Literatur : Im Stellungskrieg

Ich-Kult und Weltanalyse: Der Briefwechsel von Michel Houellebecq und Bernard-Henri Lévy

Marianna Lieder

Wir beide sind die perfekten Verkörperungen der entsetzlichen Erschlaffung der französischen Kultur und Intelligenz“, schreibt Michel Houellebecq im Januar 2008 an Bernard-Henri Lévy, den er als medienmanipulierenden „Philosophen ohne Gedanken, dafür aber mit Beziehungen“ tituliert. Was die eigene Person angeht, hält es Frankreichs meistgelesener lebender Romancier und Exportschlager „für zu viel der Ehre“, sich das Attribut des „rechten Anarchisten“ zuzugestehen; „eigentlich bin ich nichts weiter als ein Spießer“, durch eine „Reihe unwahrscheinlicher geschmacklicher Fehlurteile zu literarischer Berühmtheit gelangt“.

So beginnt die Korrespondenz zwischen den ungleichen Starautoren, ein halbes Jahr später endet sie schon wieder. Allerdings nicht, weil der Narzissmus des einen genug von den depressiv-provokanten Exzessen des anderen hätte, sondern weil nach dem Sommerloch die geplante Veröffentlichung ansteht. Noch während Houellebecq und Lévy einander im Juli abschließende Zeilen schreiben, bündeln zwei große Pariser Verlagshäuser ihre Kräfte zu einem PR-Feldzug. Bei Flammarion und Grasset erschien der Briefwechsel 2008 unter dem doppeldeutigen Titel „Ennemis publics“, und weil in der deutschen Übersetzung „Volksfeinde“ nur die Hälfte des angedeuteten Konfliktpotenzials über den Rhein gerettet worden wäre, hat man sich bei Dumont entschieden, das Ganze zusätzlich als „Schlagabtausch“ zu bezeichnen. Die Mühe hätte man sich sparen können. Denn der Zwist verheißende Tonfall in Houellebecqs Eröffnungsschreiben, in dem er die „Eckpunkte der Auseinandersetzung“ zwischen sich und Lévy genannt haben will, ist nichts anderes als die manierierte Bekundung einer selbstgerechten Komplizenschaft.

Es gibt nur einen gemeinsamen Feind: „die Meute“ der Journalisten und Biografen. Houellebecq sieht sich wehrlos dem „totalen Vernichtungskrieg“ der Medien ausgesetzt, und Lévy tröstet, dass auch schon Sartre, Camus, Cocteau und Baudelaire den Hass der ewig Mittelmäßigen auf sich zogen. Im Gegensatz zu seinem schmollenden Briefpartner erschüttern Lévy die Attacken nur geringfügig. Seinen Kampfgeist mobilisieren sie dafür umso mehr: Durch obsessives Selbstgooglen wird die Position der Gegner ausgekundschaftet und zurückgeschlagen. Für Houellebecq ist Levys radikaler Unwille zum Leid „eine Art Schock“. Um Einblick in das „Geheimnisvolle, ja Anormale“ eines derart kugelsicheren Egos zu erhalten, schlägt der „Depressionist“ vor, gemeinsam den Weg der „Bekenntnisliteratur" zu beschreiten.

Wechselseitig versucht man also, sich bei der Richtigstellung des von der medialen Öffentlichkeit verzerrten Images unter die Arme zu greifen und tauscht sich aus über Kindheit, Väter, prägende Lektüreerfahrungen, Verhältnis zu Staat, Gesellschaft, Religion und der eigenen Berühmtheit. Die Ausführungen, die sich durchgängig in leidenschaftlicher Rhetorik präsentieren, sind ein buntes Durcheinander aus virtuos betriebenem Ich-Kult und weitschweifiger Weltanalyse.

Die unfreiwillige Komik der Texte verdankt sich Lévys grenzenloser Selbstaffirmation. Hinter dessen Versuch, die Motivation für sein öffentlich zelebriertes Dasein als engagierter Intellektueller „schonungslos“ darzulegen, verbergen sich ironiefreie Beglückwünschungen zur eigenen Persönlichstruktur. In eitlem Überschwang zitiert er, was ihm aus Literatur- und Philosophiegeschichte einfällt. Jedes biografische Detail erhält ein prominentes Vorbild, jede Meinungsäußerung stützt sich auf die Autorität einer Geistesgröße von Platon bis Levinas.

Gerade hat man sich zu theologisch-abstrakten Gefilden hochgearbeitet, da wird die Diskussion wieder in die Niederungen des geschmähten Ichs zurückgeworfen. Houellebecqs Mutter veröffentlicht ihre Autobiografie. Der Sohn sieht sich der verhassten Journaille nun endgültig ausgeliefert: „Ganz offensichtlich bin ich derjenige, den man mit ihrer Hilfe abzuschlachten versucht.“

Neben den Anfällen paranoider Weinerlichkeit finden sich in Houellebecqs Briefen interessante Passagen über sein nihilistisches Erweckungserlebnis bei der Lektüre Pascals, über den gescheiterten Versuch, zum Katholizismus zu konvertieren und seine Probleme mit dem Konzept der Menschenwürde. Ihm gelingt die konsequente Selbstdarstellung als resignierter Außenseiter, zu Heroismus und Mitläufertum gleichermaßen unfähig. Seine beständige Berufung auf Schopenhauer, in dessen Mitleidsethik er die Argumente gegen einen entgrenzten Zynismus auf den Punkt gebracht sieht, hat wenig mit der chaotischen Zitierwut Lévys gemein.

Auch ahnt Houellebecq, dass man einander trotz aller Solidaritätsbekundungen und großer rhetorischer Gesten wenig Substanzielles zu sagen hat. Seinen letzten Brief beendet er mit den Worten: „Man vergisst schließlich sogar seine eigenen Bücher, und ich weiß nicht wieso, aber am heutigen Morgen erscheint mir das sehr tröstlich.“

Michel Houellebecq/Bernard-Henri Lévy: Volksfeinde. Ein Schlagabtausch. Aus dem Französischen von Bernd Wilzek.

DuMont Verlag, Köln 2009. 320 S, 19,95 €.

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