Jugenderinnerungen : Zu jung für den Krieg, zu schwul für England

Die heiter-eleganten Jugenderinnerungen des Briten Christopher Isherwood erscheinen erstmals auf Deutsch. „Löwen und Schatten“ ist die Geschichte einer Abstandnahme - am Ende steht der Aufbruch nach Berlin.

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Christopher Isherwood stammte aus der englischen Oberschicht, wo man sich in Aphorismen und Adjektiven unterhält; Substanz und Substantive wären aufdringlich. Als Abiturient hatte er, wie seine Klassenkameraden auf der Privatschule in Repton, einen jüngeren Schüler als Leibdiener, als „fag“. „Fags“ heißen aber auch Zigarettenstummel und Schwule.

Von allen dreien ist in Isherwoods Jugenderinnerungen die Rede, aber immer so diskret, wie er es gelernt hat, wie er es in Cambridge praktizierte und wie er es bald zu verachten begann. „Löwen und Schatten“ ist die mit entwaffnender Ehrlichkeit, fast beispielloser Eleganz und völlig ohne Bitterkeit geschriebene Geschichte einer Abstandnahme. Immer wieder hebt Isherwood an seinen Freunden und Bekannten ihren Takt hervor, und auch er selbst beweist ihn. Die Konturen sind aber nie verschwommen, denn der Abschied gelingt – am Ende des Buches, im Jahr 1929, fährt der Autor nach Berlin, wo er die Textgrundlage für das Musical „Cabaret“ schreiben wird.

Erzogen wird er in Repton zunächst von Mr. Holmes, „endlos rücksichtsvoll und raffiniert“, der jeden Standpunkt und sein Gegenteil vertreten kann, damit die Schüler zum Denken kommen. Dem adoleszenten Anwurf, alle Institutionen seien von Übel, hält er entgegen, das hänge davon ab, wie man Institution definiere. Seine distanzierte Doppelbödigkeit färbt ab: Isherwoods Kommilitone Chalmers (gemeint ist Edward Upward) erhält einen Preis für ein Gedicht über die Selbstversenkung der kaiserlichen Flotte bei Scapa Flow, in dem Deutschland nur einmal und die Flotte gar nicht vorkommt. In Frankreich tut er etwas Entschiedenes, indem er „den Hut vor einer Dame zog, eine Dose Tabak kaufte, einem Fremden die richtige Uhrzeit nannte“. Die großen Themen „Liebe, Metaphysik, romantische Liebe“ dürfen dagegen nur spöttisch behandelt werden.

Holmes gibt den Jungs den Rat, bei ihren Aufnahmeprüfungen in Cambridge vor allem als Gentlemen aufzutreten. Isherwood und Upward halten davon nichts: Die Stadt sei die „Architektur der Nacht selbst“, die Colleges (keines wird beim Namen genannt) werden von einer „Junta“ beherrscht, die sie vernichten will: „Zum Tee würden sie uns einladen. Wir mussten auf der Hut sein.“

Mit Upward erschafft sich Isherwood eine Gegenwelt: Mortmere. Surreal, anarchisch, gotisch, idyllisch, und kaum je mehr als ein ambitioniertes schriftstellerisches Fragment. Isherwood wird zum Autor. Er hört die alternativlos scheinenden, aber deprimierenden Poetik-Vorlesungen des Materialisten Richards, liest Forsters Roman „Howards End“, diskutiert über T. S. Eliot und postuliert, dass der moderne Roman nur wirkliche Unterhaltung, „Apotheose des Teetischs“ sein könne. Als Vorbild dienen die Konversationen in der Privatschule und die einfachen Sätze der isländischen Sagas. Er lernt zwei heranwachsende Kollegen kennen: W.  H. Auden, der klinisch denkt, im Bus Lektürefunde deklamiert und Hüte trägt, und Stephen Spender, der wegen seines Nasenblutens „Springbrunnen“ genannt wird. Lange Zitate aus ihren Skizzen und Gedichten ergänzen Isherwoods Erinnerungen und bezeugen ihre fast symbiotische Beziehung.

Isherwoods Problem ist: Er war zu jung für den Krieg gewesen und sucht jetzt seine große Aufgabe, um nicht als Peter Pan in einer zerschlissenen Gesellschaft zu enden. Aber das ist nur eine Ablenkung: Er flieht eigentlich vor seiner Homosexualität, die der Leser nur in Momenten erahnt, wo er von den „desinteressierten blauen Augen“ eines männlichen Gegenübers spricht – der nicht desinteressierte Isherwood sieht genau, dass die Augen blau sind.

Die Politik kann kein Schauplatz der Persönlichkeitsbildung sein: Ruderer nennen ihre Terrier „Musso“, aber mehr weiß über den Führer der italienischen Faschisten keiner. Auch die Forderungen der Teilnehmer am scheiternden Generalstreik von 1926 kennt Isherwood nicht. Daher lässt sich auch die schöne Stelle nicht allegorisch lesen, an der er von dem Spiel der Freunde berichtet, einander während einer Achterbahnfahrt ungerührt aus der Zeitung vorzulesen.

Isherwood fällt absichtlich durch seine Prüfungen, arbeitet zwei Jahre lang als Sekretär des International String Quartets und dann als Hauslehrer, studiert kurzzeitig Medizin (eine seinem anekdotischen Denken fremde Tätigkeit) und bricht schließlich nach Berlin auf, denn diese Stadt bedeute, wie er später sagte, „boys“ – die ersehnte Befreiung, von der er in „Christopher und die Seinen“ erzählt. Isherwood ist einer der wenigen, die von Stadt und Land, Gesellschaft und Einzelnen gleich überzeugend und immer liebevoll schreiben. Daher wäre es wohl auch in seinem Sinn, wenn man „Löwen und Schatten“ für eine Freude hält.

– Christopher

Isherwood: Löwen

und Schatten. Eine englische Jugend in den zwanziger Jahren.

Aus dem Englischen von Joachim Kalka.

Berenberg Verlag,

Berlin 2010.

320 Seiten, 25 €.

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