Jörg Fauser : Das große Format

Leben, schreiben, trinken: Zum 20. Todestag von Jörg Fauser erscheint sein Roman "Die Tournee".

Gerrit Bartels
Fauser
Jörg Fauser: Am 17. Juli 2007 jährt sich sein Todestag zum 20. Mal. -Foto: teutopress

Schaut man sich Fotos von Jörg Fauser an, verwundert es jedes Mal aufs Neue. Das also soll dieser coole Rebell und Undergroundschriftsteller sein, der Ex-Junkie und Literaturbetriebsaufmischer? Dieser unglamouröse Typ mit seinem Nichthaarschnitt, den schrecklichen Brillen, dem Schnauzer (früher) und dem Trenchcoat, der immer so ein wenig missmutig-depressiv aus der Wäsche schaut? Fauser erinnert auf diesen Fotos mehr an einen fiesen Durchschnittsmann aus der Bundesrepublik der siebziger und achtziger Jahre, deren Mittelmaß und Schrecklichkeiten, deren Tristesse und Kaputtheiten er ja in seinen unzähligen Texten so punktgenau beschrieben hat. Er hat darauf etwas Bankangestelltenhaftes, Beamtenhaftes, und tatsächlich war Jörg Fauser ein disziplinierter, gewissenhafter Autor. Morgens um acht Uhr setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb, nahm dann zwar schon mal gegen Mittag seinen ersten Drink, schrieb aber bis in den Abend weiter. Und wenn er unterwegs war, dann der Sache halber, der Recherche für seine Texte wegen.

Schreiben und Leben, das wurde für den 1944 in Bad Schwalbach im Taunus geborenen Fauser irgendwann eins, „Leben, Lebensinhalt und Lebensunterhalt, das lässt sich nicht mehr voneinander trennen“, hat er es genannt. Trotzdem wusste er strikt zu trennen zwischen der Arbeit am Schreibtisch und dem gepflegten, manchmal weit weniger gepflegten Suff danach. Vermutlich kostete ihn Letzterer nach seiner Geburtstagsfeier in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1987 im Münchner Schumanns das Leben, nachdem er morgens um halb vier auf einer Autobahn herumgewandert und von einem Lastwagen erfasst worden war. Ein Abgang nach Maß, mysteriös, zur Legendenbildung einladend, der aber in der Folge den Blick auf sein beachtliches Werk etwas verstellte.

Fauser hielt es mit Gottfried Benn und dessen Bonmot „Produktion hält und erhält“. Er schrieb alles: Songtexte, Kolumnen, Essays und Reportagen, für den „tip“ oder „lui“, für den „Spiegel“ oder „Transatlantik“, er schrieb Hör- und Drehbücher, Erzählungen und Romane. Und trotz oder gerade wegen dieser Allesschreiberei war der Roman für ihn „das Höchste überhaupt“: „Er ist die Zusammenfassung all dessen, was man in den letzten Monaten oder auch Jahren erfahren hat, womit man sich beschäftigt hat, was einem im Kopf herumgeht“, gestand er 1985. „Der Roman ist für mich die größte Selbstbestätigung, die ich kenne.“

Folglich sollte auch sein letzter, unvollendeter Roman, den er Anfang 1987 begann, etwas Besonders werden, ein Roman, der „noch größer und besser und überhaupt herausragender werden soll als alles bisherige (das große Format!)“, wie er an seine Eltern schrieb, den Kunstmaler Arthur Fauser und die Schauspielerin Maria Fauser. „Die Tournee“ heißt dieser Roman, den der Alexander Verlag jetzt neben einem großen Reportagen- und Essayband zum 20. Todestag und als Abschluss seiner gar nicht genug zu lobenden neunbändigen Fauser-Werkausgabe veröffentlicht. Der Roman basiert auf der Reportage „Die Wunder der Komödianten“, die 1986 in „Transatlantik“ erschien. Fauser begleitete eine Theatergruppe mit Doris Kunstmann als Star auf einer Sommertournee durch Bäderorte, um das Leben und Treiben, die bizarren Eigenheiten und das Elend des schon damals vom Aussterben bedrohten deutschsprachigen Tourneetheaters zu beschreiben: „Der Champagner ist Apfelcidre, der Portwein Traubensaft. Die Blumen sind aus Plastik, die Stühle wackeln, in der Kulisse ist ein Riß, alles Talmi! Das Publikum ist 24 000 Jahre alt, der mitreisende Journalist eine Charge und Doris Kunstmann die Göttliche.“

Eine Welt wie das Tourneetheater in drei fulminante Sätze fassen zu können, das war Fausers große Kunst. Es macht da auch fast gar nichts, außer dass man gern weitergelesen hätte, dass der Roman „Die Tournee“ nur zur Hälfte gediehen ist. Fauser-typisch lapidar und passend zu seinem Literatur-ist-Leben-Fetischismus endet er abrupt auf Seite 184: „Sie ließ sich vom Taxi zum Ludwig’s fahren und rief Guido Franck an.“ Gut vorstellbar, dass Fauser nach dem Schreiben dieses Satzes sich von einem Taxi ins Schumanns fahren ließ, das Vorbild für das „Ludwig’s“.

In diesem Romanfragment finden sich schön gebündelt all die Qualitäten, die Fausers Schreiben und eben auch seine vier zu Lebzeiten veröffentlichten Romane auszeichnen: das Schnelle, das Zackige, das Trommelnde, der gelungene Versuch, allein über Dialoge und knappe, klare Beschreibungen auch zu Gefühlen zu gelangen, die an der eigenen Biografie angelegten Figuren, die Treue zu ihnen.

Dazu zeigt nicht zuletzt die Dokumentation im Anhang von Jan Bürger und Rainer Weiss über die Entstehung dieses Romans, wie akribisch Fauser „Die Tournee“ geplant und ausklamüsert hat, wie wenig er all das einfach so und ratzfatz am Leben entlang heruntergeschrieben hat. Der Roman beginnt weit weg vom Tourneetheater mit Harry Lipschitz, einer aus Fauser-Erzählungen bekannten Figur. Lipschitz, Trinker, Desperado, Agent und mit mal 53, 54 oder 57 Jahren eigentlich immeralt und immergebrochen, wohnt in Buckow mit seiner Frau Ellie, einer ehemaligen Prostituierten, und führt ein Pensionärsdasein. Er will nach längerer Zeit mal wieder an einer Mitgliederversammlung der 8. Abteilung der Schöneberger SPD teilnehmen, der auch Fauser im richtigen Leben angehörte. Lipschitz zieht dann aber, da er sich im Tag geirrt hat, durch diverse Schenken in der Potsdamer Straße und am Stuttgarter Platz und landet mit einer Herzattacke im Krankenhaus.

Eine Tournee ganz eigener Art, an die sich mehrere Kapitel mit verschiedensten Figuren und verschiedenen Schauplätzen anschließen. München, wieder Berlin, Frankfurt, Bad Orb. Nach und nach zeichnet sich – bloß kam Fauser dazu eben nicht mehr – in einem anderen Bad (Harzburg!) ein Showdown mit allen Beteiligten ab. Selbstredend hat „Die Tournee“ auch wieder viel von einer Klamotte, einer Krimiklamotte, mit seltsam komischen, B-Movie-artigen Heroindeal-, Verhau- und Schusswaffenszenen. Wie in den Romanen „Der Schneemann“ oder „Das Schlangenmaul“ kennt Fauser auch hier keine Scheu vor dem Krimi-Genre, potenzielles Großwerk hin oder her.

Dann aber gibt es wieder die großartigen, hurtig-schnittigen Bewusstseinsströme einer Natascha Liebling, des an Doris Kunstmann erinnernden Stars des Fauser’schen Tourneetheaters, allein in ihren Zimmern, mit nie zu wenig Alkohol im Blut und immer vielen Gedanken im Kopf an die irgendwann steckengebliebene Karriere. Oder die absurde Biografie einer Figur wie des Galeristen Guido Franck: 16 Semester Alle-Fächer-Studium in Göttingen, eine 2500-Seiten-Autobiografie mit dem Titel „Der Mann mit allen Eigenschaften“ in der Schublade, Ex-Junkie mit Istanbulerfahrungen und unfähiger Geschäftsmann, der jetzt, mit 42, nachdem ihm seine Frau weggelaufen ist, wieder von vorn beginnen muss. Oder die eindrücklichen Beschreibungen des Münchner Gärtnerplatzviertels, von Frankfurt zur Zeit des Kirchentags, von Bad Orb: „Das Kurkonzert, beliebte Melodien, Lehár, Offenbach, horch, was kommt von draußen rein, die alten Leutchen in ihren Zimmerchen, Pillen zählend und die Tage, die noch bleiben, und ringsum der schwarze Wald, im kalten Regen der deutsche Wald, mein Gott.“

Wer wissen will, wie die stark noch von den siebziger Jahren bestimmte bundesrepublikanische und Westberliner Wirklichkeit der achtziger Jahre aussah, und zwar von schräg unten, halt vom vermeintlichen Bodensatz der Gesellschaft aus, und von schief von der Seite, vom Kunst- und Kulturbetrieb aus, der sollte „Die Tournee“ und am besten alles von Fauser lesen. Und wer dann wieder sagt, dass das alles doch sehr zeitbezogen ist, gestrig, so gar keine Literatur, dem ist auch nicht zu helfen. Dem kann man nur mit einem weiteren Fauser-Plus ärgern: Fauser unterhält immer, saugt immer, zeigt immer großen Sport. Und wie er letztendlich aussah, ist da wirklich völlig egal.

Jörg Fauser: „Die Tournee“, Romanfragment, 240 S., 19, 90 €, und „Der Strand der Städte“, journalistische Arbeiten 1959 bis 1987, 900 S., 39,90 €, beide Alexander Verlag, Berlin 2007, erscheinen im August. Heute ab 15 Uhr, Jörg-Fauser-Geburtstagsfeier Joseph-Roth-Diele, Potsdamer Str. 75

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