Jochen Schmidts Kolumne : Zur Thomas-Brasch-Nacht gehen!

Wir sehr uns dieser Autor fehlt. Jochen Schmidt empfiehlt die Thomas-Brasch-Nacht in der Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam.

Jochen Schmidt

Im November 2001 ist Thomas Brasch, nur 56-jährig, gestorben, und jetzt ist dieses Jahrzehnt schon fast zu Ende. Brasch war einer der wenigen Autoren, die nicht schrieben, um zu publizieren – was etwas völlig anderes ist –, außerdem natürlich ein verdammt attraktiver Kerl. Die angeblich so graue DDR hat ja manchen Herzensbrecher hervorgebracht.

Irgendwie war es ihm nicht gegeben, bequem zu leben. 1968 wurde er als Student der Filmwissenschaften im Zusammenhang mit Protesten gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings wegen „staatsfeindlicher Hetze“ inhaftiert und von der Filmhochschule relegiert. Danach musste er sich in der Produktion bewähren, auch keine schlechte Schule für einen Dramatiker, wie ein Fabrikdialog zeigt, den er in seinem Tagebuch festgehalten hat: „Du hast’s gut, du legst dich in die Sonne, ich muss an die Maschine.“ – „Schlag sie doch tot.“

„Wir haben uns nichts zu sagen“

Als Brasch in den Westen ging, sah er sich keineswegs als Bundesbürger, eine Haltung, die einem schon damals übelgenommen wurde. Aber wie wohltuend, wenn jemand sich nicht mit dem reichen Teil der Welt identifiziert, nur weil es von ihm erwartet wird. „Wir haben uns nichts zu sagen“, sagte er bei seiner ersten Preisrede zum bayrischen Publikum. Trotzdem war die Herkunft aus der DDR eine erfolgreiche Werbekampagne für ihre Künstler, Brasch wurde auch ohne sich anzupassen zum Star, zwei seiner Spielfilme schafften es ins Wettbewerbsprogramm von Cannes, was nicht vielen deutschen Regisseuren gelungen ist.

„Vieles von der augenblicklichen Unbestimmtheit, Nervosität und Unproduktivität schreibe ich den Wohnverhältnissen zu“, notiert er in seinem Tagebuch. „Oft denke ich an die Wohnung, die nun fast in Aussicht ist … Leichte, fast weiße Tücher an den Fenstern … Kein Buch im Zimmer…“ Wie sehr uns dieser Autor fehlt.

Thomas-Brasch-Nacht am 18. Dezember ab 18 Uhr in der Filmhochschule HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam, Marlene-Dietrich-Allee 11. Eintritt frei.

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