Literatur : Im Graben

Vier Neuerscheinungen über einen hierzulande lange unterbelichteten Konflikt:  Den Ersten Weltkrieg

Ernst Piper

Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles Wilhelm I. als Kaiser des neu geschaffenen Deutschen Reiches proklamiert. Vorausgegangen war der deutsch-französische Krieg, in dem es 44 000 Tote gegeben hatte. Von 1914 bis 1918 führte das Deutsche Reich unter dem Enkel Wilhelm II. erstmals selbst Krieg. Diesmal war die Bilanz mit 8,9 militärischen Todesfällen und fast sechs Millionen Ziviltoten weitaus verheerender: Der Erste Weltkrieg hat die politische Landkarte in Europa grundlegend umgestaltet und ist im nationalen Gedächtnis unserer Nachbarn – als „la Grande Guerre“ oder „The Great War“ – bis heute ein zentrales Ereignis. Auch in Deutschland hat die Erinnerung an diesen ersten globalen und totalen Krieg lange Zeit die politische Agenda geprägt, aber nach 1945 war sie durch das unvorstellbare Grauen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust überlagert.

Seit einiger Zeit kehrt der Erste Weltkrieg hierzulande machtvoll in das kulturelle Gedächtnis zurück. Auch in der historischen Forschung hat er Hochkonjunktur. Schon der 90. Jahrestag des Kriegsausbruchs hat eine Fülle von Publikationen hervorgebracht, für den 90. Jahrestag des Kriegsendes gilt das nicht minder. Besonders gewichtig im doppelten Wortsinne ist die Enzyklopädie Erster Weltkrieg, die nun in einer überarbeiteten Studienausgabe vorliegt. Über 150 Experten aus dem In- und Ausland haben zu diesem Kompendium beigetragen, das für jeden unverzichtbar ist, der sich mit dem Ersten Weltkrieg intensiver auseinandersetzen will. Den ersten Teil des Bandes machen Überblicksdarstellungen zu den kriegführenden Staaten, zum Kriegsverlauf und zur Historiografie aus. Es folgt der lexikalische Teil, der etwa zwei Drittel des Bandes ausmacht. Erfreulich ist, dass es zusätzlich zum Stichwortverzeichnis nun auch Personen- und Ortsregister gibt. Das erhöht die Benutzbarkeit dieser Enzyklopädie, die grosso modo einen ausgezeichneten Überblick über den Forschungsstand gibt, erheblich.

Als Einstieg in die Thematik kann der von Stephan Burgdorff und Klaus Wiegrefe herausgegebene Band „Der Erste Weltkrieg“ dienen. Die Texte sind 2004 zunächst als „Spiegel special“ erschienen, dann als Spiegel-Buch und nun im Taschenbuch. Es wird ein lebensnahes Bild vom Krieg gezeichnet, dem Geschehen an den verschiedenen Fronten einschließlich der Heimatfront. Aber auch die traditionellen Themen vom „Augusterlebnis“ bis zu Kriegsende und Schuldfrage werden behandelt. Dabei kommen zahlreiche Journalisten, aber auch eine Reihe führender Historiker zu Wort. Ergänzt wird der anregende Band durch eine bemerkenswerte Folge von Farbaufnahmen, die jüngst in französischen Archiven entdeckt worden sind. 1907 hatten die Brüder Lumière in Lyon die ersten Farbfotoplatten entwickelt, die schon bald in Europa Verbreitung fanden. Die lange Belichtungszeit erlaubte zwar nicht die Aufnahme bewegter Szenen, dennoch verleihen diese Farbfotos dem Geschehen eine bemerkenswerte Gegenwärtigkeit.

Einen noch eindrucksvolleren Beitrag stellen die Farbfotos dar, die dem Band „Endzeit Europa“ beigegeben sind. Sie stammen sowohl von deutschen als auch von französischen Kriegsfotografen und sind exzellent reproduziert. „Endzeit Europa“ ist der Begleitband zu der gleichnamigen Ausstellung, die bis zum 8. Februar 2009 in Rheinsberg zu sehen ist und anschließend durch Deutschland und Frankreich wandern wird. Der Germanist Peter Walther hat über 500 Briefe und Tagebucheinträge von Schriftstellern, Künstlern, Publizisten und Wissenschaftlern für die Publikation ausgewählt. Dabei hat er einen starken Akzent auf das so genannte Augusterlebnis gelegt, jenen Moment kollektiver Erregung, der nicht zuletzt eine wahre Springflut nationalstolzer Dichtung hervorbrachte. Allein dem August 1914 widmet er fast 40 Seiten seines Lesebuchs, doppelt so viele wie dem gesamten Krisenjahr 1917, das für die weitere Geschichte so bedeutsam war. Im Zentrum der an Kempowskis Echolot erinnernden Textkollage stehen Zeugnisse privaten Erlebens. Über 100 verschiedene Stimmen kommen dabei zu Wort. Zu denen, die dem Leser immer wieder begegnen, gehört etwa die der Künstlerin Käthe Kollwitz, die ihren Sohn Peter verliert und durch das Kriegserlebnis zur entschiedenen Pazifistin wird. Tragisch ist auch der Fall des Dichters und Literaturwissenschaftlers Ernst Stadler, der am 30. Oktober 1914, acht Tage nach Peter Kollwitz, auf einem Schlachtfeld in der Nähe von Ypern sein Leben ließ. Stadler stammte aus dem elsässischen Colmar, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Stets hatte er sich für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich eingesetzt, hatte an den Universitäten in Oxford, Brüssel und Straßburg unterrichtet und im September 1914 sollte er gar eine Dozentur für Germanistik im kanadischen Toronto übernehmen. Doch bereits am 31. Juli wurde er wegen des „Zustands drohender Kriegsgefahr“ einberufen. Deprimiert begann er, ein Kriegstagebuch zu führen. Angesichts von Stadlers frühem Tod umspannt es nur drei Monate, dennoch hat Peter Walther daraus eine ganze Anzahl von Einträgen ausgewählt, die einen nüchternen, detailreichen und realistischen Einblick in den Kriegsalltag geben.

Das Lesebuch „Endzeit Europa“ lässt deutlich werden, wie die in vielem glanzvolle Epoche des wilhelminischen Kaiserreichs in den Blutmühlen vor Versailles ein wenig rühmliches Ende gefunden hat. Vier Jahrzehnte nach der so genannten Fischer-Kontroverse ist heute weithin unumstritten, dass das Deutsche Reich eine nicht unerhebliche Mitschuld am Ausbruch des Kriegs trägt. Klar ist aber auch, dass seine Rolle im Jahre 1914 nicht mit der im Jahr 1939 gleichgesetzt werden kann. Dennoch sehen nicht wenige hier das Wirken einer spezifisch preußisch- deutschen Tradition des Militarismus, eines Militarismus, der sogar als historisches Musterbeispiel des Militarismus überhaupt gilt. Wolfram Wette geht so weit, in ihm den „Humus für die europaweiten Hegemonialansprüche des Deutschen Reiches und somit für die Entstehung der beiden Weltkriege“ zu sehen. Der Militärhistoriker hat eine Geschichte des Militarismus vorgelegt. Es ist eine gelungene Überblicksdarstellung, die vom Kaiserreich bis zur Gegenwart reicht. Wette nennt den Ersten Weltkrieg einen „gewollten Krieg“, denn der neue Militarismus, wie er sich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entwickelte, sei wirtschaftlich und militärisch aggressiv gewesen. Wette füllt mit seinem Buch eine Lücke, denn in der pazifistisch gestimmten Bundesrepublik war der deutsche Militarismus fast ein Tabuthema. Konrad Adenauer verkündete 1954 im Bundestag: „Der Militarismus ist tot.“ Ähnliches galt danach lange Zeit für die Erforschung seiner Rolle in der deutschen Geschichte. So ist es zu begrüßen, dass ein Kenner der Materie uns nun eine fundierte Gesamtschau präsentiert, die als Ergänzung zur Fülle der Bücher über den Ersten Weltkrieg ausdrücklich empfohlen sei.

– Peter Walther (Hrsg.): Endzeit Europa: Ein kollektives Tagebuch deutschsprachiger Schriftsteller, Künstler und Gelehrter im Ersten Weltkrieg. Wallstein Verlag, Göttingen 2008, 432 Seiten, 29,90 Euro.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Aktualisierte und erweiterte Studienausgabe. Schöningh Verlag, Paderborn 2008, 1059 Seiten, 49,90 Euro.

Stephan Burgdorff und Klaus Wiegrefe (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Dtv, München 2008, 320 Seiten, 14,90 Euro.

Wolfram Wette: Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur. Primus Verlag, Frankfurt/M. 2008, 309 Seiten, 24,90 Euro.

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