Jurjews KLASSIKER : Der Fürst des Samisdat

Oleg Jurjew gratuliert dem Satiriker Antioch Kantemir zum 300. Geburtstag

Oleg Jurjew

Peter I., der große Umkrempler, hatte gewiss viele Sorgen: die Armee, die Flotte, die Errichtung Petersburgs, das Abschneiden der Bärte (und gelegentlich der Köpfe). Doch fast alles, was er tat, hatte für die russische Dichtung weitgehende Folgen. Erwarb er beispielsweise im Ausland einen kleinen „Mohren“ (Hugh Barnes erzählt davon ausführlich in seinem Buch „Der Mohr der Zaren“), dann wurde dieser zum Urgroßvater für Puschkin. Zog er im Sommer 1711 in den Feldzug gegen die Osmanen in Moldawien, dann brachte die katastrophale Niederlage seines Heeres der russischen Literatur ihren ersten Großdichter – den Fürsten Antioch Kantemir.

Dimitrie Kantemir, sein Vater, der von den Türken eingesetzte „Gospodar“, also Verwalter Moldawiens, der zuvor 22 Jahre lang in Istanbul als Geisel gehalten worden war, stellte sich auf die Seite Peters und musste mit ihm gen Russland fliehen. Sein jüngster Sohn Antioch, vor genau 300 Jahren in Iasi geboren und in Moskau, Charkow und Petersburg aufgewachsen, diente, wie es sich für die hochadelige Jugend gehörte, in einem privilegierten Garderegiment, studierte gleichzeitig in der neu gegründeten Petersburger Akademie – und schrieb Gedichte.

Der junge Leutnant war auch der Politik nicht fremd: 1730 wurde er zu einem führenden Teilnehmer der zahlreichen Palast-Umstürze nach dem Tod des Kaisers 1725: Es ging um die Wiederherstellung der Alleinherrschaft der Nichte Peters, Anna, die von dem „Oberen Geheimen Rat“ (der Versammlung der einflussreichsten Aristokraten) abgeschnitten war. Antioch Kantemir war immer ein konsequenter Verfechter des petrinischen Wegs zu einer aufgeklärten, modernen, absolutistisch regierten Großmacht, wie sie im 18. Jahrhundert eben modern war. Alle Feinde dieses Weges – Liebhaber des Altertums, Feinde der Bildung, Frömmler und Heuchler waren seine persönliche Feinde, und er brandmarkte sie in der modernsten Pariser Art – in klassizistischen Satiren à la Nicolas Boileau.

Die erste Satire (auf Feinde der Bildung) entstand 1729 und verbreitete sich sofort in Abschriften. Bis 1732 folgten ihr noch vier, dann bekam Kantemir von Kaiserin Anna den Posten des russischen Vertreters in London. 1738 wurde er Botschafter in Paris. Im Ausland entstanden noch vier weitere Satiren. Dennoch konnte Kantemir, hochgestellt, wie er war, seine Gedichte nie als Buch herausbringen. Die Druckerlaubnis musste in seinem Falle von ganz oben gegeben werden, und Satiriker machen sich „ganz oben“ bekanntlich nicht nur Freunde. Handschriftliche Kopien der Satiren zirkulierten jedoch überall in Russland. Man kann behaupten, dass Fürst Kantemir – nicht die Dissidenten der Sowjetzeit – der Begründer und erste Star des Samisdat war. Sein Schicksal eines „ungedruckten Dichters“ thematisierte er in den bitteren Zeilen seines vielleicht besten Poems „Brief an die Gedichte“: „Wie langweilig für euch, meine Gedichte, diese Schublade, wo ihr zehn Jahre lang / Hinter Schloss und Riegel in der Finsternis schmachtet! / Ihr drängt in die Freiheit, und täuscht euch darin, dass jeder / Euch, die heiteren Gäste, wird heiter willkommen heißen .../ ... euer Flehen zwingt mich, es euch zu erlauben, / Was uns, das weiß ich genau, schaden wird, und ich gebe euch /Die Freiheit.“

Das ersehnte Buch erschien in Russland erst 1762, 18 Jahre nach Kantemirs Tod. Eine französische Übersetzung kam übrigens schon 1746 in London, eine deutsche 1752 in Berlin. Dann wurde er für zu altertümlich befunden und nicht mehr gelesen, galt jedoch immer als der erste russische Dichter der Neuzeit.

Nun, nach drei Jahrhunderten russischer Dichtung und russischen Samisdat, erfreut sich Fürst Kantemir in Russland plötzlich wachsenden Zuspruchs. Sogar das russisch-französische Wörterbuch, das er verfasste und unveröffentlicht ließ, wurde 2004 herausgebracht.

Es wäre nicht verkehrt, wenn auch in Deutschland wieder ein Buch von ihm erschiene – sei es die zitierte Übersetzung von Spilker aus dem Jahr 1752 – oder besser noch die von Uwe Grüning unter dem Titel „Im Chaos aber blüht der Geist“. 1983 kam sie im Leipziger Insel-Verlag heraus und 1985 bei C.H. Beck.

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