Inge Jens : Eine Frau, eine Familie, ein Jahrhundert

"Unvollständige Erinnerungen": Inge Jens schildert ihr Leben – und den Alltag mit ihrem demenzkranken Ehemann.

Gerrit Bartels
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Inge und Walter Jens -Foto: dpa

Merkwürdig ist sie, diese Häufung der Bücher aus dem Hause Jens, gerade weil der Hausherr selbst, der einstige Hochschullehrer und Schriftsteller Walter Jens kein Buch mehr zu schreiben in der Lage ist. Kaum hat Tilman Jens ein ebenso berührendes wie Züge einer Abrechnung tragendes Buch über seinen 86 Jahre alten, an Demenz erkrankten Vater vorgelegt und damit ein zwiespältiges Echo ausgelöst, folgt nur ein paar Monate später Mutter Inge mit ihren „Unvollständigen Erinnerungen“.

Das könnte zu der Annahme führen, Inge Jens wolle ihrem Sohn nun antworten, sie wolle insbesondere dessen dubiose These ad absurdum führen, Walter Jens hätte sich nach dem Bekanntwerden seiner NSDAP-Mitgliedschaft im Jahr 2003 in die Krankheit geflüchtet. Doch ist dem mitnichten so. Inge Jens erwähnt in ihren Erinnerungen das Buch des Sohns mit keinem Wort. Dem „Spiegel“ sagte sie: „Ich wusste schon lange, dass er dieses Buch schreiben musste. Dass er es tatsächlich geschrieben hat, finde ich gut.“ Und sie fragt sich selbst dann als allererstes: „Warum schreibe ich dieses Buch?“, und beantwortet sich die Frage so: „Weil ich merkte, dass es mir Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen“, eine für sie ganz neue Erfahrung in ihrem 82-jährigen Leben. Dass die Krankheit ihres Mannes ein weiterer Grund ist, erwähnt sie später. Dass es ihn „als Partner, als ein verstehendes, Antwort gebendes oder gar widersprechendes Gegenüber“ nicht mehr gebe, so Jens, „das hat mein Leben von Grund auf verändert und mich auf mich selbst – nein, nicht zurückgeworfen, aber verwiesen.“

Inge Jens schreibt über ihr Leben. Dieses ist weniger ein Leben im Schatten eines berühmten Mannes und schon gar nicht diesem Mann ausschließlich gewidmet, sondern ein eigenständiges, von eigenen beruflichen Ambitionen und Erfolgen wie dem Bestseller „Frau Thomas Mann“ oder der Edition der Tagebücher Thomas Manns bestimmtes, oft natürlich mit und an der Seite von Walter Jens. Es ist ein Hauptzug dieser Erinnerungen, das sie außergewöhnlich sachlich und reflektiert sind. Auffallend auch, dass Inge Jens vor allem ihre Arbeit und die ihres Mannes im Fokus hat, beginnend 1959/60 mit der Edition eines Briefwechsels zwischen Thomas Mann und dem Kölner Germanisten Ernst Bertram, für sie gewissermaßen der Schlüssel zum Leben der Manns und ihrer eigenen, lebenslangen Beschäftigung mit dieser Familie. Dazu die Begegnungen im Verlauf ihrer Tätigkeiten, sei es mit Katja Mann oder Golo Mann, sei es mit Hans Mayer, dem Ehepaar Bloch oder Carola Stern.

Ein ganzes Kapitel widmet Jens einem Buch über die Tübinger Universität, ein anderes dreht sich um ihre Zeit in Berlin vor und nach der Wende, als Walter Jens die Akademien der Künste West und Ost erfolgreich zusammenführte. „Arbeit, Freunde und Familie“, so heißt eines der Kapitel, und genau das scheint in diesem Leben meistens eins zu sein.

Privater, persönlicher wird Inge Jens nur zu Beginn, als sie von ihrer Kindheit und Jugend berichtet. Oder auch am Ende, als sie die Entwicklung der Demenz bei ihrem Mann schildert und das völlig neue Zusammenleben im Hause Jens in der Tübinger Sonnenstraße.

1927 als erstes von vier Kindern in Hamburg als Inge Puttfarcken geboren, wächst sie in behütet-bürgerlichen Verhältnissen auf. Der Nationalsozialismus gehört wie selbstverständlich dazu: Ihr Vater, Chemiker von Beruf, wird Mitglied bei einer Nachrichtenabteilung der SS, sie selbst kommt zu den Jungmädchen und steigt später zur BDM-Führerin auf. Es „überwiegen die freundlichen Erinnerungen“, schreibt Jens trotzdem und macht keinen Hehl aus ihrem Mitläuferinnentum. Bürgerliche Normalität und Nationalsozialismus laufen im Leben der Puttfarckens problemlos nebeneinander her, „und zwar ohne dass wir das Gefühl hatten, uns jeweils ,anders’ verhalten zu müssen“.

Inge Jens scheut sich auch nicht, einen Aufsatz mit abzudrucken, den sie als 10-Jährige verfasst hat über einen Besuch Hitlers in Hamburg, bei dem sie diesem die Hand schütteln durfte. Das hat was offen Demonstratives, gerade wenn man den verdrucksten, abwiegelnden Umgang ihres Mannes mit der NSDAP- Mitgliedschaftsenthüllung bedenkt, den sie mit harschen Worten beschreibt: „Ein alter Mann verstand die Welt nicht mehr und beklagte fahrig-larmoyant die ihm zugefügte Kränkung.“ Und man erinnert sich dabei auch, dass Walter Jens eine Autobiografie nicht mehr zustande brachte. „Der Mensch interessierte mich plötzlich nicht mehr“, gab er als Grund an, was ihn für Sohn Tilman höchst verdächtig gemacht hatte, für diesen eine typisch deutsche Verdrängungsleistung war.

Inge Jens zieht in ihrem Buch keine voreiligen Schlüsse. Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend, beschreibt sehr eindringlich eine Hamburger Bombennacht 1942. Und sie betont immer wieder, als sich für sie in der Nachkriegszeit alles zum Guten und fast bruchlos fügt, wie tatkräftig ihr Mann sie unterstützt, wie er sie gefördert hat. Und wie sie sich nach und nach ihrer Privilegien, den Vorteilen ihrer 1951 geschlossenen Ehe bewusst wird und es genießt, „Lebensmöglichkeiten praktisch ausprobieren zu können, Neigung und Pflicht – auch gegenüber der Familie – miteinander verbinden zu können“.

Von größeren innerfamiliären Konflikten ist in diesem Buch nicht die Rede – Inge Jens wollte bewusst kein „journal intime“ schreiben. Also macht sie auch von zwei Fehlgeburten, die sie erleidet, kein großes Aufheben, und nicht davon, dass bei allem Ehrgeiz, aller Emanzipation die Erziehung der zwei Kinder und die Dinge des Haushalts zuvorderst ihre Angelegenheit waren, nicht die ihres Mannes.

Erst beim Beschreiben der neuen Lebenssituation aufgrund der Demenz von Walter Jens gibt Inge Jens ihre Diskretion auf. Sie schildert ihre Schwierigkeiten, die Krankheit zu akzeptieren, schildert, wie sie zornig und mitfühlend zugleich ist, wie es sie stört, wenn er nachts durch das Haus geistert oder an ihrem Bett steht, wie sie sich in Nachsicht zu üben zwingt. Aber auch, wie sie aufatmet, als es ihr der vierwöchige Aufenthalt in einer Reha-Klinik nach einer Hüftgelenksoperation erlaubt, sich einmal wieder ausschließlich auf sich selbst zu konzentrieren.

Und Inge Jens überlegt, wie schon in der Neuauflage des Hans-Küng-Buchs „Menschenwürdig sterben“, wann es an ihr ist, der von ihr und ihrem Mann vor vielen Jahren unterschriebenen „Betreuungs- oder Vorsorgevollmacht“ nachzukommen, mitsamt der Verfügung, das Leben nicht unter allen Umständen künstlich, unter Einsatz von Medikamenten zu erhalten: „Was werde ich tun, wenn ich sehe, dass er sehr leidet, dass er nach Luft ringt und ein Antibiotikum ihm die Luftnot mit hoher Wahrscheinlichkeit nehmen würde?“

Spätestens bei dieser Diskussion um Sterbehilfe und Patientenverfügungen, die im Fall von Erkrankungen wie Demenz und Alzheimer noch kompliziertere Dimensionen bekommt, wird offensichtlich, warum Inge Jens gerade über den gegenwärtigen Abschnitt ihres Lebens so offen Zeugnis ablegt, sie zumindest hier tiefe Einblicke in ihr Privatleben gewährt. Für sie, die in den achtziger Jahren bei Sitzblockaden in Mutlangen gegen die Raketenstationierung in vorderster Reihe mit dabei war, die zwei amerikanische Wehrdienstverweigerer zu Zeiten des zweiten Golfkriegs bei sich beherbergt hat, ist auch der möglichst offene Umgang mit der Demenz, mit einem Demenzkranken, eine Angelegenheit des zivilgesellschaftlichen Engagements.

So sind ihre „Unvollständigen Erinnerungen“ nicht allein die Autobiografie einer starken, selbstbewussten Frau, nicht allein ein Stück deutscher Nachkriegs- und Geistesgeschichte. Sondern ein weiterer, beispielhafter Beitrag zu einer Diskussion über eine Erkrankung und ihre Folgen für Kranke wie deren Angehörige, die in den nächsten Jahren gewiss noch häufiger und intensiver geführt werden wird.

Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009, 320 Seiten, 19, 90 €.

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