Literatur : Inferno der deutschen Kolonisatoren

André Brinks Roman von der „anderen Seite“

Peter von Becker

Schier unglaublich, dass dieser Roman erst jetzt auf Deutsch erscheint. Der heute 73-jährige südafrikanische Romancier André Brink, seit Jahren schon Kandidat für den Literaturnobelpreis, hat sein Großwerk „The Other Side of Silence“ bereits 2002 veröffentlicht: ein ungeheures Frauenporträt und zugleich ein Stück ungeheuerlicher deutscher Sozial- und Kolonialgeschichte. Nun legt der neugegründete Berliner Osburg Verlag „Die andere Seite der Stille“ in der vorzüglichen Übersetzung des Schriftstellers Michael Kleeberg vor – nachdem einige etablierte Häuser sich zuvor offenbar nicht getraut hatten. Es ist ja eine monströse Geschichte.

Aber, trotz aller Schrecken, auch ein wunderbares Buch. Weil es ab heute zu unserer Erinnerungskultur gehört. André Brink nämlich entreißt mit dem Schicksal seiner fiktiven Heldin Hanna X. (wirklich: einer Heldin!) die Tragödie unzähliger realer Opfer nach hundert Jahren der Vergessenheit. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden im Deutschen Reich unter den ärmsten Mädchen und Frauen, unter Waisen, unehelichen Töchtern oder überschuldeten jungen Arbeiterinnen und Hausdienerinnen massiv Auswanderungsbereite für Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibia) angeworben. Man versprach ihnen dort Arbeit und mögliche Heirat. Tatsächlich aber wurden die meist mittellosen Emigrantinnen, wenn sie nicht glücklich einen heiratswilligen Farmer fanden, zum Freiwild tausender frauenloser Siedler und Kolonialsoldaten, die nach dem Missbrauch eingeborener Mädchen nach billigem weißen Fleisch verlangten.

Diese bisher ungeschriebene, vergessene oder nie gewusste Geschichte spiegelt Brinks Roman im Aufbruch der aus deutschen Waisenhäusern und protestantischen Prügelschulen, aus sozial und sexuell ausbeuterischen Kleinstadt- und Landhaushalten entlaufenen Hanna X.: einer um ihren halben Namen und fast ihr ganzes Leben gebrachten „Anonyma“. Schon im Dritte-Klasse-Deck des von Bremerhaven nach Afrika schippernden Dampfers beginnt der nie geahnte Horror. Alle Freiheitssehnsucht der zusammengepferchten Pionierinnen wird von Aufsehern und trunkenen Matrosen niedergezwungen, verhöhnt, vergewaltigt. Freilich bedeutet dies nur den Anfang einer Höllenfahrt, die für Hanna unter den deutschen Kolonisatoren dann in sexuellem Sadismus, Folter und physischer Verstümmelung endet.

Das ist in kräftiger Sprache zuallererst Dichtung. Brinks weitere Wahrheit aber erweist sich darin, wie präzise das große, blutige Afrikagemälde – auf historischer Forschung fußend – auch im Abgründigsten noch das Allzunatürliche einer Herrenmenschengesellschaft enthüllt. Wer Brinks Sittenbild eines in der Wüste und Ferne verrohten Wilhelminismus liest, der kann nicht nur den im Hintergrund mitgeschilderten Genozid an den Hereros bereits als Probe auf die späteren Exempel Nazideutschlands verstehen. Gleichzeitig gewinnt das Porträt der entstellten Hanna X., die vom Opfer auch zur Rächerin wird, eine anrührende, am Ende gar bezaubernde Würde. Der Südafrikaner André Brink hat mit ihr eine große deutsche Frauenfigur, fast schon ein Stück Weltliteratur geschaffen. (Am 3. November um 19 Uhr stellen der Autor und sein Übersetzer das Buch in der Südafrikanischen Botschaft in Berlin, Tiergartenstraße 18, vor.)

André Brink: Die andere Seite der Stille. Roman. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg.

Osburg Verlag,

Berlin 2008.

400 Seiten, 19,90 €.

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