Jonathan Littell : "Die Leiche ist eine grammatikalische Form"

Der Schriftsteller Jonathan Littell ist zu seiner einzigen Lesung in Deutschland. Im Berliner Ensemble spricht er mit Moderator Daniel Cohn-Bendit über sein umstrittenes Buch, seine Gefühle beim Schreiben des Werks und menschliche Triebe.

Caroline Bock[dpa]
Jonathan Littell im BE
"Die Wohlgesinnten": Daniel Cohn-Bendit und Jonathan Littell im Gespräch. -Foto: dpa

BerlinDer Mann, dessen Buch als literarische Sensation gehandelt wird, zündet sich als erstes einen Zigarillo an. Jonathan Littell (40) sitzt in einer blauen Rauchwolke auf der Bühne des Berliner Ensembles. Sein Anzug ist etwas schlotterig, Arme und Beine sind fest verschränkt. Littell mag keine öffentlichen Auftritte. Bei der Verleihung des Prix Goncourt, des bedeutendsten französischen Literaturpreises, blieb der Bestsellerautor zu Hause.

Im Feuilleton erhitzt Littells Buch "Die Wohlgesinnten" seit Wochen die Gemüter. So sind die Zuschauer am Donnerstagabend bei der Buchpremiere besonders neugierig, zumal es der einzige Auftritt des Autors in Deutschland ist. In seiner 1400 Seiten langen Erzählung geht es um die Nazi-Verbrechen aus der Sicht eines reuelosen einstigen SS-Offiziers.

Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der wie Littell jüdische Wurzeln hat und in Frankreich aufgewachsen ist, will als Moderator wissen, was der Autor über sein Buch in Deutschland - dem Land der Täter - zu sagen hat. Littell gibt sich zurückhaltend. Plakative Aussagen sind seine Sache nicht. "Die Kinder (der Täter) haben Probleme, und das verstehe ich sehr gut", sagt Littell. Es sei offensichtlich, dass die Deutschen viel für die Aufarbeitung der Verbrechen getan hätten.

"Manche knallen durch"

Littell taut immer dann auf, wenn sich die Debatte vom Roman löst, manchmal ist er spöttisch. Cohn-Bendit kommt zur Struktur des Buches und der Musik von Bach. "Das hat mir erlaubt, Wagner zu vermeiden", sagt Littell. Der gebürtige New Yorker gehört zu den Schriftstellern, die nicht gern über ihr Werk sprechen. Lieber redet er über die Denker, die ihn beeinflussen - etwa die Philosophin Hannah Arendt, die nach dem Eichmann-Prozess die "Banalität des Bösen" bei den Tätern festhielt, oder den Kulturtheoretiker Klaus Theweleit ("Männerphantasien").

Theweleit erwähnt Littell, als es um die Homosexualität des Ich-Erzählers, des fiktiven ehemaligen SS-Offiziers Max Aue, geht. "Ich sage nicht, dass alle eine Erektion haben, wenn sie einen umbringen, aber das gibt es auch", sagt Littell über Triebe und Körperlichkeit. Als er in Afrika für eine Hilfsorganisation arbeitete, hat er miterlebt, wie sich manche Männer dort auf Prostituierte stürzten und Frauen erniedrigten. "Manche knallen durch", hat Littell bei den Helfern beobachtet.

Rang drei der deutschen Bestsellerlisten

In Littells Buch lebt der ehemalige SS-Offizier unter einem falschen Namen in Frankreich, der Erzähler ist ein hochkultivierter Mann. Geschildert wird Aues Karriere im Nationalsozialismus, wie er als Teil der Judenvernichtungsmaschine funktioniert und Einsätze im Osten koordiniert. "Ich bereue nichts: Ich habe meine Arbeit getan, mehr nicht", sagt Max. Er erlebt die Massenerschießungen in der Schlucht von Babi Jar nördlich von Kiew und inspiziert später die Gaskammern von Auschwitz.

Littell wird auf seine eigenen Gefühle beim Beschreiben der Greueltaten im Buch angesprochen. Dabei denke er nicht an die Sache, sondern an Dinge wie Kommata oder den Konjunktiv. "Die Leiche ist eine grammatikalische Form", sagt Littell. Das sei wie bei Malern. Diese konzentrierten sich bei blutigen Szenen auch darauf, welche Farbe sie auf der Leinwand verwenden. Der Vorwurf, sein Buch sei kitschig, stört ihn nicht, das gehe nicht anders. "Wenn man allein die Fakten zeigt, ist es schon ein Delirium", meint er.

Ganz nüchtern und klar trägt der Schauspieler Christian Berkel ("Der Untergang") die deutschen Passagen vor, ein Kontrast zu der etwas angestrengten französischen Diskussion. Noch einmal wird Littell nicht auf der Bühne sitzen, auf Lesereise geht er nicht. Rund 800.000 Bücher wurden in Frankreich verkauft, in Deutschland startete der Berlin Verlag mit 120.000 Exemplaren. In den Bestsellerlisten rangierten "Die Wohlgesinnten" in ihrer ersten Woche auf Platz drei. Ob das Buch ein größerer Publikumserfolg wird, wird sich noch zeigen. Als der Zigarillo-Rauch verzogen und Littell hinter der Theaterbühne verschwunden ist, gibt es darauf noch keine Antwort.

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