James Agee : Ein Mann mit Stil

Er sah verdammt gut aus, Frauen schätzten ihn. Er schrieb das Drehbuch zu "African Queen". James Agee war der Vater des New Journalism. Zum 100. Geburtstag eine Hommage an ein Genie, das zu früh starb.

Susanne Kippenberger

Dieses Buch ist eine Zumutung. Wer sind diese Leute in dreckigen Lumpen, die einen mit solcher Intensität angucken?! Seitenweise Fotos von großer Klarheit und ungeheurer Wucht – aber keine Erklärung, kein Kommentar, keine Namen. Und dann erst der Text: so hemmungslos.

Ich!, Ich!, Ich! tönt es dem Leser entgegen. Pathos und Nüchternheit wechseln sich ab, erst türmt James Agee Metaphernberge auf, um dann wieder zu schreiben, als wäre er das Auge einer Kamera. Dutzende Seiten widmet er allein der Beschreibung einer kleinen Holzhütte und ihres erbärmlichen Inventars. Was soll das sein – eine Reportage, ein Gedicht, ein Bekenntnis? In einer nicht enden wollenden Einführung erklärt er dem Leser unter anderem wie er das Buch zu lesen hat – am besten laut –, macht aus seinen Zweifeln und Skrupeln kein Geheimnis. Einen Spion nennt er sich, genau wie den Fotografen Walker Evans: Einige Wochen lang, in den schlimmsten Zeiten der amerikanischen Depression, waren die beiden Freunde in das Leben von drei Pächterfamilien in Alabama eingedrungen, um es festzuhalten. Auch aus seiner Libido macht der Autor kein Geheimnis. Er begegnet den „sharecroppers“ als Mensch – aber auch als Mann. Obszön fand seine fromme Mutter viele Passagen.

„Let Us Now Praise Famous Men“: „Ein kolossales, aus hybriden Teilen zu einer übergreifenden, wie Agee hoffte, musikalischen Struktur gefügtes Buch“, so Joachim Sartorius im Vorwort zur vergriffenen deutschen Ausgabe von „Preisen will ich die großen Männer“. Ein Buch, das sich weigert, ein Buch zu sein, wie es in einer zeitgenössischen Kritik hieß. Ein Buch, wie es das noch nicht gegeben hatte, in dem Fotos und Text gleichberechtigt nebeneinander standen und nicht der gegenseitigen Illustration oder Erklärung dienten.

Jimmy Carter zählt zu seinen Fans. In einer Dokumentation über Agee erklärt der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, warum ihn das Buch so berühre: weil er selbst in dieser Welt groß geworden ist, seine Nachbarn in Georgia so arm waren wie die drei Familien in Alabama, diese aber zugleich etwas Universelles haben. Er mag das Empathische des Schriftstellers, seinen innovativen Stil. Vielleicht liege es ihm aber auch deshalb so am Herzen, und der mächtigste Mann der Welt lächelt scheu, fast verlegen, als er es bekennt, weil es zuerst überhaupt nicht geschätzt wurde, man könnte auch sagen, zumindest sagen Carters Augen das: weil es nicht geliebt wurde.

Es war ein grandioser Flop.

Im Auftrag des Magazins „Fortune“ waren James Agee und Walker Evans, einer der großen Dokumentarfotografen seiner Zeit, 1936 losgezogen, um das Leben der „sharecroppers“ zu dokumentieren. Ohne die übliche journalistische Distanz quartierte Agee sich bei den Familien ein (Evans übernachtete lieber im Hotel), aß mit ihnen, pflückte Baumwolle mit ihnen, redete und flirtete mit ihnen. Nachts setzte er sich hin und schrieb. Nach Hause zurückgekehrt, schrieb er weiter. In der Zeitschrift ist die Geschichte nie erschienen, sie sprengte jeden Rahmen. Agee kämpfte weiter mit seinem Stoff. Als der Text 1941 endlich, angeschwollen zu einem knapp 400 Seiten langen Buch, herauskam, hat er niemanden mehr interessiert. Die Depression war Geschichte, jetzt war Zweiter Weltkrieg. Ganze 600 Exemplare wurden verkauft, der Rest verramscht.

Heute gehört „Let Us Now Praise Famous Men“ zu den Klassikern der amerikanischen Literatur und Fotografie. Auch die, die das Buch nie gelesen haben, haben die Bilder der Südstaaten- Familien oft gesehen, in Büchern, in Ausstellungen, auf Postkarten; die Bilder wurden später auch einzeln publiziert, Walker Evans hat den Gesichtern dann Namen gegeben. Der ironische Titel „Let Us Now Praise Famous Men“ ist in Erfüllung gegangen: Die Unsichtbaren, die Ärmsten der Armen wurden weltberühmt, wurden zu Ikonen.

1960 war das Buch neu aufgelegt worden. Das Timing hätte nicht besser sein können, die Radikalität des Projekts fiel jetzt auf fruchtbaren Boden, prägte eine ganze Generation. James Agee wurde zum Vater des New Journalism: seine Hemmungslosigkeit und Subjektivität, dass er das Schreiben und Zweifeln, auch an sich selbst, zum Thema machte, der Kampf als angry young man gegen jede Form von Verlogenheit, all das fand sich bald wieder bei Tom Wolfe, Hunter S. Thompson und Truman Capote. Aber da war James Agee längst tot.

Er starb, wie er gelebt hatte: filmreif. Mit 45 Jahren erlag er in einem New Yorker Taxi seinem dritten Herzinfarkt – auf dem Weg zum Arzt. Seinen ersten, fast tödlichen erlitt er, als er das Drehbuch für „The African Queen“ schrieb, den John Huston-Klassiker mit Humphrey Bogart und Katherine Hepburn, das für einen Oscar nominiert wurde. Trotz Depressionen hatte Agee sich nie aus dem Fenster gestürzt, an dem er mehrmals stand. Dazu war er zu katholisch: In die Hölle kommen wollte er nicht. Nun starb er am Leben, ein kettenrauchender Alkoholiker, der bald zu einer Art James Dean der Literatur wurde.

Er hinterließ eine Witwe und zwei Ex-Ehefrauen, vier Kinder, zahlreiche Geliebte, 450 Dollar und ein Werk, so schmal, dass es kaum der Rede wert war, zumindest, wenn man die Buchveröffentlichungen zählte. Dabei hatte er schon als Schüler angefangen zu schreiben und zu veröffentlichen, Gedichte, Geschichten, Essays. Trotz schlechter Noten war der Junge aus den Südstaaten an Harvard aufgenommen worden, weil seine Lehrer ihn als literarisch hochbegabt priesen.

James Agee maß sich an den literatischen Schwergewichten – Walt Whitman, William Faulkner, Marcel Proust, James Joyce, Ernest Hemingway, Thomas Wolfe, auch Sigmund Freud, sie alle haben ihre Spuren in seinem Werk hinterlassen. Er wollte schreiben, wie Beethoven komponierte: mit großer Wucht. Aber ihm fehlte die Disziplin, seine Ideen in Formen zu zügeln. „Wenn ihn die Kreativität überfiel, erklärte er Freunden, hatte er das Gefühl, als ob eine Hochspannungsleitung in seiner Brust durchgebrannt war und Funken und Energieblitze in alle Richtungen jagte, ohne dass er Kontrolle über ihre Bewegungen hatte“, schreibt sein Biograf Laurence Bergreen. „Das Tragische war, dass die meisten Funken kurz aufflackerten und dann verschwanden.“ Einen Großteil seiner Literatur schrieb Agee in die Luft, so hat es Walker Evans beschrieben. Jim, wie alle ihn nannten, redete oft bis tief in die Nacht, wenn seine Zuhörer längst schlapp gemacht hatten; Evans hielt durch, hätte seinem Freund am liebsten einen Stift an die Hand gebunden. „Er schien seine Sätze beim Sprechen zu modellieren, zu bekämpfen, zu streicheln.“

Der Schriftsteller wollte die Grenzen der Genres und Medien überschreiten – ein Grund, warum er noch immer so modern wirkt. In seiner Bewerbung für ein Guggenheim-Stipendium stellte er eine lange Liste von Projekten zusammen, an denen er arbeiten wollte, darunter eine Geschichte über Homosexualiät und Fußball, ein Lexikon von Schlüsselwörtern, ein Kabarett, eine Revue, „ein neuer Typ von Bühnen-Leinwand-Show“, Shakespeare, ein antikommunistisches Manifest, „drei oder vier Liebesgeschichten“.

Zu Lebzeiten bekannt war Agee in erster Linie für seine Filmkritiken in „Time“ und „The Nation“, die den Lyriker W.H. Auden in Entzücken versetzten: „Meiner Meinung nach ist seine Kolumne das außergewöhnlichste regelmäßige Ereignis im amerikanischen Journalismus.“ Agee hatte das Kino von klein auf geliebt, es war für ihn die amerikanische Kunstform. So sehr er sonst mit seinen Stoffen kämpfte – wenn er über Filme schrieb, flutschte es nur so, „wie Scheiße durch eine Gans“, wie ein Kollege bewundernd bemerkte. Natürlich hielt er sich auch in diesem Job, der ihm eine finanzielle Grundlage schaffte, nicht an die üblichen Regeln. Er schreibe als Amateur für Amateure, erklärte er und erlaubte sich höchst persönliche Urteile. „Casablanca“ erklärte er für Mist, über Charlie Chaplins „Monsieur Verdoux“, von Kritikern verrissen, von Zuschauern geschmäht – nicht zuletzt weil der Regisseur ihnen politisch verdächtig links war – schrieb er Hymnen. Chaplin war der Held seiner Kindheit. Jetzt wurde er sein Freund.

Mit einer ausführlichen Hommage an den Tramp beginnt Agee auch seinen lyrischen Roman „Ein Todesfall in der Familie“, den der Beck Verlag jetzt neu auf Deutsch herausgebracht hat. Genauer gesagt: mit einer Debatte zwischen den Eltern des kleinen Rufus, Hauptfigur der berührenden Geschichte, die nur wenige dramatische Tage umfasst. Der Vater erklärt, er wolle ins Kino, die Mutter weiß genau, warum: „Dieser abscheuliche kleine Mann!“ schimpft sie. Ordinär findet sie Chaplin „mit seinem ekligen kleinen Stock, mit dem er den Frauen unter die Röcke fährt, und mit diesem ekligen Watscheln.“ Natürlich gehen Vater und Sohn trotzdem ins Kino, ausführlich schildert Agee die Filmszene – jede Bewegung wie ein Tanz –, in der der Tramp geklaute Eier in der Hosentasche versteckt, als er einen Polizisten kommen sieht, und dann mit einer hübschen Frau flirtet, und die Frau ihn wütend schubst, so dass Charlie auf seinem Hintern landet – und Rufus genau weiß, wie es sich anfühlen muss, so wie neulich, als er sich in die Hosen machte, „als es dir unten aus dem Hosenbein und über die Strümpfe gelaufen war und du so nach Hause laufen musstest und alle dir hinterherguckten“.

In dieser Nacht wird der Vater aus dem Bett telefoniert, seinem eigenen Vater gehe es sehr schlecht. Auf dem Rückweg stirbt er selber bei einem Autounfall.

„Ein Todesfall in der Familie“, das ist die Geschichte von Agee selbst. Auch er hieß Rufus mit zweitem Namen. Auch er wurde, vor 100 Jahren, in Knoxville ,Tennessee geboren, am 27. November 1909, in der Straße, die heute seinen Namen trägt. Auch er hatte eine strenge, freudlose Mutter und einen warmherzigen Vater, so schildert er die beiden zumindest später immer. Auch sein Vater kam bei einem Autounfall ums Leben, als der Sohn sechs Jahre alt war. Es war das Trauma seines Lebens, mit dem er auch literarisch kämpfte. Der Roman war trotz jahrelangen Arbeitens nicht vollendet, als er 1955 starb, erschien zwei Jahre später dennoch und erhielt den Pulitzer Preis.

Herausgegeben hatten ihn die beiden Freunde, die sich nun um seinen Nachlass und seinen Mythos kümmern sollten: David McDowell und Father Flye. In dem Priester, dem James Agee als Schüler am katholischen Internat St. Andrew begegnet war, hatte der Halbwaise einen väterlichen, lebenslangen Freund gefunden, verständnisvoll und zugewandt. Ihm würde er unzählige Briefe schreiben, die später als Buch veröffentlicht wurden. Die Originale vernichtete der Priester allerdings. Kritiker warfen den beiden später vor, an einem zu einseitigen Bild von Agee gestrickt, ihn zum sanften Heiligen stilisiert zu haben. Und zu diesem Zweck notfalls auch in die Werke einzugreifen.

Dabei war Agee nichts weniger als ein Heiliger. Sensibel, menschlich und zugewandt wie er einerseits war, brach er die Herzen einiger Frauen. Der Schriftsteller sah aus wie ein Hollywoodstar, hätte es leicht mit Humphrey Bogart aufnehmen können. Dabei trug er sein gutes Aussehen mit der gleichen Nonchalance wie seine Kleidung. Seine Sachen saßen wie angegossen, schreibt Walker Evans in der neuen Ausgabe von „Let Us Now Praise Famous Man“, weil er sie so lange trug, bis sie seine Körperform angenommen hatten. Als Drehbuchautor in Hollywood bekam er zeitweise Kantinenverbot, weil er weder seine Klamotten noch sich selber wusch. Dennoch hatte er zahlreiche Affären mit schönen Frauen.

Seine zweite Frau Alma betrog Agee mit Mia, die später seine dritte Frau wurde, – als Alma mit Sohn Joel schwanger war. Er könne nicht viel über seinen Vater sagen, erzählt der heute 69-jährige Joel Agee im Gespräch, er sei ihm nur einmal begegnet: „Als ich vier Jahre alt war.“ Alma hatte James verlassen und später den kommunistischen Schriftsteller Bodo Uhse geheiratet. Über seine amerikanische Kindheit in der DDR, als Uhses Stiefsohn, hat Joel Agee ein Buch geschrieben, das der Hanser Verlag jetzt wieder neu aufgelegt hat: „Zwölf Jahre“. Vor der Übersiedlung in den Osten aber hatten Mutter und der kleine Sohn James Agee noch einmal in New York besucht. Zärtlich erzählt Joel von dieser kurzen Begegnung mit dem Mann, von dem er damals nicht wusste, dass er sein Vater war – „dieses Gefühl einer sehr intimen Bindung, das war Liebe, ohne dass das Wort ausgesprochen wurde“.

James Agee idealisieren, wie es viele Fans tun, will Joel Agee nicht. Dazu war er in seinen Augen viel zu komplex. „Vielleicht war er zerrissen von all den verschiedenen Dingen, die er war oder hätte sein können“, schrieb Agees früherer Redakteur T.S. Matthews in seinem Nachruf. „Ein Intellektueller, ein Dichter, ein Cineast, ein Revolutionär, Gottes Narr.“

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