Israel-Roman : Herausforderung Gottes

Mira Magén skizziert in ihrem neuen Roman ein zerrissenes Israel.

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Vor zehn Jahren , als sich eine neue Generation israelischer Autorinnen zu Wort meldete, zählte Mira Magén schon zur Avantgarde der israelischen Literaturszene. Aber sie gehörte als Endvierzigerin nicht mehr zu den jungen Autorinnen, sondern war eine literarische Spätentwicklerin, die, zumindest in der hiesigen Wahrnehmung, hinter Stars wie Zeruya Shalev zurücktrat. Mira Magén nahm – nur mit etwas leiserer Stimme – an der Revolution, an der Entdeckung des Alltags und des Privaten in der israelischen Literatur teil, verfolgte mit ihren orthodox geprägten Themen jedoch eine ganz eigene Strategie. Längst behauptet sie einen festen Platz auf der israelischen Bestsellerliste, hat – wenn auch später als andere – die hohe Auszeichnung des israelischen Premierministers erhalten, derweil unermüdlich weitergeschrieben an einem Werk, das allein dem Eigensinn der Autorin gehorcht.

Ihrem neuesten, mittlerweile fünften Roman „Die Zeit wird es zeigen“ ist anzumerken, wie hart Mira Magén an sich gearbeitet hat. In einem komplexen Plot werben gleich fünf Protagonisten mit ihren Perspektiven aufs dramatische Familienleben um die Gunst der Leser. Die alten Themen sind alle noch da: der Riss, der durch die israelische Gesellschaft geht und Orthodoxe von Freigeistern scheidet, die unentschiedenen Grenzgänger zwischen Land und Stadt und die auf Selbstständigkeit pochenden Frauen. Doch wie viel Kraft es die im Orthodoxen beheimatete Autorin gekostet haben mag, sich zu emanzipieren, kann nur ermessen, wer die orthodoxen Scheuklappen genauer kennt.

Mira Magén macht den hedonistischen Schürzenjäger Mike zum Protagonisten ihres Romans. Der treibt sich nachts am Strand von Tel Aviv herum, führt eine offene Ehe mit seiner Frau Cheli und trägt trotzdem die Verantwortung für ihre drei Kinder, von denen zwei behindert sind, voll mit. Die dreizehnjährige Anna, die Zweitälteste, ist mit einer Muskelschwäche geboren worden, der fünfjährige Tom, der Jüngste, fällt gleich auf der zweiten Romanseite bei einem Fahrradunfall ins Koma. Und Anna, die Schuldige, schweigt, bis es einfach nicht mehr geht.

Nichts als Schicksalsschläge und das an den Nerven zehrende Thema Behinderung bestimmen die Geschichte, die auch ein Spiegel der israelischen Gesellschaft sein will und sein zentrales Thema als Metapher versteht. Mira Magén gilt nicht als politische Autorin, aber sie verfolgt die israelische Politik genau, engagiert sich in der Friedensbewegung „Peace Now“, scheut auch nicht das Reizwort Intifada, wenn sie die Wut beschreibt, mit der „Pflastersteine gegen die ganze beschissene Vergangenheit und eine nichts versprechende Zukunft geworfen werden“. Aber sie ist angetreten, um über das „normale“ Leben zu schreiben. „Ich freue mich, in mein Arbeitszimmer zu kommen und die Misere da draußen hinter mir zu lassen“, sagt sie. „Manchmal gelingt es, manchmal nicht.“ Schreiben ist für sie eine Herausforderung Gottes. Den Autor nennt sie „Miniatur Gottes“: „Ich weiß nicht, was für einen Plot Gott für mich bereithält. Aber ich weiß, was meinen Figuren widerfahren wird. Ich kann in letzter Minute ihr Schicksal ändern.“

Mira Magén ist eine gewichtige Stimme Israels, gerade weil sie als eine im orthodoxen Milieu aufgewachsene gläubige Jüdin ein gespaltenes Leben zwischen zwei Welten führt. „Mit einem Bein stehe ich in dieser Welt, mit dem andern versuche ich ständig, ihr zu entkommen.“ Nach ihrem Militärdienst hat sie Psychologie und Soziologie studiert und war lange Jahre als Krankenschwester im Hadassah Hospital in Jerusalem tätig. Sie hat also viele Gründe für ihre Zweifel an Gottes Allmacht, die sie in ihre Romane übersetzt und damit eine große Leserschaft, gerade auch in orthodoxen Kreisen, erreicht.

Mira Magén kommt gern nach Deutschland. Trotz der Geschichte. Sie ist in Israel geboren, sie und ihre Geschwister tragen die Vornamen von Holocaustopfern aus der Familie. In ihren imaginierten Familien ist alles möglich: Da wirbelt ein attraktiver russischer Straßenmusikant eine eigentlich glückliche Familie durcheinander, oder eine Mutter besteht auf ihre Rechte als Alleinerziehende. Und wenn Magén in „Die Zeit wird es zeigen“ auf die letzten Seiten noch so etwas wie ein Happy End herbeizaubert, dann muss man ihr einfach glauben. Sich in ein neues, vielleicht besseres Leben hineinwerfen – wie das geht, hat Mira Magén selbst oft genug gezeigt.

Mira Magén: Die Zeit wird es zeigen. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. dtv, München 2010. 400 S., 14,90 €.

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