John Banvilles Krimi „Nicht frei von Sünde“ : Schwarzmarkt mit Babys

„Nicht frei von Sünde“: John Banville hat unter Pseudonym einen Kriminalroman geschrieben. Der wirkt so unentschieden wie die Tarnung seines Autors.

Marc Neller

Ein Kind wird an einem Dubliner Pier übergeben wie ein Stück Ware. Schnitt. Der Pathologe Quirke sucht nach einer Party nachts noch seinen Arbeitsplatz auf, er ist betrunken wie meist. Er erwischt den Kollegen einer anderen Station dabei, wie der eine Akte fälscht; eine seiner Patientinnen ist kurz zuvor auf rätselhafte Weise gestorben. Schnitt. Die beiden Mediziner sind Halbbrüder, ihr erstes Gespräch lässt nur einen Schluss zu: dass sie zueinander in besonderer Rivalität stehen. Schnitt. Irgendwann ist die manipulierte Akte verschwunden.

Die Geschichte schraubt sich hinein in das Dublin der fünfziger Jahre, und bald ahnt man, dass in Quirkes Familie ein dunkles Geheimnis verborgen liegt und weitere Menschen sterben müssen.

John Banville, irischer Schriftsteller und Booker-Preisträger, hat unter dem Pseudonym Benjamin Black einen Kriminalroman geschrieben, dessen Handlungsfäden er souverän nach wenigen Seiten auslegt. Das ist nicht weiter verwunderlich. Banville schrieb schon 1989 mit dem „Buch der Beweise“ den ersten Band einer grandiosen Mördertrilogie. Auch etliche seiner anderen Romane beweisen, wie sehr er das Repertoire kriminützlicher Erzähltechniken beherrscht: Andeutungen, unheilvolle Stimmungen, abgestandene Atmosphären, das Fährtenlegen. Und: die Kunst der Verzögerung. In den Plotpausen von Banvilles Romanen blickt man auf den Grund der Geschichte, hier entstehen faszinierend leise Porträts. Meisterhaft versteht es Banville, wie zuletzt in dem großartigen Roman „Die See“, große Themen wie Leben und Tod, Liebe, Hass und Familie zu behandeln.

„Nicht frei von Sünde“ führt vieles davon vor. Und doch ist etwas anders. Banville zeigt, und man sieht mit ihm. Etwa eine Reihe scheinbar unscheinbarer familiärer Explosionen, dargestellt in der Banville eigenen Art: exakt, ohne ein Wort zu viel. Die Kämpfe zwischen dem Pathologen Quirke und seinem Halbbruder, dem Geburtsarzt Malachy Griffin, bieten viel Stoff. Quirke war einst in Griffins Frau verliebt. Geheiratet aber hat er deren Schwester, weil die zuerst mit ihm schlief. Dem Stiefvater ist er der bessere Sohn, Griffins Tochter der nähere Vater. Und er trägt auch nicht wenig Schuld daran, dass Griffins Ehe kaputt ist. Die kurzen Szenen, in denen Banville die Nachhutgefechte all dieser Konflikte erzählt, zeigen seine Qualitäten. Trotzdem scheitert Banville. Denn Quirke hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Dass Griffin mit dem Tod der jungen Frau zu tun hat, weiß er schnell – und vergisst es genauso schnell. Quirke versucht sich als Privatdetektiv – aber nicht allzu sehr. Er spricht mit einer Frau, die etwas über die düsteren Machenschaften weiß: dass seine Familie Babys nach Boston exportiert. Die Frau wird nach dem Gespräch ermordet – Quirkes Interesse nimmt deswegen nicht zu. Derlei zieht sich durch diesen Roman bis zum Finale. Es bleibt unverständlich, warum Quirke überhaupt Nachforschungen anstellt. Nicht weil er wissen will, sondern weil er getrieben ist „von einem Pflichtgefühl, von dem er nicht weiß, woher es kommt“ – und wem gegenüber. So steht es auf Seite 234. Überzeugend ist das nicht.

John Banville hat die Handlungslogik seiner Hauptperson für ein übergeordnetes Ziel geopfert. Die Kriminalgeschichte – der perfide Babyhandel zwischen Dublin und Boston zum Aufbau einer besseren, weil gläubigen Parallelgesellschaft – dient ihm nur als Allegorie. Als Abbild für die Gesellschaft irischer Auswanderer in die Vereinigten Staaten. Es ist nichts dagegen einzuwenden, einen Kriminalroman mit einer zusätzlichen Bedeutung aufzuladen. Im Gegenteil. Nur tut Banville das auf Kosten der Logik seiner Geschichte.

Die Konstruktion ist allzu sichtbar. Möglich, dass Banville ihr selbst nicht getraut hat. Es würde einige für ihn ungewöhnliche sprachliche Schwächen erklären. Zum Beispiel wartet er mit einem Überangebot bedeutungsschwerer, verbrauchter Adjektive („ahnungsvoll“) auf. Damit konterkariert er die beiläufige Art, mit der er an anderer Stelle kleine menschliche Katastrophen beschreibt. Oder er überstrapaziert das Stilmittel der Sowohl-als-auch-Zeichnung seiner Figuren. Sie sind „halb erstaunt, halb angenehm überrascht“, sie sind „halb ratlos, halb vergrämt“ oder reagieren „mit teils bedauerndem, teils vorwurfsvollem Lächeln“. Dies alles führt dazu, dass „Nicht frei von Sünde“ so unentschieden wirkt wie die halbherzige Tarnung seines Urhebers. Es reicht die Lektüre des Klappentextes, um zu erfahren, wer Benjamin Black ist.

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde. Roman. Aus dem Englischen von Christa Schuenke.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

432 Seiten, 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben