Jean Ziegler : Gedächtnis aus Stein

Einst wurde mit Sklaven gehandelt, heute wird an der Börse spekuliert. Im Erinnerungskrieg: Jean Zieglers Streitschrift über den Hass der Armen auf den Westen.

Philipp Lichterbeck

In einer Märznacht begleitet Jean Ziegler die srilankische UN-Botschafterin Sarala Fernando durch Genf. Die beiden sprechen über den Völkermord in Darfur. Plötzlich bricht es aus der Botschafterin heraus: „Warum greifen sie uns ständig an?“ Sie meint nicht Ziegler persönlich, der Vizepräsident des Beraterausschusses im UN-Menschenrechtsrat ist. Ihr Zorn richtet sich pauschal gegen die Länder des Westens, die glauben, die Länder des Südens ständig maßregeln zu müssen. Sarala Fernando weiß, dass in Darfur Schreckliches passiert, aber sie verbittet sich die Einmischung von Nationen, die aus ihrer Sicht keine moralische Autorität besitzen.

Die Episode stellt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler an den Anfang seines neuen Buchs mit dem lauten Titel: „Der Hass auf den Westen – Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.“ Leidenschaftlich argumentiert der 75-Jährige darin, dass die westliche Überheblichkeit die Länder des Südens so stark störe, dass die internationale Zusammenarbeit gefährdet sei. Der Hass, den er meine, sei jedoch nicht der blinde Hass (etwa des Islamismus), sondern ein rationaler Hass, der sich in einem strukturierten Diskurs manifestiere.

Obwohl Ziegler wohl besser den Begriff Zorn verwendet hätte, weiß er doch, wovon er spricht. Vor seinem Job im UN-Menschenrechtsrat war er UN-Sondergesandter für das Recht auf Nahrung. Er kennt die Welt der hohen Diplomatie; ebenso hat er Slums, Kriegsgebiete und Hungerregionen rund um die Welt besucht. Er kann demnach einschätzen, welche Auswirkungen die Entscheidungen, die auf der einen Seite der Welt getroffen werden, auf der anderen Seite haben.

Aber was macht der Westen falsch? Ziegler sagt, er benutze schamlos das Menschenrechtsargument. Denn erstens werde mit verschiedenen Maßen gemessen, scheinen etwa die Menschenrechte der Palästinenser andere zu sein als die der Israelis. Zweitens gehe es in Wahrheit doch meist nur um die Durchsetzung ökonomischer Interessen. Drittens aber, und dies sei der entscheidende Punkt, reiche das Gedächtnis der Völker des Südens sehr viel länger zurück als das des Westens. Koloniale Ausbeutung, Sklavenhandel und die seit 500 Jahren herrschende ungerechte Weltwirtschaftsordnung seien im Süden keine abstrakten Größen, sondern Teil der täglichen, kollektiven Erfahrung. Die EU und die USA haben also keinerlei Legitimation, dem Rest der Welt etwas vorzuschreiben.

Ziegler referiert noch einmal die Geschichten des Sklavenhandels und der Kolonialisierung. An den Beispielen Nigeria und Bolivien zeigt er, wie der Süden seit Jahrhunderten ausgepresst wird. Während aber in Nigeria die Plünderung durch die Ölkonzerne weitergehe, habe sich die indigene Bevölkerung Boliviens endlich erhoben und mit Evo Morales einen der ihren zum Präsidenten gewählt. Die Stärke von Zieglers nicht gerade straff organisiertem Buch liegt jedoch nicht in diesen Beschreibungen, die wenig Neues bieten.

Vielmehr gelingt es Ziegler, zu verdeutlichen, wie gegensätzlich Geschichte heute wahrgenommen wird. So hätten die Bolivianer mit der Wahl des Kokabauern Morales auch ihre Kultur gegen die Anmaßungen des Kapitalismus verteidigt. Ziegler spricht in diesem Zusammenhang von einem „Krieg der Erinnerungen“: Während das Gedächtnis der Menschen im Süden eine „heilige Wunde“ sei, so habe der Westen ein „Gedächtnis aus Stein“.

Wenn etwa Frankreichs Präsident Nicholas Sarkozy an der Universität von Dakar behauptet, „nie stürmt der afrikanische Mensch der Zukunft entgegen“, dann sehen die Studenten einen imaginierten Tropenhelm auf seinem Kopf. Sie kennen nur zu gut die andauernden Verbrechen Europas in Afrika. Wie stark diese im Bewusstsein des Südens präsent sind, bewies der Justizminister der Elfenbeinküste auf einer UN-Konferenz vor einigen Jahren: „Die Schwarzen schwitzen Blut und Wasser während sie mit ansehen müssen, wie der Preis ihrer Arbeit in London, Paris oder New York verhandelt wird. Die Sklavenhalter sind nicht tot. Sie haben sich in Börsenspekulanten verwandelt.“

Jean Ziegler hat ein einseitiges Buch geschrieben. Als Analyse der Weltlage taugt es nicht. Dennoch ist es einer der wenigen Versuche, den Planeten aus Sicht der armen Mehrheit der Menschheit zu erklären. Philipp Lichterbeck

Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen – Wie sich die armen Völker gegen den

wirtschaftlichen

Weltkrieg wehren.

C. Bertelsmann

Verlag München 2009, 287 Seiten, 19,95 €

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