Interview : "China ist ein merkwürdiges Land"

Der chinesische Schriftsteller Yu Hua glaubt, dass Literatur die Menschen ändern kann. Seiner Generation wirft er vor, nicht über das Blutbad vor 20 Jahren zu berichten.

Yu Hua, am 4. Juni jährt sich die Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens zum 20. Mal. Wo waren Sie an diesem Tag?



Ich war vor und nach der Niederschlagung in Peking. Die meisten Menschen aus meiner Generation, die in Peking waren, haben damals an den Protesten teilgenommen. An dem Tag selbst war ich aber nicht auf dem Platz.

Inwiefern hat dieser Tag das politische China verändert?

In den chinesischen Medien ist seit 20 Jahren nichts über den 4. Juni 1989 erschienen. Der Druck, der auf den Menschen in der modernen Gesellschaft lastet, wird immer größer. Die Älteren haben keine Zeit und auch keine Lust mehr, den jüngeren Menschen zu berichten, was dort vorgefallen ist. Und sie sagen sich: Es hat keinerlei Bedeutung, die Jungen damit zu belasten. Das alles hat dazu geführt, dass die jungen Leute überhaupt keine Ahnung von den damaligen Geschehnissen haben.  

Und sie fragen auch nicht nach?

Ihnen liegt vor allem am Herzen, eine anständige Arbeit zu finden und Geld zu verdienen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das eigene Interesse an erster Stelle steht. Alle streben nach Geld. Wir sind bereit, alles dafür zu opfern. Dafür bezahlen wir einen geistigen und moralischen Preis. Es ist aber nicht der Fehler der jungen Leute, dass sie nicht fragen. Es ist der Fehler von uns, der älteren Generation.

Sie sind während der Kulturrevolution aufgewachsen, wie haben Sie die rasanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen in Ihrem Land erlebt?

China war während der Kulturrevolution ein verschlossenes Land, das wie unter einem Deckel lebte. Als dieser Deckel plötzlich wegfiel, geriet vieles außer Kontrolle. Würde man China als eine Person betrachten, so wäre sie relativ ungebildet und sehr impulsiv. Sie fällt von einem Extrem ins andere. Etwas, das gestern noch als wundervoll empfunden wurde, wird am nächsten Tag in Grund und Boden verdammt.

Man kann die Zeit der Kulturrevolution mit der Zeit des Mittelalters in Europa vergleichen. Die Gegenwart wiederum übertrifft zum Teil sogar europäische Maßstäbe. Ein Europäer hätte 400 Jahre leben müssen, um eine ähnlich große Veränderung zu erfahren, wie sie ein Chinese in 40 Jahren durchgemacht hat.

Wie verkraften die Menschen diesen extremen Wandel?

Dieser historische Sprung wirkt sich natürlich auf die Psyche der Menschen aus. Wir leben in einer Zeit der großen Gegensätze. Im vergangenen Jahr gab es einen großen Kongress von Psychiatern und Psychologen unter dem Motto: "Die psychischen Auswirkungen von 40 Jahren Veränderung in China" – eigentlich genau das Thema meines Buchs Brüder. Die beiden Hauptfiguren Song Gang und Glatzkopf-Li manifestieren das "alte" und das "neue" China.

Ihr eigenes Leben ist auch von diesen Gegensätzen geprägt. Sie sind in relativ armen Verhältnissen aufgewachsen, haben zunächst als Zahnarzt gearbeitet und sind nun einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren des modernen China.

Die Gesellschaft in der Zeit der Kulturrevolution war längst nicht so kompliziert wie heute. Damals wurden die Leute eingeteilt in Revolutionäre und Konterrevolutionäre. Es war eine Zeit von Schwarz und Weiß. Grau gab es nicht. Die Menschen waren alle arm, keiner hatte Geld, alle besaßen das Gleiche. Wir führten trotzdem jeden Tag das Wort Klassenkampf im Munde. Dabei gab es gar keine Klassen, die gegeneinander hätten kämpfen können! Das kam mir damals schon sehr seltsam vor. Heute gibt es in China eine ganze Menge Klassen. Aber von Klassenkampf ist überhaupt keine Rede mehr.

Wovon redet man denn?

Heute ist immer die Rede von Dingen, die wir noch nicht haben, während man von Dingen, die wir haben, überhaupt nicht mehr spricht. In so einem merkwürdigen Land lebe ich. Deswegen schreibe ich auch so merkwürdige Romane.

In Deutschland wünschen sich 20 Jahre nach dem Fall der Mauer wieder viele Menschen den Sozialismus zurück. Wie ist das in Ihrem Land?

In China hatten die Leute zwar nichts, aber ihr Leben war gesichert. Heute sind wir wesentlich freier und offener. Aber viele Menschen haben das Gefühl, sie können in dieser Gesellschaft nicht mehr weiterleben. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren viele Reiche hervorgebracht in China. Aber noch viel mehr Arme. Da bleibt es natürlich nicht aus, dass sich einige Menschen zurücksehnen nach der Zeit von Mao Tse-tung. Es ist ein Phänomen, das wir auch in westlichen Ländern beobachten: Immer wenn es der Wirtschaft gut geht, hat die Rechte die Oberhand, in Krisenzeiten gewinnen die Linken an Stimmen. So ist es auch bei uns.

In Ihrem Buch beschreiben Sie sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart ziemlich respektlos. Von welcher Seiten sind Sie am heftigsten kritisiert worden?

Von allen Seiten! Die Kritik der sogenannten Linken richtet sich vor allem gegen den ersten Band, der während der Kulturrevolution spielt. Sie finden, ich hätte die brutalen Vorkommnisse übertrieben dargestellt. Dafür gefällt ihnen der zweite Teil, der in der freien Marktwirtschaft spielt, umso besser. Die Kritik von rechts ist natürlich genau umgekehrt: Sie richtet sich gegen den zweiten Teil, während der erste gut wegkommt.  

Welche Freiheit haben Sie als Künstler im heutigen China?

Ich habe sowohl in China als auch in westlichen Ländern die Erfahrung gemacht, dass Verleger meine Bücher kürzen wollten. Die Motive waren allerdings unterschiedlich. In China ging es vor allem um politische Dinge, im Westen war es der Umfang. Beide Seiten haben versucht, dem Buch zu schaden: die einen aus politischen, die anderen aus kommerziellen Gründen. In beiden Fällen habe ich klargemacht, dass ich kein Wort ändern würde. Und bin damit durchgekommen.

Wie sehen Sie Ihre soziale Verantwortung als Autor?

Vor dem Erscheinen von Brüder (2005/2006) dachte ich, ein Schriftsteller könne die Gesellschaft nicht verändern. Hinterher habe ich festgestellt, dass ein Buch durchaus die Sicht der Leser auf die Gesellschaft beeinflussen kann. Ich habe Zuschriften von Lesern bekommen, die zunächst dachten, vieles in meinem Buch sei satirische Überspitzung von Dingen, die es in Wirklichkeit gar nicht gebe. Nach einem halben Jahr stellten sie allerdings fest, dass um sie herum genau diese Dinge passieren.

Erkennen Sie, 20 Jahren nach der Niederschlagung der Studentenbewegung einen Fortschritt bei der Vergangenheitsbewältigung?

Von Vergangenheitsbewältigung kann keine Rede sein. Seit 20 Jahren wird nicht zugelassen, dass dieses Ereignis überhaupt erwähnt wird. Deswegen kommt es manchen Chinesen heute so vor, als ob es diesen Tag gar nicht gegeben habe.

Wann wird es den ersten Roman über den 4. Juni 1989 geben?

Es wird bestimmt einen Roman darüber geben. Wahrscheinlich schreiben bereits mehrere Menschen daran. Aber sie können ihn in China nicht veröffentlichen.

Das Gespräch führte Carolin Ströbele.

Yu Huas Buch "Brüder" war in China ein sensationeller Erfolg und wurde mehr als eine Million mal verkauft. In Deutschland erscheint der Roman im August im S. Fischer Verlag.

ZEIT ONLINE

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