Ingeborg-Bachmann-Preis : Die Spaßgesellschaft vom Wörthersee

Lutz Seiler setzt sich in Klagenfurt durch und rettet den seriösen Ruf des Bachmann-Wettbewerbs.

Gerrit Bartels
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So sehen Sieger aus: Bachmann-Preisträger Lutz Seiler (Mitte), Thomas Stangl aus Österreich (links) wurde zweiter und Jan Böttcher...Foto: dpa

Es war Freitagnachmittag, kurz nach halb sechs, als beim Ingeborg-Bachmann- Wettbewerb in Klagenfurt die Jury ihre Grenzen erfuhr und darüberhinaus ihre Zerrissenheit zur Schau stellte: überschäumend jubelnd hier, beleidigt schweigend da. Der bislang hauptamtlich als Popmusiker tätige Peter Licht hatte die letzte Lesung des Tages bestritten, und zwar so, wie man es von ihm kennt: Licht lässt sich bei öffentlichen Auftritten nur von hinten oder vom Rumpf abwärts oder gar nicht von Kameras aufnehmen. Ein rührend subversives überflüssiges Spiel mit den Medien, das für Stress bei den Fernsehleuten von 3 Sat sorgte und den kleinen Saal des ORF-Theaters endgültig aus allen Nähten platzen ließ. Aber weder den Wettbewerb brachte es groß ins Wanken, noch beeindruckte es die Jury.

Was sie jedoch beeindruckte, war Lichts Text, „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“, eine Mischung aus bewusst vordergründigem Pointengeprassel und fröhlicher Apokalypse, aus zarter, sich immer wieder relativierender Poesie und hemmungslosem, sich immer wieder relativierendem Gequatsche: „Ich begeistere mich mal ganz haltlos“, krächzte Klaus Nüchtern außer Atem, und Ijoma Mangold assistierte ihm: „Wie gut, dass Sie den Weg in die Literatur gefunden haben!“

Klapp, klapp, klapp ging das, sechsmal hintereinander. Als man sich schon bass erstaunt fragte, ob denn diesmal so gar niemand auch nur klitzekleine Einschränkungen machen wolle, war die Diskussion weit vor der Zeit beendet, ohne dass die übrigen Jury-Mitglieder Ilma Rakusa, Karl Corino und Ursula März auch nur einen Satz zu Licht gesagt hätten. Corino und März saßen mit leicht grimmigen Gesichtern da, wollten sich aber partout nicht als Spaßbremse betätigen. Wo der Humor regiert, versagt die Literaturkritik, vielleicht erst recht, wenn Ernst und Apokalypse dazukommen und einer wie Licht die Sprache gegen die Sprache wendet und ihr einen Misstrauensantrag nach dem anderen stellt.

Das war alles ein bisschen unokay, um es mit Licht zu sagen, und wurde nicht okayer, als Corino tags darauf seinem Ärger doch noch Luft machte, als sein Kandidat Björn Kern und dessen Text aus der Gerontopsychiatrie abgewatscht wurde. Rakusa entgegnete ihm, man solle Kern nicht gegen Licht ausspielen, und März begann die Diskussionsrunden gleich zweimal mit den Worten: „Nochmal kneifen gilt nicht, das hat mir auch zu schaffen gemacht.“

Peter Licht konnte dann zwar den Publikumspreis ergattern, erhielt aber nur den dritten Preis der Jury, den 3 Sat-Preis, nach mehreren Stichwahlen um den zweiten Preis, der an Thomas Stangl ging.

Der eigentliche Bachmann-Preis wurde an den in Berlin lebenden Lutz Seiler verliehen, und zwar gleich im ersten Wahlgang mit einer Zweidrittelmehrheit. Seiler hatte fast einhellige Begeisterung ausgelöst mit einem poetisch dichten, an Wolfgang Hilbig erinnernden Text über eine Bahnfahrt durch Kasachstan, bei der es zu einer eigentümlichen Ost- West-Begegnung zwischen dem deutschen Ich-Erzähler und einem russischen Heizer kommt. Seilers Text auszuzeichnen, war schwer okay, auch wenn das Gros der 2007er-Klagenfurt-Texte gar nicht mal so eklatant dagegen abfiel. Sie zeichnen sich durch stilistische Vielfalt und große inhaltliche Interessantheit aus, sind oft misanthropisch und solipsistisch, sogenannte In-Mich-Texte (Ursula März), wie die von Jochen Schmidt oder Thomas Stangl. Sie begeben sich realistisch in die Gegenwart, insbesondere in die Realität von halbwegs funktionierenden und überhaupt nicht mehr funktionierenden Familien, so wie Silke Scheuermann, Ronald Reng oder Jan Böttcher. Oder sie lassen die Gegenwart inklusive des Webs 2.0 popmäßig in Form von Schnitten, Schnipseln und Sound auf wenige Augenblicke zusammenschnurren, wie Jörg Albrecht.

Die Jury kam der Vielfalt durch ihre Preisvergabe zwar nach: Thomas Stangl begibt sich mit seinem titellosen Text in einen Erzählsog, in dem sich ein Ich bei einem Spaziergang durch Wien selbst erfindet und dabei weder Zeit- noch Raumgrenzen kennt. Jan Böttcher, der den vierten Preis erhielt, den Ernst-Willner- Preis, erzählt von dem Verhältnis eines Mannes zu seinem Vater und seinem Großvater vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte.

Dass aber Jochen Schmidt mit seinem während der Diskussion viel gelobten, witzig-melancholisch grundierten Text bei allen Stichwahlen durchfiel und Seiler und Stangl vor Licht einliefen, deutet daraufhin, dass Klagenfurt 2007 auch so eine Art Mini-Backlash zum Vorjahr gewesen ist: Da gewann Katrin Passig den Bachmann-Preis mit einem genauso humorigen wie stilsicheren Text gewissermaßen aus dem Stand und ohne vorher artikulierte literarische Ambitionen.

Seiler ist dagegen ein Arbeiter im Bergwerk der Literatur, ein Kämpfer, der morgens Ich sagt, wenn er einen Prosatext schreibt, abends ein Er für deutlich besser hält und morgens wieder als Ich aufwacht, wie er in seinem Filmporträt erläutert. Wie Passig aber stehen Peter Licht und Jochen Schmidt unter dem Verdacht, gut gebaute Bluffs zu produzieren, Texte, denen es an der nötigen literarischen Ernsthaftigkeit fehlt, „Tubendrehertexte“ mit Ablaufdatum, spätestens 2008, orakelte Klaus Nüchtern.

Trotzdem lassen sich Texte wie die von Licht oder Schmidt und ihr Erfolg auch beim Publikum als weiterer Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit und insbesondere Klagenfurt lesen. Der typisch blutarme, fast jeder Welthaltigkeit entbehrende Klagenfurt-Text hat seine Schuldigkeit getan, stilsicheres, humorvolles, schnelles und manchmal der Welt den Stinkefinger zeigendes Erzählen ist an seine Stelle getreten. Darauf hat die Jury reagiert, aber den letzten Schritt, den sie schon mit Passig gegangen ist, den hat sie wieder zurückgenommen. Letzte Einfahrt Seiler sozusagen, letzte Ausfahrten nicht in Sicht. Dabei kann man gegen Seiler gar nichts sagen, der ist toll, hochliterarisch, aber von ferne droht da schon mal die literarische Plansoll-Übererfüllung.

Der Bachmann-Preis ist so ein bisschen auch der Ausdruck dessen, was Ursula März als „Parallelwelt“ bezeichnete, in der sie sich in Klagenfurt befinde: Vier Tage lang nichts als Texte und Diskussionen über Texte. Hier stecken alle unter der literarischen Decke, und ein Entkommen gibt es nicht, auch nicht bei den typischen, eigentlich literaturfernen Klagenfurter Vergnügungen: beim Baden am Wörthersee, dem Bürgermeister-Empfang auf Schloss Hallegg, dem traditionellen Fußballspiel oder den Abendzusammenkünften im Seerestaurant Maria Loretto. Der Terror in Großbritannien, Jörg Jaksches Dopinggeständnis und auch nicht Katrin Passig, Sascha Lobo und ihr unermüdlich am Laptop sitzendes Riesenmaschine- und ZIA-Gefolge im Café des ORF-Theaters kommen hier gegen den literaturbetrieblichen Dauerschwatz über Wettbewerb und Jury nicht an.

Die Jury wiederum hatte, das muss man auch sagen, durchaus starke Momente, auch witzige und temperamentvolle. Sie war am besten nach guten Texten, wenn sie ihre „hermeneutische Geilheit“ (Nüchtern) herausgefordert sah, und eher schwach bei schwachen Texten.

Mit dem Jury-Neuling André Vladimir Herz aus der Schweiz saß jedoch ein Solitär mit in der Runde, der möglicherweise das jahrelang gut austarierte innere JuryGefüge durcheinander- und sich öfters kabbelnde Pärchen wie Radisch/März oder Nüchtern/Corino erst recht gegeneinander aufbrachte. Heiz, gelernter Linguist und Semiotiker, konnte man in seinen Ausführungen selten verstehen: immer fragend, nie wirklich urteilend, immer auf Metaebenen unterwegs. Ein Supertyp, der noch beim Pinkeln seinem verständnislos dreinblickenden Kollegen Ebel die Frage stellte, warum „der Neorealismus“ bei den Frauen so „additiv“ sei und bei den Männern so betulich daherkomme.

Das hatte was von anderen großen bleibenden Sätzen wie „O-Ton: Angela Merkel über die Sprengkraft von Disco in der Uckermark 1976 – 79, fünf Minuten vierundvierzig“ (Jörg Albrecht) oder „Manche Menschen gehen nie an ihre Grenzen, sonst würden sie mich dort stehen sehen“ (Jochen Schmidt).

Die Jury aber ist vermutlich tatsächlich an ihre Grenzen gegangen. Sie hat Schmidt und andere dort stehen sehen. Und hat dann wenig falsch gemacht, ist aber auf Nummer Sicher gegangen. Bleibt sie zusammen, könnte es im nächsten Jahr mit solch sichtbaren Abgründen richtig interessant werden.

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