Interview : "Erinnerung ist ein innerer Reichtum"

Die Schriftstellerin Pia Frankenberg spricht mit tagesspiegel.de über ihr jüngstes Buch und die Bedeutung des 11. September für die New Yorker. Die US-Amerikaner sind wachsamer, wollen aber den Wandel in Washington. Deshalb sind andere Themen als der Kampf gegen den Terror für die Präsidentschaftswahlen relevant. Die New Yorker sollten aber ihren Verlust nicht verdrängen, sondern darüber miteinander sprechen, meint die Autorin.

Wie verarbeiten die New Yorker das Attentat in ihrem Alltag?



Ich kann natürlich nur Vermutungen anstellen und nicht für alle New Yorker sprechen. Ich denke, dass jeder, der hier in der Stadt lebt oder arbeitet im Unterbewusstsein einen Alarmmechanismus mit sich herumträgt, und bei bestimmten Anlässen schlägt er die Glocke an. Bei der Explosion einer Steam Pipe vor ein paar Monaten in Midtown dachte man beispielsweise zuerst an einen terroristischen Anschlag. Der New Yorker verarbeitet das - soweit man das so nennen kann - indem er sich weigert, seine Gewohnheiten zu ändern. Mit anderen Worten: Die  Leute sind genauso hilfsbereit oder ruppig wie zuvor. Nur ein wenig wachsamer.

Der US-amerikanische Regisseur Spike Lee hat mit seinem Film "Inside Man" (2006) seine Geburtstadt New York vorgeführt und sich damit keine Freunde gemacht. Er kritisiert vor allem die Austauschbarkeit von Menschen und Kulturen, wenn es dem US-amerikanischen System dient. Wie weit ist die "Melting Pot"-Legende wirklich von der Realität entfernt?

Kommt drauf an, was man erwartet. Die USA sind natürlich nicht das Melting-Pot-Paradies. Jeder, der in diesem Land lebt, hat im Prinzip einen Einwanderungshintergrund. Insofern hat über Generationen hinweg tatsächlich ein Zusammenschmelzen stattgefunden, aber natürlich gibt  es unterschiedliche Kulturen, die koexistieren, ohne wirklich etwas miteinander zu tun zu haben. Diese Gruppen zerfallen wiederum in Untergruppen. Ein liberaler Ostküsten-Weißer hat zum Beispiel mit einem tief religiösen Südstaaten-Weißen herzlich wenig gemeinsam.

Im Großen und Ganzen herrscht in den USA Übereinstimmung, dass jeder Respekt verdient, und dass die amerikanische Gesellschaft durchlässig sein soll. Dass man von  diesem Ziel noch weit entfernt ist, ist unbestreitbar, aber zumindest im New Yorker Alltag funktionieren die Respektsverhältnisse recht gut. Es herrscht hier ein Reichtum an  recht ordentlich miteinander klar kommenden Kulturen, der mich immer wieder fasziniert.

Hat der 11. September Einfluss auf die US-Vorwahl?

Nur bedingt ist der Kampf gegen den Terror ein Thema. Auf  Seiten der Republikaner wurde 9/11  besonders von Rudy Giuliani ausgeschlachtet, der einen großen Teil seiner Kampagne auf seiner Rolle als New Yorker Bürgermeister zur Zeit der Anschläge aufgebaut hatte.

Der Irak-Krieg spielt  in der Bevölkerung als eine Konsequenz aus 9/11 eine Rolle, aber wirtschaftliche Sorgen rücken in den Vordergrund. Meine Vermutung ist, dass dieser Trend anhalten wird. Aber ich bin wirklich keine Expertin.

In Ihrem Roman "Nora" (Rororo 2007) wird der Terror von verschiedenen Seiten betrachtet: in der Familie, in der Beziehung und im Staat. Er gefährdet die Freiheit des Willens. Wie schätzen Sie die Rückbesinnung aufs Private und zur Religion ein?

Jeder reagiert auf persönliche Weise auf einen Angriff. Ich habe da kein Rezept und nehme mir auch nicht heraus, den Menschen vorzuschreiben, wie sie sich verhalten sollen. Das wichtigste ist, dass der demokratische Rechtsstaat sich wehrt, ohne in Panik zu verfallen.

Sie versuchen, die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen zu verstehen. Sie zeigen in Ihrem Roman, wie schmerzhaft dieser Prozess ist. Warum ist es trotzdem wichtig, die eigene Geschichte zu pflegen? Ist die Erinnerung alles, was uns bleibt?

Das klingt mir zu pompös und zu melancholisch. Erinnerung ist ein innerer Reichtum, der erst den Menschen ausmacht. Ein Mensch ohne Erinnerung hat quasi nicht gelebt, und zum Leben gehören nun einmal Schmerz und Freude gleichermaßen. Ich halte es für wichtig, einen Verlust nicht zu verdrängen sondern dem Menschen, den man verloren hat, durch Erinnerung gerecht zu werden. Er ist so lange nicht verloren, so lange man sich an ihn erinnert.


Pia Frankenberg wurde am 27. Oktober 1957 in Köln geboren. Sie studierte Schauspiel in Hamburg. Sie war neben ihrer künstlerischen Arbeit als Journalistin tätig. Frankenberg lebt seit 1995 in New York. Heute arbeitet sie als Film- und Fernsehproduzentin unter anderem für den TV-Sender Arte. Bisher sind folgende Werke von ihr erschienen: "Klara und die Liebe zum Zoo" (Roman, Kunstmann 1991), "Nie wieder schlafen" (Film, Vega Film 1992), "Die Kellner & Ich" (Roman, rororo 1996) und "Nora" (Roman, rororo 2007).

0 Kommentare

Neuester Kommentar