Judenverfolgung : „Sind Sie arisch?“

Die Historikerin Susanne Heim veröffentlicht Dokumente zur Judenverfolgung.

Manfred Gailus

Das Prügeln, das Beleidigen und Kränken, berichtet ein aus Wien nach dem Einmarsch der Deutschen im März 1938 geflohener jüdischer Lehrer, sei auf vielfache Weise vor sich gegangen: „Eine bekannte Frau ging mit ihrem Buben in der Lichtensteingasse. Da kam ihr eine ,Arierin’ mit ihrem Buben entgegen. Drauf fragte der ,arische’ Bub seine Mutter, ob er den Judenbuben anspucken dürfte. Die ‚arische’ Mutter erlaubte es, und der arische Bub spuckte den jüdischen Buben an.“

Diese winzige Episode aus dem soeben durch die Nationalsozialisten ‚angeschlossenen’ und bereits im Frühjahr 1938 in Pogromstimmung befindlichen Österreich gehört gewiss zu den harmloseren antijüdischen Übergriffen – und sagt doch eine Menge über großdeutsche Zustände der Jahre 1938–39, die im Zentrum des jetzt erschienenen zweiten Bandes des auf 16 Bände angelegten Editionsprojekts „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945“ stehen. Auf gut 800 Seiten hat die Berliner Historikerin Susanne Heim 329 Dokumente versammelt und sachkundig kommentiert, die einen repräsentativen Querschnitt nationalsozialistischer Judenpolitik und -verfolgung bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs bieten. Enteignung jüdischen Vermögens („Arisierungen“), erzwungene Auswanderung und antijüdische Gewaltaktionen um den 9. November 1938 stehen im Mittelpunkt der beeindruckend vielfältigen Quellenauswahl, die einen perspektivenreichen Blick auf die NS-Verfolgungspolitik und Gewaltereignisse ermöglicht. Neben zahlreichen Täterdokumenten – beispielsweise dem Protokoll der unsäglichen Besprechung bei Hermann Göring vom 12. November 1938 über Maßnahmen zukünftiger Judenpolitik – liest man mit besonderer Bewegung die Erfahrungsberichte von Verfolgten, unter denen die individuellen Fluchtprotokolle aus der Sammlung der Harvard-Universität besonders herausragen. Der Jurist Rudolf Bing, seit 1903 als Rechtsanwalt tätig und von 1928–33 Vorstand der Anwaltskammer Nürnberg, notierte zum Novemberpogrom: „Gegen drei Uhr morgens fuhren wir, meine Frau und ich, aus dem Schlafe auf. Vor der Haustüre hörten wir entsetzliches Gebrüll …, an allen Klingeln wurde geläutet, und Stimmen schrien: ,Aufmachen, sofort aufmachen.’ Ich rief sofort das Polizeipräsidium an und sagte nach Nennung meines Namens: ‚Ein Pöbelhaufen versucht, in mein Haus einzudringen.’ ‚Sind Sie arisch?’ fragte eine weibliche Stimme. ‚Nein’, antwortete ich. Die Verbindung wurde hierauf von ihr ohne weitere Bemerkung abgebrochen.“ Bevor ihre Wohnungstür aufgebrochen wurde, gelang den Bings in letzter Minute die Flucht durch das Fenster – vielen anderen gelang sie nicht.

Wer kompetente Aufklärung über diese Schreckenszeit anhand authentischer Dokumente sucht – hier ist sie.

– Susanne Heim (Hg.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Bd. 2. R. Oldenbourg Verlag, München 2009. 864 Seiten, 59,80 Euro.

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