer wie Buddha, Propheten wie Mohammed neben den vertrauten schwarzen Jungfrauen und afrikanischen Schutzgeistern. Sie werden angerufen, weil, in den Worten eines Priesters dieses Kults, „die Wahl der spirituellen Vorfahren jedem Menschen selbst überlassen“ sein müsse. Diese synkretistische Grundhaltung entspricht der Kreolität vieler zeitgenössischer Stimmen. Ein Essayband von Lezama Lima trägt folgerichtig den Titel „Confluencias“, also Zusammenflüsse. Andererseits hieß die bedeutende Literaturzeitschrift, die er mitbegründete und leitete, „Origines“, also Ursprünge. Kwame Anthony Appiah hat dieses kreative Spannungsverhältnis zwischen Herkunft und Selbstbestimmung rooted cosmopolitism genannt. Auf vier der sechs Autoren auf der Shortlist für den neuen Internationalen Literaturpreis trifft diese Umschreibung zu, ebenso auf die Mehrheit der Autoren auf der Longlist. Lange wurde Exil bzw. Migration als reiner Verlust bilanziert, als schmerzhafte Entwurzelung, die einen unheilbaren Phantomschmerz zurücklasse. Der Vertriebene, der Ausgesetzte leide zwischen der Skylla einer rückbezogenen Nostalgie und der Charybdis einer heimatlosen Verlorenheit. Edward Said hat die Medaille umgedreht: „Doch wenn wahres Exil der Zustand endgültigen Verlusts ist, wieso ist es so mühelos in ein starkes, vielfältiges Motiv der modernen Kultur verwandelt worden?“

Weiter gefasst lautet die Frage: Wieso gedeiht Literatur im Exil, obwohl der Einzelne angeblich daran zugrunde geht? Und geht der Autor wirklich unter oder wird er transformiert? Ist also der entscheidende Gegensatz jener zwischen der Akzeptanz und der Verweigerung solch einer Metamorphose? In der doppelten Buchführung des Migranten wandelt sich Verlust durch eine unvermutete Befreiung in Gewinn um. Das Exil erweist sich, literarisch betrachtet, immer wieder als Exit in eine Welt unbegrenzterer Möglichkeiten. Diese inhärente Widersprüchlichkeit ist schon im Wort selbst angelegt, bedeutet doch das lateinische exilium sowohl „in der Fremde weilend“ als auch „verbannt sein“. Ausgesetzt also, doch entschädigt mit Fremdeweile. Diese Bedeutungszange erfasst, dass die antikoloniale und postkoloniale Literatur überwiegend von Exilanten und Emigranten verfasst wurde, die meisten bedeutenden Autoren Osteuropas während der kommunistischen Herrschaft ihr Geburtsland verlassen mussten und die zwei großen Meister der Moderne, Joyce und Beckett, beide in vorbildlicher Weise verwurzelte Kosmopoliten waren. Die normative Qualität, die dem Exil literaturgeschichtlich im 20. Jahrhundert zukam, dürfte im 21. Jahrhundert von dem Phänomen der Migration fortgeführt werden.

Moses warnt in der Thora: „Vergesst nicht, ihr wart Diener und ihr wart Sklaven.“ Der Grund dieser Ermahnung ist evident: Das Wissen der Migranten um die eigene Befreiung reicht nicht aus. Sie können und dürfen die Welt nicht allein aus der Sicht von kürzlich erworbenem Wohlstand, von Sicherheit und Bequemlichkeit betrachten, denn sie sind zu dem geworden, was sie sind, durch das, was zurückliegt, aber nicht zurückgelassen wurde.

Ob Peru, Libanon, Äthiopien oder Ex-Jugoslawien – die ausgewählten Romane erinnern allesamt an Folter und Unterdrückung, an Verachtung und Entmenschlichung, an Verbrechen, für die keine Sühne geleistet worden ist. Vaterland ist eine Vergangenheit, der diese Autoren entronnen sind (und sei es als unschuldige Kinder), doch sie ist ihnen eingeritzt wie eine Tätowierung, die sie in neuer Sprache nachspüren müssen.

Solche Autoren sind polyglotte Patrioten einer entfremdeten Heimat. Kein daheimgebliebener Peruaner, Bosnier, Libanese oder Äthiopier hätte über die Herrschaft der Gewalt und die Stummheit der Opfer auf diese Art schreiben können. Weil sich Migrantenautoren außerhalb eines vorbestimmten Koordinatensystems befinden – nennen wir es die eingeborenen Axiome –, haben sie diesen Käfig von außen gesehen, haben ihn im und gegen den Uhrzeigersinn umkreist, und nun können sie nicht anders, als die bestehenden politische und kulturelle Kontexte in Frage zu stellen, während sie ihre Erinnerung konstruieren. Der Migrant ist sich jederzeit bewusst, das Haus, das er gerade errichtet, könnte auch ganz anders aussehen. Das mag zwar nicht immer eine beglückende Einsicht sein, aber literarisch offensichtlich fruchtbar.


3. Exilanten und Migranten sind selten Bewohner des Elfenbeinturms. „In der Emigration gab es keinen windstillen Winkel; das Exil erlaubte keine weltabgewandte Haltung“, beschreibt Franz Carl Weisskopf das Wirken der deutschen Flüchtlinge während der Nazizeit. Das, was der weltabgewandte Dichter mit seinem Rückzug anstrebt, kann der Exilant in der Welt vollziehen: Formen, Gestalten, Verknüpfen nach eigenem Gutdünken. Der Exilant muss die Einsamkeit nicht suchen, sie ist sein normaler Zustand. Er ist ein subversiver Exzentriker, der sein Nicht-Dazugehören mit der Waffe der eigenen, ganz persönlichen und eigenwilligen Differenz verteidigt.

Oder, wie der Ich-Erzähler in Aleksandar Hemons großartigem Roman „Lazarus“ erklärt:

„Nein, ich bin kein Jude. (…)

Ich bin auch weder Muslim, noch Serbe oder Kroate.

Ich bin kompliziert.“

Hugo von Sankt Viktor hat diesen Zustand metaphysisch erhöht: „Wer sein Heimatland liebt, ist ein zarter Anfänger; wem jeder Fleck so viel bedeutet wie der heimische, ist stark; vollkommen ist aber jener, dem die ganze Welt ein fremdes Land ist.“ So betrachtet, ist das Exil im gesegneten Fall eine Kenntnis von der Welt bei gleichzeitiger Entfremdung von ihr, eine Haltung, aufgrund derer sich die angeblich unversöhnlichen Gegensätze Heimat und Welt, Wurzeln und Freiheit vereinen. Es verlangt dem Einzelnen einiges an Kraft ab, es offeriert ihm viele Alternativen. Wer als Autor diese Widersprüche auszuhalten und diese Freiräume zu nutzen vermag, dem gelingt große Literatur.


4. Und doch beheimatete Lezama Lima seinen kosmopolitischen Universalismus dezidiert in Amerika, auf jenem Kontinent, der als einziger seine Mestizität und Kreolität als Wesensmerkmal akzeptiert hat, quasi der Musterschüler einer essentiellen Pluralität. Es ist kein Zufall, dass fünf von den auserkorenen Autoren auf diesem Kontinent zu Hause sind, in Kanada, USA und Argentinien. Vielleicht erklärt die transatlantische Differenz, wieso die deutsche Wahrnehmung immer noch eine überwiegend selbstgefällige, selbstgenügsame ist. Zwar ist auch Deutschland aus Vermischungen entstanden, aber die Langzeitwirkungen einer dogmatisch behaupteten Homogenität sind weiterhin wirksam, wenn auch inzwischen in abgeschwächter Form. Außereuropäische Literatur (mit Ausnahme von den Autoren aus der USA) wurde lange Zeit als ethnografisches Zeugnis oder als Reiseführer für Gebildete missverstanden. Nur wo das politische Herz höher schlug, etwa im Falle Nicaraguas, ließ man sich von dortigen Dichtern begeistern (Ernesto Cardenal oder Gioconda Belli). Und manche Regionen, an erster Stelle Afrika, galten gar als literarische Wüsten. Manch ein einheimischer Literaturkritiker rechtfertigte seine Ignoranz mit seinem Qualitätsbewusstsein, das sich um politische Korrektheit und gutmenschlichen Zeitgeist keinen Deut schere. Die individuelle Nabelschau vieler Autoren war gebettet in der eurozentrischen Nabelschau der literarischen Öffentlichkeit. Weiterhin herrscht eine mentale Antiquiertheit vor, die auf die zwanghaften und oft negativen Folgen der Globalisierung – an China verlorene Arbeitsplätze, aufgrund amerikanischer Immobilienspekulationen ruinierte Banken – mit einem (oft nicht ausgesprochenen) inneren kulturellen Protektionismus antwortet. In manchen Kreisen wird sogar die düstere Karikatur des heimatlosen Nomaden als Vogelscheuche zum Schutz des eigenen Provinzialismus aufgestellt.

Doch die Epoche der Einäugigkeit scheint sich langsam dem Ende zuzuneigen. Deutschland ist zweifellos in den letzten Jahren weltoffener geworden, im Spiegel erkennt man sich nun als Einwanderungsland wieder, und die deutschsprachige Literatur ist so hybrid wie sie es zuletzt vor dem 1000-jährigen Wahn war. Die Verlage übersetzen eine Vielzahl weltliterarischer Werke – wir müssen sie nur wahrnehmen. Zu diesem Zweck wurde unter der Ägide von Litprom vor einem Jahr eine Bestenliste namens Weltempfänger ins Leben gerufen, die vier Mal im Jahr sieben Bücher aus Afrika, Asien und Lateinamerika empfiehlt und von den Medien erfreulich gut aufgenommen wurde. Und nun, quasi als Play-off und Finale, der Pokal des Internationalen Literaturpreises.

Vergleicht man die Longlist und Shortlist dieses Preises mit anderen Auswahllisten, seien es jene des deutschen Buchpreises, des Booker Prize oder des Prix Goncourt, wirken die Konkurrenten brav und altbacken. Kein Wunder: Immerhin wurden bei diesem Auswahlverfahren Werke von Autoren aus 53 Ursprungsländern, übersetzt aus 33 Sprachen, gesichtet. Und Vielfalt ist seit eh und je Garant für Qualität.


5. Die sogenannten multikulturellen Autoren ließen sich in früheren Jahrzehnten anhand einer Achse zwischen Herkunft und Ankunft, zwischen Heimat und Asyl definieren. Sie schrieben über das Zurückgelassene oder das Vorgefundene, manchmal über beides. So entstanden, geografisch gesprochen, Nord-Süd- bzw. Ost-West- Achsen. Viele gegenwärtige Autoren sind über eine solche Zweidimensionalität hinausgewachsen, sie haben Zugriff auf Inspirationen und Intuitionen jenseits ihres biografischen Vektors, sie nehmen sich die Freiheit, mit Neugier auszubrechen und mit Empathie im Unbekannten anzukommen. Dadurch entstehen neue Zusammenhänge, neue Verknüpfungen, neue Netze. Ihre Literatur ist behaust auf einer Karte der Welt, die sie selbst eigenwillig zeichnen – dort ist östlich südlich von westlich.

Die Weltliteratur des 21. Jahrhunderts wird unseren Sinn für das Eigene und das Fremde verändern und sie wird durch diesen Internationalen Literaturpreis eine überfällige alljährliche Würdigung erfahren.

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