Jorge Semprún : ''Ich bleibe ein Roter''

Die Schriftstellerlegende Jorge Semprún über Demokratie, Erinnerung und die Wahlen in Spanien.

Semprun Foto: Mike Wolff
Jorge Semprún, im Februar 2008 in Berlin -Foto: Mike Wolff

Señor Semprún, am 9. März wählen die Spanier ein neues Parlament. Der scharfe Ton zwischen der konservativen Volkspartei und den regierenden Sozialisten erinnert an die Zeit des Bürgerkriegs. Ist Spanien immer noch ein gespaltenes Land?

Es gibt die zwei Spanien noch, las dos Españas. Aber der Kontext ist ein anderer. Die Rechte denkt nicht mehr an einen Militärputsch, auch wenn ihre Rhetorik die von 1936 ist. Das Problem ist, dass die Volkspartei vom nationalkatholischen Flügel dominiert wird. Er hat den Wahlkampf in einen Kulturkampf verwandelt. Die spanische Rechte ficht eine letzte Abwehrschlacht gegen den gesellschaftlichen Fortschritt.

Worum wird gestritten?

Die Regierung hat mit ihren Familiengesetzen ins Zentrum des nationalkatholischen Weltbilds gezielt. Sie hat Scheidungen erleichtert, die Abtreibung legalisiert und die Homosexuellen-Ehe eingeführt. Dagegen läuft die Rechte Sturm. Sie hegt ein tiefes Misstrauen gegenüber der Autonomie des modernen Menschen und der Freiheit der Frau. Wenn man sich heute die spanischen Gesetze anschaut, sind wir eines der fortschrittlichsten Länder Europas. Von dieser Realität fühlen sich einige Herren beleidigt.

Welche Rolle spielt die Kirche dabei?

Der spanische Klerus steht nach wie vor rechts. Mehr als 100 000 Menschen folgten vor wenigen Wochen dem Aufruf der Bischöfe, um in Madrid für die „christliche Familie“ und gegen den angeblichen „radikalen Laizismus“ von Präsident Zapatero zu demonstrierten. Ein Freund von mir hat die Kirchenmänner in der Zeitung „El País“ als „Leninisten“ bezeichnet. Zu Recht.

Papst Benedikt XVI ließ sich per Videokonferenz aus Rom zuschalten.

Das fand ich ziemlich befremdlich.

Sehr emotional wird auch über die Erinnerung an die Franco-Zeit gestritten, 30 Jahre nach dem Tod des Diktators.

Weil jetzt all das hochkommt, was nach dem Ende der Diktatur 1975 unter den Teppich gekehrt wurde. Die kollektive Amnesie der Franco-Jahre setzte sich nach seinem Tod fort. Man wollte die Transición, den friedlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie, nicht gefährden. Der Beamte etwa, der nach dem Bürgerkrieg 13 sozialistische Frauen in den Tod geschickt hatte, tat weiter seinen Dienst. Man sprach nicht über solche Dinge. Auch weil der Riss mitten durch die Familien ging. Heute ist eine neue Generation herangewachsen, die sich die Frage nach der historischen Wahrheit neu stellt. Die Rechte hatte gehofft, der Schlussstrich sei gezogen worden. Aber die Enkel der Opfer wollen wissen, in welchem Massengrab die Großeltern liegen. Es gibt einen richtigen Erinnerungsboom in der Literatur und im Kino.

Aber 36 Prozent der Spanier haben, das sagen Untersuchungen, in der Schule nie etwas über den Bürgerkrieg gelernt.

Das ist der Preis, den wir für die Transición zahlen. Man wollte vergessen oder erinnerte sich einzig an die Opfer des nationalistischen Lagers – wie man es in der Franco-Zeit gelernt hatte. Ich weiß noch, als ich Anfang der sechziger Jahre für die Kommunistische Partei im Untergrund arbeitete ...

Sie waren damals der meistgesuchte Mann Spaniens und lebten unter dem Namen Federico Sánchez in Madrid…

… richtig. Damals begannen die Nachrichtensendung mit der Losung der Falange, Francos faschistischer Bewegung: „Den glorreichen für Gott und Spanien Gefallenen.“ Da war der Bürgerkrieg schon mehr als 20 Jahre vorüber. Diese Kriegsmentalität hat bis heute in Teilen der Gesellschaft überlebt. So etwas streift man nicht einfach ab.

Seit Anfang des Jahres ist das „Gesetz zur historischen Erinnerung“ in Kraft. Die Opfer der Diktatur erhalten höhere Renten. Die Archive werden zugänglich gemacht und Massengräber geöffnet. Die Embleme der Falange sollen aus der Öffentlichkeit verschwinden, Franco-Straßen werden umbenannt. Das öffentliche Gedenken an den Diktator wird verboten.

Das Gesetz ist ein Symptom für das Scheitern der spanischen Zivilgesellschaft, die diese Selbstverständlichkeiten ohne den Staat hätte machen müssen. In Deutschland gab auch es nie ein „Gesetz zur Erinnerung“, und trotzdem erinnern sich die Deutschen. Dennoch begreife ich die Notwendigkeit der Maßnahme.

Der konservative Anwärter auf das Präsidentenamt, Mariano Rajoy, will das Gesetz abschaffen, falls er gewählt würde. Er sagt, es reiße alte Wunden auf.

Unsinn. Das Gesetz ist die letzte Etappe in der Versöhnung der Spanier. Es gibt immer zwei Erinnerungen: die der Sieger und die der Besiegten. Die Sieger müssen endlich die Erinnerung der Besiegten akzeptieren.

Sie saßen von 1943 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald. Wie unterscheidet sich der Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit von dem der Spanier?

Das kann man nur schlecht vergleichen. Franco setzte sich nach einem dreijährigen furchtbar blutigem Bürgerkrieg mit fast einer Million Toten durch. Danach befand sich eine Hälfte der Spanier auf der Flucht, im Gefängnis oder schwieg. Die linke politische Tradition Spaniens war ausgelöscht. Wie sollte da eine Auseinandersetzung stattfinden. Das Problem der Deutschen mit ihrer Geschichte ist ein anderes: Sie haben sich nie kollektiv gegen Hitler zur Wehr gesetzt. Ihre Erinnerung müsste daher viel selbstkritischer sein. Leider gibt es die Tendenz, alles auf Hitler zu schieben.

In Spanien schiebt man alles auf Franco.

Die spanische Linke läuft tatsächlich Gefahr, bei allem was die Rechte sagt und tut, immer gleich zu schreien: Franquismus! Aber der Franquismus ist tot. Ich habe ihn erlebt: Er bestand aus Unterdrückung, Verhaftung, Folter und Unfreiheit. Es gab keine Wahlen, nur eine Diktatur, die organische Demokratie genannt wurde. Die kulturelle und ideologische Basis der franquistischen Bewegung existiert zwar heute noch. Aber sie gefährdet nicht mehr die Demokratie.

In den Umfragen liegen Volkspartei und Sozialisten Kopf an Kopf.

Warten wir es ab.

Sie sind nach wie vor ein Roter?

Natürlich! Aber ein Roter, der sehr kritisch mit seinesgleichen ins Gericht geht.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich weder als Spanier noch Franzose fühlten, sondern immer ein ehemaliger Insasse von Buchenwald bleiben werden. Ist das noch so?

Ja, eindeutig. Die Erinnerung an das KZ ist zwar nicht immer präsent, und ich verbringe manchmal Tage ohne ein einziges Bild von dort vor Augen zu haben. Aber wenn ich mich frage, was das grundsätzlich Prägende in meinem Leben war, dann diese Erfahrung.

Das Gespräch führte Philipp Lichterbeck.

Jorge Semprún wurde 1923 in Madrid geboren. Seine linksliberale Familie floh während des Bürgerkriegs (1936-1939) nach Paris. Dort studierte Semprún Literatur und Philosophie, bevor er sich 1941 der Résistance anschloss. 1943 wurde er verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht. 1945 kehrte er nach Paris zurück. Von 1957 bis 1962 leitete er die Untergrundarbeit der spanischen KP in Madrid. Sie schloss ihn 1964 wegen „Abweichlertum“ aus. Im gleichen Jahr veröffentlichte er seinen autobiografischen Roman „Die große Reise“ über die Deportation nach Buchenwald. Von 1988 bis 1991 war er spanischer Kulturminister. Auf Deutsch erschien zuletzt: „Zwanzig Jahre und ein Tag“ (Suhrkamp). Semprún lebt in Paris und Madrid.

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