James Frey : Chablis in der Toilette

Leidenschaftliche Hommage an Los Angeles: James Freys Roman "Strahlend schöner Morgen".

Wiebke Porombka

Dass dieses Buch nicht heillos zum Bersten verurteilt ist, kann man einmal mehr als einen Beweis für die wundersame Speicherkraft der Schrift nehmen. Zwar hat James Freys Roman „Strahlend schöner Morgen“ mit seinen fast sechshundert Seiten schon einen recht stattlichen Umfang, aber was an Figuren und Schicksalen, an Fakten und Ersponnenem, an zerplatzten und erfüllten Träumen darin zusammengeführt, verknüpft und oft auch einfach nur nebeneinander stehen gelassen wird, das sprengt diese Dimensionen allemal.

Los Angeles ist der Mittelpunkt, um den die unzähligen Geschichten und Menschen kreisen, eine Stadt, die Flüchtlinge genauso wie Touristen und junge Männer und Frauen anlockt, die glauben, hier eine steile Karriere und das große Glück machen zu können. „Bei unserem Aufbruch aus der Alten Welt leitete uns das Sonnenlicht.“ Dieses Columbus-Zitat aus dem Jahr 1493 stellt James Frey seinem Roman voran, und noch immer scheint die Lichtmetapher, konkret wie symbolisch, über der Westküstenmetropole zu schweben und den amerikanischen Traum zu verkünden. Beschwörend, wie ein Atemholen und auch ein wenig euphorisch klingt es, wenn Frey immer aufs Neue das Kommen und Ankommen der vielen tausend Menschen, die diesem Licht gefolgt sind, an den Anfang eines Abschnitts stellt, um dann wieder an einzelne dieser Menschen näher heranzuzoomen.

Denn auch wenn sein Roman der Roman einer Stadt ist, die alles Geschehen überhaupt erst produziert und in Gang setzt, dann hat man es hier nicht mit jener Art postmodernem Autor zu tun, der die Metropole als Überlagerung von Diskursen oder einem Gespinst von intellektuellen Strömen abbilden will. James Frey möchte vor allem eins: Er möchte Geschichten erzählen.

Die Geschichte von Maddie und Dylan zum Beispiel, die dem White Trash Ohios entstammen, vor ihren saufenden, sich streitenden und prügelnden Eltern nach Los Angeles fliehen, ihr Leben zunächst in billigen Motels und mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs verbringen und denen sich auf einmal eine ungeahnt goldene Zukunft zu öffnen scheint. Oder die Geschichte von Old Man Joe, der sein Leben an der Strandpromenade verbringt, sich vom Müll der Touristen ernährt und nachts in der Toilette eines Imbisses schläft, in der er seine Chablis-Vorräte hortet. Jeden Morgen legt Old Man Joe, der aussieht wie ein alter Mann, aber noch nicht einmal vierzig Jahre alt ist, sich an den Strand, schaut in den Himmel und wartet darauf, dass ihm endlich die Eingebung über den Sinn des Lebens im Allgemeinen und den seines Lebens im Speziellen kommt.

Oder auch die Geschichte von Esperanza, Tochter mexikanischer Einwanderer, die eine hervorragende Schülerin ist, aber an den gigantischen Ausmaßen ihrer Oberschenkel verzweifelt, und die sich schließlich als Putzfrau in einem reichen Vorort verdingen und die Demütigungen ihrer herrischen Auftraggeberin ertragen muss, um sich das College finanzieren zu können. Eines Tages kommt der Sohn des Hauses zu Besuch, und spätestens an dieser Stelle wird man unweigerlich eingestehen, dass James Frey verdammt fingerfertig mit dem dramaturgischen Handwerkzeug von Hollywood umzugehen vermag – was deshalb nicht sonderlich überraschend ist, weil James Frey bereits als Drehbuchautor, Regisseur und Filmproduzent gearbeitet hat, in Los Angeles, versteht sich.

Natürlich verliebt sich Esperanza in den, wenn auch etwas dicklichen, aber charmant chaotischen Doug. Und natürlich steht schon bald eine heimliche Rose in ihrer nüchternen Hausmädchenkammer. Und natürlich, natürlich kommt die Hausherrin ausgerechnet in dem Augenblick ins Zimmer, als die beiden Verliebten sich einander zum ersten Mal annähern, und natürlich ist das Donnerwetter so groß, dass Esperanza fluchtartig das Haus verlässt und besiegelt scheint, dass sie und Doug sich nie wieder sehen werden.

Weder dass man unversehens von James Freys so offenkundig kulturindustrieller Erzählweise erstaunlich gefesselt ist, noch dass man in seinen vielen Listen über die „lustigen Tatsachen von L. A.“, die städtischen Gangs oder die Versehrtheiten von Kriegsveteranen, die zu den nach dem typischen Short-Cuts-Prinzip arrangierten Erzählsequenzen hinzukommen, den Zettelkasten kräftig rascheln hört, muss man gegen dieses Buch groß ins Feld führen.

Etwas anderes allerdings sorgt auf Dauer für eine gewisse Verstimmtheit: der Schwarz-Weiß-Zeichner, mit dem James Frey die Unterschiede zwischen Arm und Reich erzählt. So wird etwa ein Schauspielerehepaar aus der ersten Reihe der Celebrities in seiner ganzen medienkompatiblen Verlogenheit bloßgestellt – er ist schwul, sie lesbisch, die Kinder und mit ihnen das vermeintliche Familienglück kommen komplett aus der Retorte. Und die Abgründigkeit geht dann noch ein bisschen weiter: Liebe wird in diesen Kreisen nicht einfach nur gekauft, sondern durch Geld und Einfluss erpresst. In den unteren Schichten hingegen, bei Esperanza, Doug oder auch bei dem Ausreißerpärchen, herrscht ein nahezu romantisches Liebesideal vor. Das mutet dann doch etwas zu billig und durchsichtig nach Zustimmung heischend an.

Man kann aber das Ganze natürlich auch so herum lesen: James Frey erzählt nicht die Geschichte einer Stadt, er erzählt ihren Mythos. Und dieser Mythos von Los Angeles setzt sich eben aus Anekdoten, Vorstellungen und Meinungen zusammen, die kein Abbild der Realität sein müssen. „Vorsicht: Dies ist keine wahre Geschichte“ heißt es gleich zu Anfang – und das ist eben nicht nur eine vorbeugende Maßnahme des Autors gegen eine Klage wegen Persönlichkeitsverletzung.

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Ullstein Buchverlage, Berlin 2009. 592 S., 22,90 €.

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