Jakob Heins neuer Roman : Einstiege, Ausstiege

Der neue Roman von Jakob Hein folgt dem Matroschka-Prinzip: Hein beginnt eine Geschichte, um darin die nächste zu erzählen, in der wiederum eine neue steckt - jede steht für sich und komplettiert doch die anderen. Das klingt kompliziert, ist aber äußerst unterhaltsam.

Eva-Maria Träger

Ein präziser Schriftsteller wie Jakob Hein, der nie mehr Worte gebraucht als nötig, hat seine Gründe, wenn er statt eines knappen Titels einen kryptischen wählt. „Vor mir der Tag und hinter mir die Nacht“ heißt sein neuer Roman, und darin beschreibt Hein keinen klaren Morgen, keinen Anfang mit Zauber. Sondern er erzählt von dem Zwiespalt eines jeden Aufbruchs, der auch immer Abschied bedeutet und neben Hoffnung auf Neuerung auch Angst vor Enttäuschung birgt.

Der Roman folgt dem Matroschka-Prinzip: Hein beginnt eine Geschichte, um darin die nächste zu erzählen, in der wiederum eine neue steckt – jede steht für sich und komplettiert doch die anderen. Das klingt kompliziert, ist aber äußerst unterhaltsam. Alles beginnt mit Boris, der seinen lange gehegten Traum einer „Agentur für verworfene Ideen“ lebt, eine Art Second-Hand-Shop für Einfälle. Eines Tages betritt Rebecca den Laden. Boris verliebt sich in sie. Um sie zum Bleiben zu bewegen, liest er ihr vor: die Geschichte von Sebastian und Sophia.

Als der Arzt Sebastian nachts am Bett der Komapatientin Sophia wacht, nimmt sie telepathisch Kontakt zu ihm auf und erzählt ihm von ihrer Arbeit für den „Maulwurf“, einen erblindeten Schriftsteller. Dieser diktierte ihr, ohne zu ahnen, dass eine Veröffentlichung niemals möglich sein wird, einen neuen Roman: die Geschichte von Heiner und Wolf.

Heiner steht kurz davor, den Sinn des Lebens zu ergründen. Da kommt ihm der Teufel in Gestalt seines Trinkkumpans Wolf auf die Spur und macht ihm ein faustisches Angebot: ungestörte Studien fernab von Computer und „Elektropost“. Zu spät muss Heiner erkennen, dass er so zwar forschen, die Ergebnisse aber nicht mehr verwerten kann.

Heins Geschichten erzählen von überzogenen Erwartungen, gelebten Träumen und enttäuschten Hoffnungen; sie sind melancholisch, aber nie trist. Dafür sorgen auch Heins nüchterne, ironisch-distanzierte Sprache und seine genauen Beobachtungen alltäglicher Vorgänge und menschlicher Eigenheiten. Ein Plädoyer für die kleinen Dinge des Lebens. Und für seine Anfänge.

Jakob Hein: Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht. Piper Verlag. München 2008. 176 Seiten. 16,90 Euro.

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