Joey Goebel : Coca-Cola im Blut

Die Tücken des Mittleren Westens: Joey Goebel kommt in seinem Roman "Heartland" aus dem Tritt.

André Weikard

Im alten Europa glaubt man, man müsse nur richtig verliebt sein, um gute Bücher schreiben zu können. Am besten unglücklich. Vom mittelalterlichen Minnesang bis zur Erlebnislyrik Goethes – Hauptsache, das Herz war schwer, dann wurden die Seiten auch voll. In Amerika hält man Genie für erlernbar. Einer, der sein Handwerk in „Creative Writing“-Kursen weitergibt und nebenberuflich Drehbücher verfasst, ist der 28-jährige Joey Goebel.

Nach seiner viel gelobten Mediensatire „Vincent“ legt er nun mit „Heartland“ seinen dritten Roman vor und demonstriert darin seine Vorliebe für Metaphern. Um Politik geht es – und weil Politik in den USA von den Kennedys und den Bushs gemacht wird, ist „Heartland“ ein Familienroman geworden. Und weil die Familie Mapother heißt, weiß man gleich: Auch dieser Name eine Metapher, auch dieser Roman eine Parabel. Die erzählt von Blue Gene, dem Sprössling der reichsten Familie des US-Kleinstädtchens Bashford, der sein 400-Millionen-Dollar-Erbe auf einem Treuhandkonto parkt, während er in einem Wohnwagen haust und Spielzeug auf dem Flohmarkt verkauft. Als sein Bruder John für den Kongress kandidiert, braucht die Familie den antriebslosen Anti-Helden mit Bierbauch und Schnauzer auf einmal wieder. Fürs Posieren auf Postern und Wahlkampfveranstaltungen verlangt Blue Gene kein Geld, sondern dass sein Bruder Zeit mit ihm verbringt.

Aus dieser Konstellation heraus manövriert Goebel seine Figuren in die absurdesten Situationen. So sitzt der Konservativen-Politiker John bald in einer Wrestling-Arena, wo zwei dunkelhäutige Männer mit Turban und einem „McDonald’s-ist-scheiße“-T-Shirt von „Mr. America“ verprügelt werden. Das Amerika des bodenständigen Mittleren Westens, das „Herzland“, fühlt sich echt an, auch weil Goebel neben Büchsenbier, Bowling und Basketball unentwegt die Namen von Fastfoodketten, Fernsehserien, Automarken und Softdrinks droppt.

Viele seiner Bilder aber lassen zu wünschen übrig. Da bringt der wahlkämpfende John seine Anhänger mit der Patriotismus-Bekundung, durch seine Adern fließe Coca-Cola, zum Johlen. Die Augen von Goebels Figuren sind „wie Weintrauben, die sehen können“ oder „grau wie Regentropfen auf Zeitungspapier“. Und richtig peinlich wird es, wenn Goebel seinen Figuren Stellvertreterdiskussionen über Werte, die Verteilung von Wohlstand und den amerikanischen Traum unterschiebt. Da wird der „gute Hitler“ gefordert – nicht nur sprachlich ein Fehlgriff. An anderer Stelle wundert sich Blue Gene, dass seine Mutter Abtreibungen ablehnt, den Krieg aber befürwortet, schließlich würden da ja „Soldaten auf den Schlachtfeldern abgetrieben“. Irgendwann beschleicht einen das Gefühl, die Naivität der Figuren sei keinem Kunstgriff, sondern allein der Naivität des Autors geschuldet. Goebel missachtet einfachste Creative-Writing-Regeln, erklärt zu viel, bläht Dialoge auf und sorgt dafür, dass der gut angelegte Plot wilder und grotesker wird – und schlechter. Nach 700 Seiten weiß man, dass die Kurzstrecke Goebel mehr liegt. Im letzten Kapitel gibt es dann eine Halloweenkundgebung, einen Mordauftrag und einen Autounfall. Am Ende steht ein absurder Traum mit einem Riesenbaby, Engeln, Panzern und Soldaten: Joey Goebel hat sich verrannt.

„Heartland“ hätte ein gutes Buch werden können. Doch so ist es nur ein durchwachsenes, weil Joey Goebel eine Schwäche für seine Ideen hat und eine Abneigung gegen den Rotstift. So bleibt er das hoffnungsvollste Talent der US-Literatur, schafft es mit diesem Roman aber nicht, zu den großen Erzählern T. C. Boyle oder John Irving aufzuschließen, mit denen er so oft verglichen wird.

Joey Goebel: Heartland. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. Diogenes-Verlag, Zürich 2009. 720 S., 22,90 €.

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