IRISCHE SCHAUERVERSEMatthew Sweeney liest aus seinen Gedichten : Blutwurst und Tintenfische

Katharina Narbutovic

An Matthew Sweeneys Ende der Welt, in der Grafschaft Donegal im äußersten Nordwesten Irlands, begann der Atlantik gleich vor der Haustür. Gesunkene Schiffe und U-Boote, Gerippe am Meeresgrund, Schädel, in denen Tintenfische und Krebse schlafen, Fischer, die ertrunken sind, weil sie nicht schwimmen konnten. Aber auch Geister, Spukgestalten, Schlachter, die nächtens aus dem Grabe wiederauferstehen, um Blutwurst oder Leberfrikadellen zuzubereiten: Sie bevölkern Matthew Sweeneys schaurig-schöne Gedichte voller schwarzem Humor.

„Die Tradition, in der ich verwurzelt bin, die irische Tradition“, sagt Matthew Sweeney, „ist offen für das, was ich als Alternativen Realismus bezeichne, dafür, die Grenzen des Realismus zu überschreiten. Und sie lädt dazu ein, Komisches und Ernstes zu vermischen. Dann entdecke ich auf einmal an einer anderen Ecke genau das Gleiche, nur mit einem Anstrich von Düsterkeit – europäischer Düsterkeit.“ Beide Traditionslinien haben Eingang in „Rosa Milch“ (Berlin Verlag), Matthew Sweeneys vortrefflich von Jan Wagner übersetzte Gedichte gefunden, in denen er mit nur wenigen Strichen von unerhörten Begebenheiten sowie den Abgründen des Alltags erzählt. Sweeneys Gedichte sind von großer sprachlicher Klarheit – gepaart mit einer magischen Anziehungskraft, die einen in die verschachtelten Gebäude seiner Vorstellungskraft hineinzieht und noch einmal jene wohlig-schaurige Faszination erleben lässt, mit der wir als Kinder mit offenem Mund den unerhörtesten Schaudergeschichten zugehört haben. Katharina Narbutovic

Literaturwerkstatt Berlin,

Do 3.4., 20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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