Literatur : Im Labor der Angela Z.

Georg Klein lotet in seinem vierten Roman Grenzbereiche des wissenschaftlichen Wissens aus

Jörg Magenau

Der bevorzugte Aufenthaltsort des Erzählers Georg Klein ist der Grenzbereich. „Am liebsten ist mir die Dämmerung des Wissens“, behauptet er in einem Selbstgespräch, das er auf seine Homepage gestellt hat. „Auf der einen Seite mag ich ein Wissen, das gerade erst aufgeht und in seinem dunstigen Aufstieg noch gar nicht klar zu begreifen ist. Und am anderen Ende der Welt finde ich meinen zweiten Liebling: das allmählich untergehende Wissen, jene Kenntnis von Gott und Welt, die ihre große Zeit gehabt hat und nun noch ein Weilchen im Zwielicht des Aberglaubens, des Lächerlichen, des Obskuren herumtapst.“ Seinem neuen Roman „Sünde Güte Blitz“ hat Klein ein Zitat von Gottfried Benn vorangestellt, der denselben Sachverhalt etwas weniger hochtrabend auszudrücken vermochte: „Lesen Sie viel; auch wissenschaftliche Bücher, obschon die Wissenschaft als Ganzes Unfug ist, ist sie lehrreich.“

„Sünde Güte Blitz“, der vierte Roman von Georg Klein, lotet die Grenzbereiche des Wissens aus. Handlungsort ist die Grenzstadt G., in der unschwer Görlitz an der Neiße und das polnische Zgorzelec zu erkennen sind. Die Stadt mit ihren herrlichen, beschämend günstig zu mietenden Altbauten hat sich seit der Wende dramatisch entvölkert. Die leere Stadt wartet auf ihre Zukunft, und erst einmal auf Zuzug aus dem Westen. Im Roman sind es zwei Ärzte aus Düsseldorf, die Doktoren Schwartz und Weiss, die hier mit großem Erfolg eine neue Praxis eröffnen. Sie steht im Ruf, eine Art Jungbrunnen zu sein. Alte – und davon gibt es in G. genug – erfreuen sich bald frisch gestraffter Haut und Muskulatur. Doch spätestens wenn die zuvor noch recht wacklige Alt-Diva Elvira Blumenthal sich auf dem Heimtrainer zu frischer Jugendlichkeit aufrüstet, ahnt man, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Klein liebt das Mythenmaterial des Alltags und die Exzesse der Trivialkultur. Ob Agentenroman, Detektivstory oder Gothic Novel – er hat in seinen vorigen Romanen noch jeder Form seine artifiziellen Konstruktionen abgewonnen. Dieses Mal spielt er mit dem Genre des Arztromans und mit der schwarzen Romantik, mit der Tradition des Homunkulus und des bocksbeinigen Pan und eines Götterboten, der in die Menschenwelt kommt, um dort gewissermaßen wieder die Ordnung der logischen Vernunft herzustellen. E.T. A Hoffmann ist ein deutlich sichtbarer literarischen Bezugspunkt. Vielleicht hat Georg Klein, der sein Geld einst als Ghostwriter akademischer Texte verdiente, sich aus praktischem Misstrauen gegen den Budenzauber der Wissenschaft dem Experimentierfeld der Kunst zugewandt. Seine Romane sind erzählerische Laborversuche. Wie bei einem Zauberwürfel muss man auch an seinen Texten so lange drehen, bis alle Elemente die richtige Ordnung ergeben. Sie sind durchsetzt mit Zeichen und Bedeutungen, die aber nicht mehr sind als ein immanenter Teil des Spiels. Sie verweisen auf keinen Sinn, sondern allenfalls auf die Lösung der Geheimnisse und Rätsel, die der Autor in seinem Text versteckt hat. Schon die Namen Schwartz und Weiss sind eher Zeichen als individuelle Benennungen. Das erinnert an die postmodernen Romane des Amerikaners Paul Auster. Vielleicht ist der Tüftler Georg Klein ja so etwas wie ein deutscher Paul Auster.

„Sünde Güte Blitz“ beginnt mit einem grandiosen Prolog und dem Satz „Die Menschen sind tollkühne Tiere“. Der Erzähler dieses Anfangs blickt von sehr weit oben, aus göttlicher Distanz, auf die Menschenwelt und schildert, wie „unser Bote“ dort unten ankommt: ein nackter Mann in einem Hinterhof, der in die Wohnung der langzeitarbeitslosen Physikerin Angela Z. einsteigt. Eine Physikerin aus dem Osten, die Angela heißt – wer würde da nicht an Angela Merkel denken? Aber auch diese Referenz ist allenfalls ein Jux und ohne jede Bedeutung. Angela Z. ist als praktizierende Hausmeisterin einigermaßen beunruhigt über die seltsamen Dinge, die sich in und um die neue Arztpraxis abspielen. Ihrem Gast, den sie mit einem Elektroschocker lahmlegt, erzählt sie, was sich in den vergangenen sechs Monaten zugetragen hat. Die Erzählperspektive ist dabei jedoch seltsam verschoben. Angela berichtet sehr viel mehr, als sie wissen kann, als gelinge es ihr vor ihrem außerirdischen Zuhörer, sich einer auktorialen Allwissenheit anzunähern. Erst dann, in der zweiten Hälfte des Romans, springt Klein in die Gegenwart und schildert das Geschehen eines einzigen Tages aus wechselnden Perspektiven mit rasanten Schnitten, bis sich die Energie in einem großen Showdown in einer Ausstellung über den fiktiven Physiker Gottlieb Ameis entlädt.

Einen historischen Hintergrund gibt es auch: Ameis, der mit elektromagnetischen Platten und allerlei kupfernen Gerätschaften experimentiert und sich vor allem für Gewitter interessiert, ist dem Physiker Adolf Traugott von Gersdorf nachempfunden, der Ende des 18. Jahrhunderts in Görlitz eine wissenschaftliche Vereinigung gründete und dem dort ein Kabinett des naturkundlichen Museums gewidmet ist. Seine Experimente, wie Klein sie schildert, bewegen sich in dem Graubereich zwischen Wissenschaft und Magie. Von hier aus ist es nicht schwer, die elektrischen Spannungen bis in die Gegenwart der Erzählung wirken zu lassen und eben jenen Dämon zu erschaffen, der Dr. Weiss mit übersinnlicher Heilkraft ausstattet. Mehr von der Geschichte zu verraten, hieße ihre Spannung zu zerstören. Man kann seinen Spaß daran haben, an diesem literarischen Spiel des Georg Klein, auch wenn am Ende, wenn alles in Rauch und Gestank verpufft, nicht viel mehr zurückbleibt als Bewunderung für die sprachliche Eleganz und die konstruktive Intelligenz, mit der dieser Erzähler seinen Budenzauber betreibt.

Georg Klein: Sünde Güte Blitz. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. 192 S., 14,90 €.

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