Interview : Paulo Coelho: "Das Internet fördert die Kreativität"

Dank des Internets seien Leser keine passiven Empfänger mehr, sagt der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho. Er ist Ehrengast auf der Buchmesse. Über sein jüngstes Buch, das Bloggen und sein politisches Engagement sprach er mit tagesspiegel.de.

Paulo Coelho
Paulo Coelho bloggt jeden Tag.Foto: AFP

Gehen Sie gerne auf die Buchmesse?


Auf jeden Fall. Was gibt es besseres als sich über die Magie der Bücher auszutauschen? Bislang war es jedes Mal aufregend und ein besonderes Erlebnis. Dieses Jahr feiere ich 20 Jahre meines Buches "Der Alchimist". Außerdem werde ich als Autor ins Guinnessbuch der Rekorde 2009 für das in die meisten Sprachen übersetzte Buch eingetragen.

Welche Bücher liegen unter ihrem Kopfkissen?

Derzeit lese ich ein Buch von Andy Warhol. Seine Ateliers nannte er selbst Fabrik. Ich denke Warhol revolutionierte die schaffenden Künste. Diese Revolution steht uns auch noch in der Literatur bevor. Auf meinem Nachtschränkchen liegen immer Bücher von Jorge Luis Borges und Jorge Amado.

Alle fragen Sie, ob noch etwas in ihrem Leben fehlt. Über was möchten Sie noch schreiben?

Ich plane niemals ein Buch. Meine Bücher sind immer das Resultat meiner Neugier auf etwas. Ich habe viele Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe. Wie sie sehen: Ich bin da ein ganz pragmatischer Mensch. Ein 61-jähriger Mann und ein 15-jähriger Junge, die zusammen die Bücher produzieren.

In Wahrheit wurden doch bislang die wesentlichen Fragen der Menschheit noch nicht beantwortet. Wer bin ich? Was mache ich hier eigentlich? Wir wissen alle, dass es die Antwort nicht gibt. Also ist mein Werk und mein Arbeitsprozess, sind meine Bücher nur Fragmente meiner Vorstellung von dem, was wir hier auf der Erde machen.

Sie sind Friedensbotschafter der Vereinten Nationen. Was ist ihre Aufgabe als Botschafter?

Ich versuche Brücken zu bauen. Meine Arbeit und mein Leben als Schriftsteller helfen mir dabei. Die größte Leserschaft meiner Bücher auf der Welt finde ich im Iran und Israel. Wenn beide Leser aus zwei so unterschiedlichen Kulturen die Geschichten meiner Bücher verstehen, heißt dass doch nur, das wir Menschen viel mehr gemein haben, als gedacht. Wir teilen zumindest gewisse Werte. Also müssen wir einen Anfang finden, an dem sich alle an einen Verhandlungstisch setzen können.

Welche Rolle spielen die Vereinten Nationen überhaupt noch?

Die Vereinten Nationen sind das einzige Forum, welches internationale Konflikte lösen kann. Das setzt natürlich die Kompromissbereitschaft der Konfliktparteien voraus.

Wir müssen zurück zu einem Zustand, bevor Bush an die Macht kam. Die vergangenen acht Jahre zeigen, dass Machtpolitik, wie sie Bush betrieben hat, nur zu mehr Gewalt führt. Ich hoffe, dass der neue US-amerikanische Präsident mit einer außenpolitischen Vision ins Weiße Haus einziehen wird, um den Scherbenhaufen aufzuräumen.

Sie surfen jeden Tag lange durch das Netz und unterhalten sich über ihren Blog mit ihren Lesern. Meinen sie nicht, dass das Internet oft reine Zeitverschwendung ist?

Ganz im Gegenteil. Ich denke sogar, dass das Internet mit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts gleichzusetzen ist. Johannes von Gutenberg revolutionierte mit der Vervielfältigung von Büchern die Welt. Auf einmal war das Wissen nicht auf die Mächtigen der damaligen Zeit beschränkt.

So ähnlich ist das heute. Mit dem Internet hat jeder die Möglichkeit, sein Ideen mit anderen im Netz zu teilen. Das bewirkt natürlich erst einmal ein großes Chaos. Ja. Aber auf der anderen Seite demokratisiert es auch. Es stärkt die Menschen, sich auszuprobieren. Das Internet fördert Kreativität. Im Gegensatz zur Passivität des bisherigen Medienkonsums, schreiben wir heute unsere Meinungen und Gedanken in Kommentaren unter den Beiträgen auf den Webseiten.

Wann sind Sie zum ersten Mal durch das Internet gesurft?

Oh, ich glaube das war 1996. Seit dem wusste ich, dass es mir helfen würde, mich besser mit meinen Lesern auszutauschen. Und so ist es gekommen. Heute betreibe ich aktiv meinen Blog, an dem insbesondere meine Leser teilhaben. Wir diskutieren über Fragen, die ich für relevant halte. Aber natürlich greifen wir auch aktuelle Themen auf.

Sie haben einen Film mit ihren Lesern online produziert. Was kam dabei heraus?

Ja, meine Leser und ich haben gemeinsam "The experimental witch" online produziert. Als die Idee geboren wurde, hatte ich nicht die geringste Ahnung, ob das wirklich klappen würde. Ich hatte die Leser über meine Myspace -Seite aufgerufen, ein Buch von mir zu verfilmen. Es wurde ein Erfolg. Die Produktion wurde von vielen Kommunikationsexperten und Unternehmen in der Onlinebranche unterstützt.

Einen Fehler hatte ich allerdings gemacht. Ich hatte meinen Lesern keine Zeitbeschränkung vorgegeben. Der Film hat insgesamt eine Laufzeit von 380 Minuten. In meinem Blog werden die Besucher den Film vollständig ansehen können. Allerdings werden mein Produktionsteam und ich eine Version auf 140 Minuten zusammenkürzen. Mit dieser Spielfilmversion werden wir uns auf verschiedenen Filmfestivals bewerben und auch einen kommerziellen Vertrieb suchen.

Die Freiheit im Netz stößt immer wieder auf Widerstand. Zum Beispiel beim dänischen Karikaturenstreit. Es gab damals viele Proteste unter Muslimen. Aber die Presse- und Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht und Pfeiler unserer Demokratien. Wie sollte der Westen der fundamentalistischen Gewalt begegnen?

Die Meinungs- und Pressefreiheit ist kein Recht auf fehlenden Respekt. Um auf das jüdische Recht zurückzukommen: Sie sollten sich frei äußern können, aber sie müssen die Werte der anderen respektieren. Der islamische Fundamentalismus, dessen mörderische Gewalt wir heute begegnen, ist auch eine Reaktion auf den westlichen Fundamentalismus.

Wir sind doch über die sieben Meere gesegelt und haben den Menschen auf allen Kontinenten unsere christlichen Werte aufgezwungen. Wir dachten damals, diese wären die einzigen und wahren. Jede Gesellschaft hat seine grundlegenden Werte. Fehlender Respekt greift dieses Fundament an. Die Menschen fühlen sich vom gegenüber bedroht.

Dieses Problem sitzt viel tiefer, als wir zugeben wollen. Also bevor wir uns fragen, warum es diesen Fundamentalismus in der islamischen Welt gibt, müssen wir uns fragen, ob unsere Werte die einzigen und wahren auf dieser Erde sind.

Im Internet passiert alles auf einmal. Wo sind die Grenzen dieses gemeinsamen Bewusstseins, welches durch das Internet geschaffen wird?

Das Internet ist ja kein perfekter Ort. Das Internet ist genauso unvollständig wie jede Gesellschaft. Aber ich glaube es wird sich eine kritische Masse bilden, die eine gewisse ethische Kontrolle ausüben wird. Eine Kontrolle darüber, was wir im Netz finden können und was nicht.

Es gibt im jüdischen Recht eine wichtige Regel: Tue dem anderen nichts, was die anderen dir nicht antun sollen. Diese Regel finde ich wichtig, wenn wir über das Internet nachdenken. Aber an staatliche Kontrolle glaube ich nicht. Das Internet ist ein anarchistisches Tool par excellence. Und das sollte auch so bleiben. Übrigens hatten die Anarchisten immer eine Ethik.

Ihr neues Buch "The Winner stands alone" handelt von der Welt der Schönen, Berühmten und Reichen. Ist das Leben eines VIP wirklich so hart?

Nein, es hängt davon ab, wie Sie das Leben nehmen. Ich halte mich da an ein altes lateinisches Sprichwort "Sic transit gloria mundi." Das heißt so viel wie "So vergeht der Ruhm der Welt" und meint "Alles ist vergänglich".

Die Kontakte, die Sie auf Ihrem Lebensweg knüpfen, sollten Ihnen helfen, sich als Mensch und natürlich auch Ihre Arbeit zu verbessern. Wenn Sie aber denken, dass der Erfolg an sich das Ziel im Leben ist, sind Sie mehr als verloren. Damit erreichen Sie gar nichts.

Wie kamen Sie auf die Idee für dieses Buch?

Ich wollte mich mit den Werten in unserer heutigen Welt beschäftigen. Warum sind wir so, wie wir sind? Warum gucken wir mehr nach außen, als nach innen? Es ging mir zuerst um den Zusammenbruch der Zivilisation. Darin wäre es um einen Börsencrash an der Wallstreet genauso gegangen wie um den Krieg, den wir im Fernsehen alltäglich mitverfolgen.

Bildet das unseren Zeitgeist ab? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich beobachte, dass die Menschen das nicht wirklich interessiert. Dafür wollen sie über Mode, die Stars und Sternchen lesen. Sie konsumieren eine Gewalt, die uns kein Haar krümmt. Die uns scheinbar nicht betrifft. Deshalb beschloss ich, meine Geschichte auf dem Filmfest in Cannes stattfinden zu lassen. Mode und Kunst interessieren mich sowieso. Aber dort treffen wir auf einen ungebrochenen Kult um die Stars. Zusammen ergab sich ein Bild meiner Zeitepoche.

Das Gespräch führte Matthias Lehmphul.

Weitere Informationen zu Paulo Coelho und seinem Filmprojekt unter: www.paulocoelhoblog.com

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