Literatur : Irre

Claire Allans Roman „Poppy Shakespeare“

Sebastian Domsch

Die Welt ist verrückt, das ist nicht neu. Auch dass in einer verrückten Welt die Verrückten die Normalen sind, ist ein alter Witz. Das Paradox, das die Beschäftigung mit Wahnsinn und Normalität stets enthält, h at zu außergewöhnlicher Literatur geführt, von Joseph Hellers Antikriegsroman „Catch-22“ über die romantischen „Nachtwachen von Bonaventura“ bis zurück zur karnevalesk verkehrten Welt von Rabelais. Die 38-jährige britische Schriftstellerin Clare Allan will sich mit ihrem Debüt „Poppy Shakespeare“ in diese literarische Ahnenreihe eingliedern, aber es gelingt ihr kaum, aus dem alten Witz neue Funken zu schlagen.

Ihr Roman erzählt die Erlebnisse von Poppy Shakespeare, deren Weg in die Psychiatrie beunruhigend und Allans bester Einfall ist: auf Arbeitssuche macht sie ein Jobinterview, bei dem ihr merkwürdige Fragen gestellt werden, auch ein Blut- und Urintest gehören mit dazu. Statt einer neuen Arbeit bekommt sie mitgeteilt, die Testergebnisse würden auf eine schwere Psychose hinweisen. Prompt findet sich Poppy in einer psychiatrischen Tagesklinik wieder. Von da an versucht die alleinerziehende Mutter verzweifelt, aus der „Behandlung“ entlassen zu werden, und verirrt sich in Folge dermaßen in der Bürokratie, dass sie tatsächlich verrückt wird.

Das klingt nach einer unoriginellen Anklage gegen das System der Psychiatrie. Doch die Geschichte wird dadurch verkompliziert, dass N sie erzählt, eine langjährige Insassin der Klinik. Weder sie noch die anderen Patienten außer Poppy möchten entlassen werden. Im Gegenteil, sie tun alles, um den sicheren Hafen der stupiden Aufenthaltsräume, sinnlosen Therapiegruppen und ewigen Medikamentenzufuhr nie verlassen zu müssen. Entsprechend wenig Verständnis bringt N für Poppy auf.

N erzählt in einem eigentümlichen Sprachstil, der zwischen banalem Umgangston und verschrobener Umständlichkeit wechselt, und als Erzählerin ist sie zudem systematisch unzuverlässig. Sie beschreibt die Welt grundsätzlich aus ihrer „verrückten“ Perspektive, in der alles immer so ist, wie sie es sich vorstellt. So bleibt Poppy genauso schemenhaft wie die vielen anderen „Bekloppten“ der Klinik, die bereits qua Spitzname auf nur eine Eigenschaft reduziert sind, wie FettCath oder KopfhörerCarla.

Im Sinn des Wahnsinns-Topos wirkt aus Ns Perspektive der Wahnsinn ganz normal und die Normalität außerhalb der Klinik absurd und unverständlich: verrückt eben. Poppy dagegen muss, um einen Anwalt zu bekommen, der sie aus der Klinik holen könnte, sich erst einmal offiziell für verrückt erklären lassen, was ihr aber nie gelingt. In diesen vorhersagbaren paradoxen Bahnen bewegt sich Allans Roman gebetsmühlenhaft. Man fragt sich, ob man einen ohnehin alten Witz von einer ermüdend unsympathischen Figur 300 Seiten lang erzählt bekommen möchte.

Clare Allan: Poppy Shakespeare. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Karl Blessing Verlag, München 2007.

345 Seiten, 19, 95 €.

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