Jurjews KLASSIKER : Der Jüngste unter den Vögeln

Oleg Jurjew erinnert sich an Arseni Tarkowski

Oleg Jurjew

Das letzte (und erste) Mal, als ich ihn gesehen habe, streichelte er mit seinen trockenen, unbeweglichen Fingern das verweinte runde Gesicht einer französischen Studentin, die ihm aus Paris einen Gruß von seinem Sohn, dem Regisseur Andrei Tarkowski, mitgebracht hatte. Das war im Sommer 1986. Arseni Tarkowski las seine Gedichte in einem Moskauer Kulturzentrum. Andrei Tarkowski war im Westen und sterbenskrank. Das wussten wir alle, die wir zu dieser seltenen Lesung gekommen waren. Im Dezember desselben Jahres starb Tarkowski-Sohn. Tarkowski-Vater starb drei Jahre später. Nun ist er 100 Jahre alt. Seltsam: Er schien immer 100 Jahre alt zu sein, zumindest für meine Lyriker-Generation, die Generation der 70/80er Jahre.

Vielleicht kam es daher, dass ihm erst sehr spät erlaubt worden war, seine Gedichte zu publizieren. Im Jahr 1962, in welchem der erste Film des 1932 geborenen Andrei Tarkowski („Iwans Kindheit“) auf die Leinwand kam, erschien auch der erste Lyrikband seines 55-jährigen Vaters. Bald darauf wurde er zum „alten Tarkowski“, einem Splitter der russischen Moderne, des „silbernen Zeitalters“. Er sagte es selbst: „Ich bin der Jüngste in der Familie der Menschen und der Vögel, zusammen mit ihnen allen hab ich gesungen.“ Der Jüngste, der alle großen russischen Dichter des XX. Jahrhunderts beweinen durfte. Zugleich war er der Älteste. Die letzte Stimme des nichtsowjetischen Russlands. Dafür wurde er bewundert – als ein (als das!) Bindeglied zwischen uns und der früheren Kultur. Das Wortfleisch seiner Gedichte schien nicht von der Sorte zu sein, die im Angebot war – nicht von der sowjetischen. Sie waren einfach in einer anderen Sprache geschrieben, in einem anderen Russisch.

Aus seiner Biografie ist es nicht abzuleiten – warum wurde eben er zu einer in der Sowjetliteratur so einmaligen Inkluse? In den 40ern und 50ern war er ein „Übersetzer aus den Sprachen der Bruderrepubliken“ (ein Beruf, der aus der „Völkerfreundschaft“ und der ideologischen Notwendigkeit, alles ins Russische zu übersetzen, entstand). Und so erfolgreich, dass ihn Kremlschranzen als Übersetzer des Tyrannen, der in seiner Jugend – man sagt, nicht ohne Talent – auf Georgisch gedichtet hatte, auserwählt haben sollen. Unter völliger Geheimhaltung („Genosse Stalin, Über-ra-a-schung!“). Der Große Führer habe die Idee gar nicht so gut gefunden, die interlinearen Übersetzungen und Nachdichtungen seien beschlagnahmt worden, aber man habe Tarkowski nichts getan – danke, Genossen.

Im 2. Weltkrieg schrieb er Kampfreime für eine Frontzeitung, die von Soldaten ausgeschnitten und auswendig gelernt wurden, kämpfte auch selbst, verlor ein Bein. In den 30ern war er Journalist, in den 20ern Student, im Bürgerkrieg (1918 - 1921) war er ein Kind und wanderte, hungernd und frierend, zu Fuß durch ganz Südrussland.

1907 wurde er in Jelissawetgrad (heute Kirovograd, Ukraine) geboren. Die Tarkowskis entstammten nicht einfach dem Adel, ihre Vorfahren sollen Schamchals, dass heißt Fürsten oder gar Könige des kaukasischen Volkes der Kumiken gewesen sein, die auf der Burg Tarki (in Dagestan) residierten. Daher der Name. Zum Zeitpunkt von Arsenis Geburt waren sie allerdings vollkommen russisch geworden (und „progressiv“ noch dazu: Sein Vater war als Revoluzzer unter polizeilicher Beobachtung gewesen, sein älterer Bruder, der im Bürgerkrieg fiel, war Anarchist).

All das führt allerdings nicht zwangsläufig zu dem, was er wurde, was seine Sprache wurde. Viele sowjetische Lyriker seiner Generation hatten ähnliche Biografien, waren talentiert und schrieben gute Gedichte.

Warum also er?

Ich glaube eine Antwort zu wissen: Unter allen, die das konnten, war er der Einzige, der das wirklich wollte.

Hätte sich niemand gefunden, der diesen Platz hätte annehmen wollen, wäre der durch die sowjetische Nacht gezogene verbindende Faden gerissen. Dann wäre auch ich nicht vorhanden (zumindest nicht so, wie ich jetzt bin). Deswegen verspüre ich für Tarkowski-Vater, den Jüngsten in der alten Familie der russischen Dichtung und den Ältesten in unserer jüngsten Familie, tiefe persönliche Dankbarkeit.

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