Jurjews KLASSIKER : Auf dem Weg nach Avignon

Oleg Jurjew huldigt dem deutschen Mystiker Meister Eckhart.

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Seit meiner Kindheit kenne ich dieses wunderbare Gedicht von Daniil Charms: Ein Mann mit Säckchen und mit Stock / trat einmal aus dem Haus / und in die Wolt / und in die Wult / und in die Welt hinaus. So beginnt es in Alexander Nitzbergs Übersetzung (Daniil Charms: Seltsame Seiten, Bloomsbury, Berlin 2009). Ein berühmtes Gedicht. Und ein seltsames. Sofort nach seinem Erscheinen in einem sowjetischen Kindermagazin wurden Inhalte hineingelesen, die es nicht hatte. Am 1. Juni 1937 schrieb Charms in sein Tagebuch: „Nun ist eine Zeit gekommen, die noch schlimmer für mich ist. Im Kinderverlag hat man ein Gedicht von mir bekrittelt ...” Später interpretierte man das Gedicht als mutige Parabel zum Großen Terror. Ich bezweifle das: Charms war kein Selbstmörder. Aber ich spürte immer, dass eine Geschichte dahintersteckt, nur wusste ich nicht, welche. Jetzt habe ich eine Vermutung.

Ende Februar oder im März 1327 begab sich Meister Eckhart von Hochheim, einer der bedeutendsten deutschen Mystiker und Prediger des späten Mittelalters, von Köln, wo er der Häresie angeklagt war, nach Avignon, zum päpstlichen Hof. Er wollte sich selbst vor dem Heiligen Vater verteidigen. Meister Eckhart, um 1260 in Thüringen geboren, soll in seinem 68. Jahr gewesen sein, ein Greisenalter für seine Zeit. Er ging zu Fuß, was von den Angehörigen seines Dominikaner-Ordens auch verlangt wurde. Ich stelle es mir so vor: Er nimmt sein Säckchen, seinen Stock und geht. „Er schaute nur geradeaus, geradeaus er lief ...” Bis er nach Avignon kam.

Papst Johannes XXII. schrieb am 30. April 1328 nach Köln, dass Meister Eckhart gestorben sei, aber der Prozess weitergehe. Am 27. März 1329 (langsam mahlen Papstes Mühlen) erschien die Bulle in agro dominico, in der 17 von Eckharts Sätzen für häretisch erklärt wurden und weitere 11 für verdächtig. Meister Eckhart wurde vorgeworfen, zu viel wissen zu wollen und das gemeine Volk in die Irre zu führen. Der Angeklagte habe seine Fehler eingestanden und sei als guter Christ gestorben.

Möglicherweise ging es der römisch-katholischen Kirche nicht allein um die inkriminierten 28 Sätze. Das faszinierende Buch des in diesem Jahr 80 Jahre alt gewordenen Kurt Flasch (Meister Eckhart – Philosophie des Christentums, C.H. Beck 2010) vertritt die These, dass Meister Eckhart überhaupt kein Mystiker war, sondern eine neue christliche Philosophie entwickelte, die auf dem Glauben an die gedankliche Kraft des einzelnen Menschen in seiner Kommunikation mit Gott beruhte.

Trotz aller Versuche, die Ende des 20. Jahrhunderts unternommen wurden, Eckharts Sätze zu rehabilitieren,bleibt der Heilige Stuhl noch immer hart. Sollte man auf den deutschen Papst hoffen? Denn Meister Eckhart revolutionierte die „Volkssprache“ in seinen deutschen Predigten. Er machte sie abstrakter Begriffe fähig, er vergeistigte sie. In gewissem Sinne begann Meister Eckhart die Arbeit, die Luther vollendete. Dafür muss eigentlich jeder, der diese Sprache liebt, auch Meister Eckhart lieben. Wie beispielsweise Daniil Charms, der eine deutsche Schule in Petersburg besuchte und sich immer für die deutsche Mystik und Philosophie interessierte.

So oder so. Als jemand, der dem einfachen Menschen den direkten Kontakt zu Gott beibrachte, degradierte Meister Eckhart die Kirche zu einer rein organisatorischen Angelegenheit. Also wusste Johannes XXII., was für eine Gefahr von diesem alten Gelehrten (sein in Paris erworbener Magistertitel war die höchste Stufe der mittelalterlichen Bildung) ausging.

Ich bezweifle, dass Meister Eckhart in Avignon starb. Er war kein unbedeutender Mensch, er hätte mit gebührenden Ehren zu Grabe getragen werden müssen. Sein Grab wurde jedoch nicht gefunden, genauso wenig wie Aufzeichnungen über die Begräbnisausgaben. Wahrscheinlich küsste er den Heiligen Schuh, nahm sein Säckchen, seinen Stock und begab sich auf den Rückweg. Bis er sich eines Morgens früh / im dunklen Wald befand, / worauf er dinn, / worauf er donn, / worauf er dann verschwand. // Und trifft ihn einer unter euch / so rein eventuell, / dann sagt es ins, / dann sagt es ans, / dann sagt es uns ganz schnell.

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